Betroffene von Misshandlungen sprechen erstmals mit Bethel-Vorstand
»Ich fresse das seit 40 Jahren in mich rein«

Bielefeld (WB). Die Aufarbeitung von Unrecht, Misshandlungen und Missbrauch in Jugendhilfeeinrichtungen und Heimen in den 1950er, 60er und 70er Jahren ist ein schwieriger und oft schmerzhafter Prozess. In Bethel haben sich nun erstmals Betroffene mit einem Vorstandsmitglied der von Bodelschwinghschen Stiftungen zu einem persönlichen Gespräch getroffen.

Sonntag, 03.02.2019, 04:00 Uhr aktualisiert: 03.02.2019, 08:10 Uhr
Bethel-Vorstandsmitglied Ingmar Steinhart (2. von rechts) bei dem Treffen im Haus Regenbogen mit (von links) Muhammad Schmidt, Bert Kelz und Karsten van Wulfen, die früher in Bethel-Einrichtungen gelebt haben und dort misshandelt wurden. Foto: Uffmann

Bert Kelz (62), Muhammad Schmidt (69) und Karsten van Wulfen (50) reisten am Freitag unter anderem aus Thüringen und Köln nach Bethel, um mit Bethel-Vorstandsmitglied Professor Ingmar Steinhart zu sprechen. »Ich wollte vom Vorstand, dass er mir ins Gesicht sieht und um Entschuldigung bittet. Und ich wollte sehen, dass es heute in den Einrichtungen anders gemacht wird«, sagte Schmidt.

Persönliches Gespräch

Zusammen mit anderen Betroffenen hatte er das Zusammenkommen angeregt. In anderen Bethel-Standorten wie etwa im niedersächsischen Freistatt gebe es diese seit 2006 regelmäßig, mancherorts mehrmals im Jahr, erklärte Bethel-Sprecher Jens U. Garlichs. In Bielefeld seien die Betroffenen eingeladen worden zur Vorstellung des Buches, in dem die Verhältnisse in den Betheler Einrichtungen beschrieben werden, sagte Ingmar Steinhart. »Auf dieser sehr persönlichen Ebene ist es hier in Bethel das erste Treffen«, so das Vorstandsmitglied.

Bethel bemühe sich seit vielen Jahren um die wissenschaftliche Aufarbeitung von Übergriffen und Missbrauch in seinen Einrichtungen der Jugendhilfe und Psychiatrie in der Vergangenheit und um die Veröffentlichung, so Steinhart. »Der beste Weg ist jedoch für viele das direkte Gespräch.«

Das sagte auch Muhammad Schmidt. »Bethel ist im Vergleich zu anderen Einrichtungen bei diesem Thema relativ offen. Die Aufarbeitung muss aber bis zur letzten Konsequenz gehen«, betonte er. Sich den Erlebnissen der Kindheit und Jugend zu stellen, schafften jedoch nicht alle der Betroffenen, erklärte Ingmar Steinhart. »Zu diesem Termin sind manche nicht gekommen, weil es für sie zu belastend ist und sie es einfach nicht schaffen.«

Mit dabei waren am Freitag auch ehemalige Mitarbeiter der Einrichtungen. Darum hatte Bert Kelz gebeten. »Ich habe Menschen eingeladen, die ich in guter Erinnerung habe und die damals zu mir gehalten haben«, erklärte der 62-Jährige, der seit 29 Jahren in Köln lebt.

Am 17. Februar 1975, erinnert er sich bis heute ganz genau, sei er nach Bethel gekommen. Zunächst nach Mara, dann sechs Wochen in das Haus Mizpa. »Das sollte eigentlich der Sprung nach draußen sein. Aber der Hausvater kam mir blöd, so dass ich ihm auf die Zwölf gegeben habe«, erzählt Kelz.

Daraufhin sei er in das Haus Hebron in Eckhardtsheim gekommen, eine geschlossene Einrichtung. Und als er sich mit anderen Jugendlichen geprügelt habe, sei er von acht Mitarbeitern geschlagen und gefesselt worden, »und dann haben sie mich in die Gummizelle gesteckt«. Dort haben er dann wiederholt mehrere Tage verbringen müssen.

»Das bleibt immer in mir«

Viele Jahre später habe er dann an Bethel geschrieben und seine Erlebnisse geschildert und daraufhin eine Entschädigung erhalten. »Aber das kann natürlich nicht wieder gut machen, was mir passiert ist«, sagt Bert Kelz.

Die Möglichkeit, über das Erlebte zu sprechen, sei für ihn deshalb wichtig, betonte er die Bedeutung des Treffens. »Ich fresse das seit 40 Jahre in mich rein.« Ein Weg, mit dem Erlebten umzugehen, sei für ihn auch das Marathonlaufen gewesen, zu dem ihn ein ehemaliger Bethel-Mitarbeiter gebracht habe. 141 Marathons habe er bis heute bestritten. Und nach dem Treffen am Freitag sagte Bert Kelz: »Ich bin hergekommen, um zu reden. Und nun fühlt es sich ein bisschen besser an. Aber das bleibt immer drin in mir.«

Muhammad Schmidt war von 1958 bis 1968 in Betheler Einrichtungen – unter anderem in den Häusern Kapernaum und Hebron. »Das war die Frühzeit, wo es sicher am härtesten war«, sage der 69-Jährige. Freiheitsberaubung, Körperverletzungen, die Unterschlagung von Post, die Ruhigstellung mit Medikamenten und auch sexuellen Missbrauch habe er erlebt. »Hebron war damals ein Knast«, so Schmidt. »Ich habe viele gute Jahre meiner Kindheit und Jugend verloren.«

Offen für weitere Treffen

Sich zu bilden und etwa aus seinem Leben zu machen, »obwohl mir in Bethel immer nur gesagt wurde: du kannst nix, du taugst nix«, das sei seine Form der Bewältigung gewesen. So habe er unter anderem mehrere Jahre in China gelebt, um chinesische Medizin zu studieren.

Ort des Treffens war am Freitag das Haus Regenbogen am Quellenhofweg. In der Einrichtung von Bethel.regional leben Jugendliche und junge Erwachsene im Alter von sechs bis 18 Jahren mit einer Lern- oder geistigen Behinderung, manche von ihnen haben zusätzlichen Unterstützungsbedarf durch eine psychische Behinderung, eine Epilepsie oder Autismus. Dort zu sehen, dass es in den Einrichtungen heute anders zugehe als damals, sei wichtig für ihn, sagte Schmidt.

Die von Bodelschwinghschen Stiftungen seien offen für weitere Begegnungen dieser Art, unterstrich am Freitag Ingmar Steinhart. »Wer sich bei uns meldet, dem machen wir dieses Angebot.« Denn, so Steinhart: »Wir müssen uns der Aufarbeitung stellen und zeigen, dass es heute anders läuft. Wir nehmen dieses Erbe an.«

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