Kriegsgräberstätten lösen kontroverse Debatten aus – mit Video Spuren der Opfer und Täter

Bielefeld (WB). 2430 Kriegsgräber gibt es in Bielefeld – davon allein 1367 auf dem Sennefriedhof. »Jedes Grab hat seine eigene Geschichte«, sagt Hanna Hittmeyer, OWL-Bildungsreferentin beim Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge. Für sie sind die Kriegsgräberstätten vor allem ein Gedenk- und Lernort – und haben mit Kriegsverherrlichung oder Heldenpathos nichts zu tun.

Von Stefan Biestmann
Der Sennefriedhof ist laut Volksbund der einzige Ort in OWL, an dem fünf »Kriegstotengruppen« vertreten sind: Soldaten, politisch Verfolgte, Bombenopfer, Zwangsarbeiter und KZ-Häftlinge.
Der Sennefriedhof ist laut Volksbund der einzige Ort in OWL, an dem fünf »Kriegstotengruppen« vertreten sind: Soldaten, politisch Verfolgte, Bombenopfer, Zwangsarbeiter und KZ-Häftlinge. Foto: Oliver Schwabe

Dicker Schnee liegt auf dem Ehrenfeld der Soldaten des Sennefriedhofs. Die steinernen Kreuze sind in Reih und Glied angeordnet. »Viele Kriegstote hier waren damals jünger als 30 Jahre«, berichtet Hanna Hittmeyer. Sie deutet auf eines der Kreuze. Es steht für einen Schüler des Helmholtz-Gymnasiums, der als Flak-Helfer im Zweiten Weltkrieg sein Leben verlor.

Ein Schicksal, das gerade Schulklassen interessiert, die Hanna Hittmeyer zu den Kriegsgräberstätten führt. »Die Schüler diskutieren hier oft sehr kontrovers.« Von zu viel Heldenpathos und Kriegsverherrlichung ist dann die Rede. »Jeder Kriegstote hat einen Anspruch auf ein Kriegsgrab – auch die Täter«, kontert Hanna Hittmeyer. »Es ist gerade wichtig, auch über die Täter und die Taten zu sprechen – und nicht so zu tun, als wären alle nur Mitläufer gewesen. Und wir zeigen bewusst auf, wie Jugendliche zu Tätern werden konnten.«

»Uns geht es um das Erinnern und das Gedenken.«

Auch Stefan Schmidt, stellvertretender Landes-Geschäftsführer des Volksbunds, gibt den Kritikern Kontra: »Uns geht es um das Erinnern und das Gedenken. Gräber verherrlichen nicht den Krieg. Die Besucher der Kriegsgräberstätten können vielmehr diskutieren über Wege in den Krieg, in den Nationalsozialismus und über das Leben der Soldaten.«

Die emotionalen Diskussionen der Schüler zeigen Hanna Hittmeyer aber auch, wie intensiv sich die Schüler mit dem Thema befassen. »Besuche von Kriegsgräberstätten sollten im Schulunterricht Pflicht sein. Das können Schulbücher nicht leisten.« Auch Stefan Schmidt stellt ein großes Interesse an Kriegsgräbern und Kriegsschicksalen fest. Immer wieder gebe es auch aus Bielefeld Anfragen. »Mittlerweile ist es oft die Enkelgeneration, die mehr über den Tod des Großvaters oder der Großmutter wissen möchte«, berichtet er.

Auch Babys als Opfer

Doch in welchen Fällen gibt es überhaupt einen Anspruch auf ein Kriegsgrab? Stefan Schmidt verweist auf das Gräbergesetz. Demnach gilt der Anspruch für Soldaten, Bombenopfer, KZ-Häftlinge, Zwangsarbeiter, Euthanasie-Opfer, politisch Verfolgte sowie Opfer von Flucht und Vertreibung. Der erste Todeszeitraum umfasse die Jahre 1914 bis 1922. »Also auch die Opfer, die später an den Folgen des Ersten Weltkriegs gestorben sind.« Der zweite Zeitraum erstrecke sich von 1933 bis 1952. »Das umfasst dann auch die Opfer der NS-Gewaltherrschaft und die Opfer der Spätfolgen des Zweiten Weltkriegs.«

So erfahren auch die Teilnehmer des Rundgangs auf dem Sennefriedhof, dass hier neben 591 Soldaten auch politisch Verfolgte, Bombenopfer, ausländische Zwangsarbeiter und einige Häftlinge des Konzentrationslagers Wewelsburg ihre letzte Ruhe fanden.

»Wegen lästerhafter Aussagen über Hitler von den Nazis ermordet«

»Der Sennefriedhof ist der einzige Ort in OWL, an dem fünf Kriegstotengruppen vertreten sind«, berichtet Hanna Hittmeyer. Es sind erschütternde Geschichten, über die sie berichtet. Auf dem Ehrenfeld für die politisch Verfolgten steht sie am Grabstein des Gewerkschaftssekretärs Oskar Grube (1877-1941). »Wegen lästerhafter Aussagen über Hitler wurde er von den Nazis verhaftet und ermordet.«

Das Ehrenfeld für die Zwangsarbeiter liegt versteckt am Rande des Sennefriedhofs. »Das liegt daran, dass das Schicksal der Zwangsarbeiter erst später ins Bewusstsein der Gesellschaft rückte.« Die Zwangsarbeiter stammten meist aus der Sowjetunion, Polen und Ex-Jugoslawien. Allein 30 Kinder sind hier begraben – darunter auch Babys. Hanna Hittmeyers Zuhörer sind entsetzt, wenn sie an den Grabsteinen stehen. »Viele Opfer starben aufgrund der schlechten hygienischen Verhältnisse in den Lagern«, sagt sie.

