Bielefelderin Hanna Ellen hat auf Instagram 72.200 Abonnenten – und trotzdem einen normalen Job
Zwischen zwei Welten

Bielefeld (WB). Materialistisch, oberflächlich, faul, arbeitslos! Das sind nur einige Adjektive, die viele Menschen mit dem Begriff »Influencer« in Verbindung bringen. Menschen, die auf Plattformen wie YouTube und Instagram ihr Leben begleiten und ihren Alltag zeigen – kann das überhaupt ein richtiger Beruf sein? Durchaus, findet die 23-jährige Hanna Ellen. Die Bielefelderin hat auf Instagram über 72.000 Abonnenten – aber trotzdem noch einen ganz normalen Job.

Dienstag, 05.03.2019, 04:00 Uhr aktualisiert: 05.03.2019, 11:52 Uhr
Vor der Kamera gibt Hanna Ellen eine gute und sichere Figur ab. Fotos und Videos sind ihr Tagesgeschäft. Foto: Bernhard Pierel

Die grafisch-technische Assistentin arbeitet halbtags, den Rest der Zeit investiert sie in You-Tube und Instagram. Und das sei auch gut so, wie sie sagt. »Für mich ist Social-Media immer noch ein Hobby. Nur, dass ich damit jetzt auch Geld verdienen kann«, erklärt sie. Hanna Ellen ist seit 2011 auf Instagram aktiv. Die Plattform, auf der die Benutzer jede Art von Fotos bearbeiten und hochladen können, stand da noch in den Startlöchern.

Mit der Zeit folgen immer mehr Benutzer Hanna Ellens Profil. »Ich glaube, ab einem gewissen Punkt ist es wie ein Schneeball-Effekt. Wenn du eine bestimmte Zahl erreicht hast, folgen dir automatisch immer mehr«, meint sie. Erst 2014 entwickelt sich aus dem Hobby eine Selbstständigkeit. Durch ihre Bilder werden schließlich verschiedene Firmen auf Hanna aufmerksam. »Plötzlich wurden mir kostenlos Sachen zugeschickt. Das war der Wahnsinn.«

Firmen fragen an

Mittlerweile haben viele Unternehmen in Influencern eine neue Möglichkeit der Werbung entdeckt. Wie groß dieser Markt geworden ist, lässt auch Hanna staunen. »Am Anfang war das noch total aufregend und spannend, wenn eine Anfrage von einer Firma kommt. Inzwischen sind es so viele, dass ich kaum noch hinterherkomme.« Deshalb arbeite sie nur noch mit Marken zusammen, deren Produkte sie vorher ausgiebig testen kann, oder eben Firmen, mit denen schon häufiger eine Zusammenarbeit zustande gekommen sei.

Diese Kooperationen sehen häufig so aus, dass Hanna Ellen sich mit dem zur Verfügung gestellten Produkt präsentiert. Auf ihrem Instagram-Profil zeigt sie dann zum Beispiel Bilder von sich mit verschiedenen Teesorten einer bestimmten Marke. Bei Kooperationen, bei denen Hanna Mode präsentiert, führt sie die Kleidung zusätzlich in ihrer »Instagram-Story« vor, also in kurzen Videoclips.

Freund und Hund sind dabei

Klingt alles ganz simpel. Von wegen, sagt Hanna Ellen. »Es hört ja nicht einfach auf, wenn man ein Foto von sich geschossen hat.« Die Bildbearbeitung, das Verfassen der Bildunterschrift, das Drehen der Videoclips, all das nehme viel Zeit in Anspruch. »Neben meinem Bürojob investiere ich eigentlich jede freie Minute in Social-Media.«

Auf You-Tube lädt sie wöchentlich »Vlogs« hoch, eine Art Videotagebuch, in dem sie ihren Alltag begleitet. Man sieht Hanna Ellen mit ihrem Hund Nino (der auch ein eigenes Instagram-Profil hat) beim Gassi gehen, mit ihrem Freund beim Abendessen, oder beim Shoppen mit ihrem Bruder im »Loom«. Geht da nicht die Privatsphäre verloren? »Ich entscheide, was ich zeige und was nicht«, sagt die 23-Jährige bestimmt. »Ich kann jederzeit die Kamera an die Seite legen oder auch im Schnitt Sequenzen bewusst herausnehmen.«

Videos mit einfachen Themen

Die Videos wirken professionell geschnitten und gedreht, beinhalten jedoch ganz simple Themen. Sie berichtet von ihrer Ernährung, ihrem Autokauf, der neuen Serie, die sie gerade zusammen mit ihrem Freund schaut. Dieses Alltägliche macht den Erfolg von Hanna und vielen anderen aus. Junge Menschen identifizieren sich mit Influencern, erkennen sich in ihnen wieder. Influencer gelten als die Popstars der jüngeren Generation. Dabei sind sie das gerade nicht. Niemand muss sich die Bravo kaufen, um zu erfahren, was in Hannas Leben passiert. Das zeigt sie selbst – und zwar sehr kontrolliert. »Ich bin mein größter Kritiker. Bevor etwas online geht, schaue ich es mir mindestens fünf Mal an.«

Verantwortung

Die Bielefelderin weiß auch um die Verantwortung gegenüber ihrer Zielgruppe. Die meisten Zuschauer seien in ihrem Alter – zwischen 18 und 24 Jahren, viele aber auch zwischen 13 und 18 Jahren. All das sind Faktoren, die die 23-Jährige beachten muss, bevor sie eine Kooperation annimmt. »Ich kann zum Beispiel keine Werbung für Produkte machen, die mehrere 100 Euro kosten. Das kann sich kein Schüler leisten«, erklärt sie. Die von ihr gezeigten Produkte müssen qualitativ dennoch hochwertig sein. »Wenn ich die Produkte vorher nicht testen darf, geht meine Glaubwürdigkeit kaputt«, erklärt Hanna Ellen.

Zweites Standbein ist nötig

Eine Karriere als Influencerin ohne zweites Standbein sei ihr zu unsicher. »Ich will mir einfach sicher sein können, ein gewisses Grundeinkommen zu haben.«Ihr lukratives Hobby hauptberuflich zu machen, komme für sie daher nicht in Frage. Wo sie sich in fünf Jahren sieht, weiß sie noch nicht genau. Eins ist aber sicher: Die Zeiten, in denen so eine Nebentätigkeit in der späteren Jobsuche hinderlich sein könnten, sind vorbei. Ganz im Gegenteil. »Ich habe schon Jobs bekommen, eben weil ich diese Erfahrung mitbringe.« Denn wer ist heutzutage marketingtechnisch auf dem aktuellsten Stand? Die Influencer. Und da sage doch noch einmal jemand, das sei kein richtiger Job.

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