Erzieherin (43) fordert ein Ausdünnen der Spielhallen und Wettbüros in Bielefeld-Brackwede
»Nachtruhe ist ein Fremdwort«

Bielefeld (WB). Die Serie krimineller Übergriffe und Belästigungen auf Treppenplatz und Treppenstraße reißt nicht ab. Viele Anwohner sind seit Jahren sauer, weil die Stadt Bielefeld das Thema nicht in den Griff bekommt. Jetzt erhebt eine Frau das Wort, die ihr Leben lang an der Hauptstraße wohnt und diese ausdrücklich in die Problemzone einbezieht. Sie bemängelt vor allem die »gesetzeswidrige Fülle an Spielhallen und Wettbüros«.

Sonntag, 03.03.2019, 17:00 Uhr aktualisiert: 03.03.2019, 17:14 Uhr
Spielhalle (rechts) neben Wettbüro (links): Ein Umfeld wie dieses an der Brackweder Hauptstraße, das oft auch den Drogenhandel anzieht, bereitet manchen Eltern Sorgen – zumal die Frölenbergschule ganz in der Nähe ist. Die Stadt hält sich zurück. Foto: Markus Poch

An der Einkaufsmeile und ihren Nebenstraßen haben sich mindestens fünf Spielhallen und vier Wettbüros angesiedelt, manche dicht beieinander, manche nahe der Frölenberg- und der Vogelruthschule sowie dem Louise-Scheppler-Kindergarten. »Dabei sind die Standorte dieser Läden gesetzlich geregelt«, betont die 43-jährige Erzieherin, die aus Angst vor Repressalien aus der Szene anonym bleiben möchte.

Sie verweist auf den Glücksspielstaatsvertrag. Darin heißt es, dass Spielhallen 350 Meter Luftlinie voneinander sowie genau so weit von Schulen und Jugendeinrichtungen entfernt sein müssen. Sowohl die Anhäufung als auch die Abstände würden in Brackwede nicht eingehalten.

»Sehr schade, was aus unserem Dorf geworden ist. Das Bild der Hauptstraße ist nicht mehr schön«, kommentiert die Brackwederin den aus ihrer Sicht optischen und gesellschaftlichen »Niedergang des Stadtbezirks«. Sie fürchtet sich zudem davor, dass ihre beiden schulpflichtigen Kinder auf die schiefe Bahn geraten könnten. »Denn jeder Mensch weiß doch, dass Spielhallen auch Drogenumschlagplätze sind«, sagt sie. »Zur Winterzeit ist es draußen noch erträglich, aber der nächste Sommer kommt. Dann parken die dicken Autos mit Kennzeichen anderer Städte wieder die Bürgersteige zu. Aus dem Innern dröhnt das typische ›umpf, umpf, umpf‹ der Musikanlagen.«

»Hier muss die Stadt dringend nacharbeiten.«

Vor den Spielhallen werde fast täglich lautstark palavert, gestritten und ins Handy »gebölkt«. Immer wieder seien Tritte gegen Werbeschilder oder Mülleimer zu hören. Anwohner, die sich beschweren, würden beschimpft und bedroht – »und glauben Sie nicht, dass das mit Ladenschluss um 1 Uhr nachts aufhört!«

Wie selbstverständlich erleichterten sich die Herren rücksichtslos in die umliegenden Grünanlagen. »Und jedes Mal, wenn es regnet, steigt einem der Uringestank in die Nase«, beklagt die 43-Jährige. Endlos erscheint die Liste ihrer Beobachtungen und Erfahrungen, die sie mit genau dem Klientel gemacht hat, das sich laut Erhebungen im Spielhallen- und Wettbüro-Milieu bewegt: Männer, Männer mit geringer Schulbildung und Männer mit Migrationshintergrund.

Ihnen allen werde der nächtliche Aufenthalt im Brackweder Zentrum d urch das umfangreiche Getränke-Angebot der Kioske schmackhaft gemacht, die besonders lang, teils rund um die Uhr geöffnet hätten. »Man darf sich nicht wundern, dass die Menschen nicht zur Ruhe kommen, wenn man ihnen eine solche Plattform bietet«, argumentiert die Brackwederin. »Manche Menschen gewöhnen sich an einen höheren Geräuschpegel mitten in der Nacht. Ich wehre mich dagegen. Es gibt doch eine gesetzliche Nachtruhe. Aber in Brackwede ist der Begriff Nachtruhe ein Fremdwort. Hier muss die Stadt dringend nacharbeiten.«

»Warum hat Clausen in Brackwede bisher keine Spielhalle geschlossen?«

Um so enttäuschter ist die Erzieherin vom Verhalten des Oberbürgermeisters, der nach ihrem Empfinden zu Gunsten der Anwohner weder das Spielhallengesetz ausschöpft noch gegen die Sonder-Öffnungszeiten der Kioske etwas unternimmt. Sie fragt: »Warum hat Clausen in Brackwede bisher keine Spielhalle geschlossen? Fürchtet er den Verlust an Steuereinnahmen, an Arbeitsplätzen oder eine Klagewelle?«

»Ich kann die Sorge der Eltern gut verstehen«, sagt Arne Rüger, Referent bei der Landeskoordinierungsstelle Glücksspielsucht NRW in Bielefeld. »Je stärker das Glücksspiel im Umfeld des Menschen vertreten ist, desto weniger werden die Risiken wahrgenommen, die davon ausgehen.« Aber die Situation der Stadt sei auch nicht einfach, was an einem juristischen Problem liege: »Bundesweit laufen Klagen, Klagen, Klagen seitens der Betreiber«, erklärt Rüger. »Es ist nicht leicht, zu verfügen, dass eine Spielhalle schließen muss, und eine andere, 150 Meter weiter, geöffnet bleiben darf. Es gibt immer das Risiko hoher Regressforderungen.« Bielefeld sei bemüht, tue sich aber mit der Spielhallen-Schließung genau so schwer wie viele andere Städte.

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