Wilfried Hagebölling und sein »Projekt Kunsthalle Bielefeld«
Kunst will eine eigene Architektur

Bielefeld/Paderborn (WB). Wer seine Kunst präsentieren will, schafft sie ins Museum. Eine Binsenweisheit. Aber so selbstverständlich, wie es klingt, ist die Sache nicht. Schnüren Museen die Kunst womöglich ein wie in ein Korsett? Fordert Kunst vielleicht eine spezielle Architektur?

Donnerstag, 07.03.2019, 14:26 Uhr aktualisiert: 07.03.2019, 14:30 Uhr
Die Kunsthalle in Bielefeld. Foto: Bernhard Pierel

Der Paderborner Künstler Wilfried Hagebölling hat diese überraschend klingenden Fragen schon vor 30 Jahren in einem fulminanten Werk gestellt.

Der Titel war denkbar schlicht: Hagebölling nannte es einfach »Projekt Kunsthalle Bielefeld«. Das Bielefelder Museum wurde 20 Jahre alt, und das wäre ein Grund gewesen, die bemerkenswerte Architektur des Philip-Johnson-Baus zu feiern. Hagebölling aber griff die Architektur des rechten Winkels an, »entfernte« einfach eine Wand und setzte eigenes Material an die Stelle einer Fläche, die bis dahin der Hängung von Gemälden vorbehalten war.

Besucher der Kunsthalle, die 1988 den Aufgang in den ersten Stock emporstiegen, blickten überrascht. Wo vorher eine ihnen vertraute, in dezent gefärbtem Leinen bespannte Wand gestanden hatte, glänzte metallisch ein gewaltiges Rechteck, das offenbar aus dem traditionellen Koordinatensystem des umbauten Raumes ausbrach – und das sich, sobald man es umrundete, als Körper mit trapezförmigem Grundriss entpuppte. »Das Architektursystem durchkreuzen!«, hatte Hagebölling notiert, als er sein Werk konzipierte, und das gelang ihm in verblüffender Manier.

Raum der Kunsthalle »implodiert«

Hagebölling, der die nie hinterfragte Einpassung von Kunst in ihr museales Ambiente als defizitär empfand, nutzte zwar Johnsons bauliche Vorgabe (Notiz: »Mit der gesamten Architektur arbeiten!«), ummantelte sie aber mit Spanplatten und Bleifolie. Er schuf ein »Ding« mit doppelter Optik, das der Betrachter gleichzeitig als Skulptur, mithin als Kunstobjekt, wie auch als Präsentationsort für Kunst auffassen durfte. Wie es Manfred Schneckenburger, Kunstlehrer und zweimaliger Leiter der Documenta, formulierte: »In den großen Museumsinstallationen in Bielefeld und Dortmund ein ähnliches Objekt wurde 1993 im Museum am Ostwall realisiert;d.Red. triumphiert die autonome Skulptur – in der Reaktion auf den Bau.«

Auf Ausgleich bedachter Dialog oder brüske Zurückweisung – die Kunstkritik hat schon vor 30 Jahren gegensätzliche Positionen vertreten. Helmut Schneider sah wegen Hagebölling den Raum der Kunsthalle »implodieren«. Im Gegensatz zu den beim Walzen und Hämmern zufällig entstandenen Musterungen der Bleifolie – sorgsam vermeidet Schneider den Begriff der »Ästhetik« – empfand er die makellosen Wandbespannungen und die Äderung des Wesersandsteins als »fad« und »steril«.

Er verstieg sich dazu, in dem Objekt einen »Akte der Notwehr« der Kunst gegen den »totalitären Anspruch« der (Museums-)Architektur zu sehen. Schneckenburger wiederum, deutlich entspannter, sah zwar den Künstler die »Ellenbogen« gebrauchen, bemerkte aber auch, dass Hageböllings Skulptur – durchaus dialektisch – »den Raum bricht und braucht«. Und Monika Hoffmann, die Galeristin des Künstlers, hob das trotz aller Kritik an architektonischen Gewissheiten versöhnliche »Alternieren von körperhafter und flächenhafter Erscheinung« hervor: Eben noch »Wand«, wird das Werk unversehens »Plastik«, je nach Standort und Bewegung und damit wechselnder Perspektive des Betrachters.

