Zugausfälle, Verspätungen: Keolis bekommt Chaos nicht in den Griff Eurobahn droht Kündigung

Bielefeld (WB). Die Geduld des Auftraggebers ist zu Ende: Der Nahverkehrsverband Westfalen-Lippe (NWL) will an diesem Donnerstag die rechtlichen Voraussetzungen schaffen, die Verträge mit der Eurobahn kündigen zu können – auch wenn es schwierig sein wird, ein Nachfolgeunternehmen zu finden.

Von Bernd Bexte
Die Eurobahn.
Die Eurobahn.

Die Eurobahn wird an diesem Donnerstag wegen Organisationsversagens in allen vier Netzen abgemahnt. Im Februar war dem Verkehrsunter­nehmen, wie berichtet, bereits eine Abmahnung wegen Ausfällen im neu übernommenen Teutoburger-Wald-Netz zugestellt worden. Mit der zweiten Abmahnung würden nun, so ist von Verfahrens­beteiligten zu hören, die Voraussetzungen geschaffen, um die Verträge mit dem Tochterunternehmen des französischen Keolis-Konzerns zu kündigen.

Von »Organisationsversagen«, von »Nicht- und Schlechtleistungen« ist die Rede in der Vorlage für die heutige Sitzung der NWL-Verbandsversammlung in Unna. Die Zahl der ausgefallenen oder verkürzten Züge sei laut NWL von Juli bis einschließlich Oktober von 4,6 Prozent auf elf Prozent aller Verbindungen gestiegen. Das entspreche immerhin 2100 Fahrten in den vier Eurobahnnetzen (Teutoburger-Wald-, Hellweg-, OWL- sowie Maas-Rhein-Lippe-Netz). Im November habe sich die Situation weiter verschlechtert.

Verkürzte Züge, volle Züge

Nicht nur die Ausfälle beeinträchtigen den Betrieb massiv: Aufgrund verkürzter Züge hätten laut NWL viele Fahrgäste am Bahnsteig zurückbleiben müssen, so voll seien die Züge gewesen – und das über einen längeren Zeitraum auf immer wieder denselben Linien. Laut NWL war allein im Hellweg-Netz (u.a. Münster-Hamm-Bielefeld und Münster-Paderborn-Warburg) im September jeder dritte Zug verkürzt, im OWL-Netz (u.a. Münster-Bielefeld-Rahden) traf dies im Juli auf 28 Prozent der Züge zu, im Teutoburger-Wald-Netz (u.a. Bielefeld-Hengelo) fiel im Oktober sogar jeder zehnte Zug komplett aus. Das entspricht laut NWL 600 Fahrten pro Monat.

Diese »Nicht- und Schlechtleistungen« der Eurobahn seien auf eine anhaltend nicht vollständig verfügbare Fahrzeugflotte, Personalmangel und fehlendes Werkstattpersonal zurückzuführen.

Der Frust ist groß: Mittlerweile haben Fahrgäste Online-Petitionen auf den Weg gebracht. Sie klagen auch vielfach über nicht ausreichende Informationen und fehlende Entschädigungsregelungen. »Zahlreiche Kunden haben angekündigt, ihr Ticket-Abo abzugeben«, erklärt der NWL. Auch Städte und Gemeinden fordern den Verkehrsverband zum Handeln auf.

Zweite Abmahnung

Pikant: Der NWL hat den Vertrag mit der Eurobahn im Hellweg-Netz verlängert. Zum Neustart just in diesem Monat stünden allerdings, wie vor einem Jahr bei der Übernahme des Teutoburger-Wald-Netzes, »die vorgesehenen Neufahrzeuge nicht zur Verfügung«. Der Betrieb könne nicht wie vertraglich vereinbart starten, zeigt sich der NWL frustriert.

Die Quittung für all diese Versäumnisse bekommt die Eurobahn in Form der zweiten Abmahnung. Zudem soll die Eurobahn betroffenen Fahrgäste eine »angemessene Entschädigung« gewähren, fordert der NWL.

Letzte Maßnahme vor einer möglichen Kündigung wäre ein Unter­suchungsverfahren (Audit) mit externer Unterstützung bei der Eurobahn, um dort konkrete Schwachstellen in der Betriebsorganisation aufzudecken und im Anschluss abzustellen. »Erfolgt dies nicht, wären die Verträge zu kündigen«, skizziert der NWL ­seine Strategie für die heutige ­Sitzung.

Knackpunkt wäre dann allerdings die Suche eines Nach­folgeunternehmens, das einen reibungslosen Betriebsübergang gewährleisten könnte – eine nur schwer zu lösende Aufgabe.

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