Viele Lebensgeschichten der Kriegsopfer sind unerforscht. »Dazu braucht man viel Zeit, aber natürlich auch Geld«, sagt Hanna Hittmeyer. Und so führt sie derzeit auch Gespräche mit der Uni Bielefeld, um einen Kursus zum Thema Kriegsgräber zu veranstalten.

»In Bielefeld wird viel für die Gräberpflege getan«

Die Bildungsarbeit ist eine von vielen Aufgaben des Volksbundes. Die humanitäre Organisation erfasst im Ausland Gräber der deutschen Kriegstoten und pflegt sie. In Deutschland dagegen ist der Volksbund nur beratend tätig. Die Friedhofsträger sind im Auftrag der Länder für den Erhalt zuständig. »Für die Pflege der Kriegsgräber erhalten die Friedhofsträger eine Pauschale«, berichtet Stefan Schmidt.

In einzelnen Städten wie Dortmund gab es in der Vergangenheit Kritik daran, dass die Stadt Kriegsgräberstätten nicht ausreichend pflegt. Hanna Hittmeyer untersucht immer wieder den Zustand der Anlagen in OWL. Im Kreis Minden-Lübbecke entdeckte sie verwahrloste Kriegsgräberstätten – und meldete sie der Kommune.

»Aber in Bielefeld ist das anders. Hier wird viel für die Gräberpflege getan«, lobt Hanna Hittmeyer. »Als 2018 der Sturm Friederike Teile eines Ehrenfelds auf dem Sennefriedhof zerstörte, haben Mitarbeiter des Umweltbetriebs schnell alles wieder in Ordnung gebracht.«

Plädoyer für Volkstrauertag

Die Stadt gehe »würdig mit Gedenkstätten und Kriegsgräbern um«, meint der Bielefelder Sozialdezernent Ingo Nürnberger. Er ist Vorsitzender des Volksbund-Kreisverbandes Bielefeld mit etwa 300 Mitgliedern. Nürnberger unterstreicht die gesellschaftliche Bedeutung der Kriegsgräberstätten: »Biografiearbeit, also die Beschäftigung mit den Menschen, die als Soldat Opfer geworden sind, ist beispielsweise ein sehr gutes In­strument, um ganz konkret über den Wahnsinn Krieg zu reden.« Er spricht sich aber dagegen aus, den Besuch zur Pflicht im Schulunterricht zu machen. »Dafür gibt es viele andere wichtige Gedenkstätten, die ebenfalls geeignet sind, Geschichte erfahrbar zu machen.«

Um seine Arbeit erledigen zu können, ist der Volksbund auf Spendensammlungen angewiesen. Hanna Hittmeyer weiß, dass Kritiker den Volksbund und den von ihm gestalteten Volkstrauertag als Relikte der Vergangenheit bezeichnen. »Der Volkstrauertag ist der einzige zentrale Gedenktag, um uns über einen wichtigen Teil unserer nationalen Geschichte zu informieren. Wir brauchen eine Form des Gedenkens«, sagt sie. Stefan Schmidt ergänzt: »Es geht am Volkstrauertag um alle Toten, die durch militärische Gewalt ums Leben kamen. Der Tag ist eine Mahnung zum Erhalt des Friedens.«

Hanna Hittmeyer will ihre Arbeit als Mahnerin weiterführen und Kriegsgräberstätten zum Lernort entwickeln. Mit neuen Angeboten sollen auch mehr Erwachsene angesprochen werden. Die Bedeutung der Kriegsgräberstätten ist nicht zu unterschätzen, betont sie: »Die Schicksale der Opfer helfen uns dabei, die regionale, deutsche und europäische Geschichte besser nachzuzeichnen.«

Kriegsgräber in NRW, OWL und Bielefeld

In NRW gibt es nach Angaben des Volksbunds Deutsche Kriegsgräberfürsorge laut der letzten offiziellen Berechnung 319.472 Kriegsgräber an 2154 Kriegsgräberstätten, in OWL 77.530 Gräber an 190 Kriegsgräberstätten. In Bielefeld gibt es 14 Kriegsgräberstätten mit 2430 Kriegsgräbern. 1367 sind auf dem Sennefriedhof zu finden. Dies sind nach Angaben des Volksbunds die weiteren Kriegsgräberstätten: Buschkamp (563 Kriegsgräber), Neuer Friedhof Bethel (309), Schildesche (56), evangelischer Friedhof Brackwede (53), Eckardtsheim (17), Sudbrack (16), Stieghorst (12), Kirchdornberg (11), katholischer Friedhof Brackwede (9), evangelischer Friedhof Heepen (8), Waldfriedhof Theesen (7), Brake (1), Jüdischer Friedhof Stapenhorststraße (1)

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