Käfig als Statement gegen Hexenverfolgung

Drei Jahrzehnte ist es jetzt her, dass Hagebölling die Besucher der Bielefelder Kunsthalle zu einem neuen Sehen animierte, aber das »Projekt« ist kein Solitär in seinem Œuvre und war es auch schon damals nicht. Der Künstler war erst 27, als er 1968/69 die Wand der Realschulaula in Sundern (Sauerland) entwarf, eine 20 Meter lange Fassade, die gleichzeitig ein Relief ist. »Die Wand ist von außen Architektur, von innen Plastik«, befand Andrea Wandschneider, die kürzlich verabschiedete Leiterin der städtischen Museen und Galerien Paderborn.

Hageböllings souveräner Umgang mit Kunst in ihrer Umgebung offenbarte sich ferner 2009 und 2011, dort in seinem Beitrag zur »Colossal«-Schau am Iburgshof in Belm (Niedersachsen), hier in dem Werk vor der Galerie am Abdinghof in Paderborn: zwei Arbeiten mit beweglichen Platten (»Türen«), deren Position vom Besucher verändert werden konnte, so dass sich wechselnde Ausschnitte der Welt betrachten ließen.

Spielerei? Der eminent politische Gehalt von Hageböllings Œuvre ergibt sich schon aus öffentlichen Reaktionen. Sein »Keil-Stück« auf dem Martinikirchhof in Minden wurde angefeindet, seit er es 1986/87 aufstellen ließ, und war 2001 sogar Gegenstand eines Prozesses. Das OLG Hamm entschied damals, das »Keil-Stück« dürfe nicht, wie von der Stadt geplant, auf einem Bauhof entsorgt werden – ein juristischer Sieg mit Signalwirkung, den sich die Kunst dank Hagebölling ans Revers heften darf. Seine Zelle im Stil des US-Foltercamps Guantánamo (2003/04) und ein Fingerzeig auf das Gefängnis Abu Ghraib wurde als »Schlag ins Gesicht unserer amerikanischen Freunde« diffamiert. Als der Käfig, auch ein Statement gegen die Hexenverfolgung und für die Kritik an ihr durch den Jesuiten Friedrich Spee (1591-1635), vor dem Paderborner Gymnasium Theodorianum (einst Jesuitenkolleg) aufgestellt wurde, wollte man den »Quatsch« schnellstens entfernt wissen.

Skulpturengarten in Paderborn-Sennelager

Hageböllings Kunst ist hochpolitisch. Jan Hoet (†) allerdings, charismatischer erster Direktor des Herforder Museums Marta, hat die Frage aufgeworfen, ob Kunst »in einer Gesellschaft, die keinen Blick für gemeinschaftliche Werte hat«, überhaupt noch sinnvoll ist. Kunst und Demokratie vertrügen sich schlecht, bedauerte Hoet – mit berechtigtem anklagendem Unterton – nur um dann Hageböllings Œuvre, das wesentlich aus tonnenschweren Arbeiten aus kompromisslosem Material wie Beton und Stahl besteht, geradezu kathartische Wirkung zuzuschreiben. Die Schwere der Hageböllingschen Werkstoffe bilde einen sichtbaren Kontrapunkt zur »Sinnleere dieser Zeit, die ihre Kompensation in Konsum, Unterhaltung, Sport, Tourismus und Life-Style-Strategien sucht«.

»Ich arbeite in der Überzeugung, dass Kunst in Leben überführbar ist«, hat Wilfried Hagebölling gesagt. Wer also sein Werk so interpretiert, hat viel vom Leben verstanden. Es empfiehlt sich ein Besuch in seinem Skulpturengarten in Paderborn-Sennelager (Bielefelder Straße 120), der von Mai bis Oktober an jedem ersten Sonntag im Monat von 15 bis 18 Uhr (und nach Vereinbarung) geöffnet ist.

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