40 Millionen Euro teure Verbrennungsanlage in Bielefeld will ab 2022 Klärschlamm vernichten
Klärwerke in Not: Wohin mit dem Schlamm?

Bielefeld (WB). Städte bekommen ein Problem: Von 2030 an dürfen sie den getrockneten Klärschlamm aus ihren Klärwerken nicht mehr auf Äckern ausbringen. Wohin also damit? Nach Bielefeld!

Freitag, 14.09.2018, 04:57 Uhr aktualisiert: 14.09.2018, 05:00 Uhr
Neben der Müllverbrennungsanlage in Bielefeld-Heepen wird eine Anlage zum Verbrennen von Klärschlamm gebaut. Foto: Thomas F. Starke

Die Stadtwerke-Tochter Interargem will auf dem Gelände der Müllverbrennungsanlage (MVA) Bielefeld eine Verbrennungsanlage für getrockneten Klärschlamm errichten. Nach jetzigem Stand könnte die Anlage 2022 in Betrieb gehen. Die Investition: 40 Millionen Euro.

»Wir wollen den Kommunen in der Region mit dem Bau unserer Anlage Entsorgungssicherheit geben«, sagt Interargem-Geschäftsführer Rainer Müller. Denn 2030 wird es verboten sein, Gärreste aus Kläranlagen als Dünger auf Feldern zu entsorgen. Das gilt zumindest für die größeren Anlagen. Um das Grundwasser zu schützen, Schadstoffe und Arzneimittelrückstände nicht in den Nahrungskreislauf gelangen zu lassen, ist spätestens dann die Verbrennung vorgeschrieben. Schon aktuell wird es für die Kommunen immer schwieriger, ihren Klärschlamm loszuwerden.

Wird die Anlage in Heepen gebaut, bedeutet dies, dass in der für jährlich 400.000 Tonnen Abfall ausgelegten Anlage zusätzlich rund 35.000 Tonnen getrockneter Klärschlamm verbrannt würden. Rund 30 Lkw mehr als bisher würden die Anlage täglich anfahren. Die Leistungsfähigkeit der Rauchreinigung werde sich jedoch nicht ändern, betont der Interargem-Chef, der im Januar die Nachfolge von Stadtwerke-Geschäftsführer Friedhelm Rieke antreten wird.

Emissionen werden um bis zu 99 Prozent unterschritten

Die moderne, achtstufige Rauchreinigung, die zu den effektivsten ihrer Art zählt, zerstört Schadstoffe und filtert diese aus dem Rauch heraus. Die gesetzlichen Grenzwerte für die Emissionen werden um bis zu 99 Prozent unterschritten. »Daran ändert sich nichts«, versichert Müller. Anwohner müssten auch keine Geruchsbelästigung fürchten.

Er weiß um die besondere Sensibilität in diesem Bereich, verspricht größtmögliche Transparenz. Gestern beschäftigte sich erstmals die Bezirksvertretung Heepen im nichtöffentlichen Teil ihrer Sitzung mit dem Projekt, die Ratsgremien werden folgen.

Wie bei der Müllverbrennung setzt die Interargem bei der Klärschlammverbrennung auf eine regionale Lösung. An der Interargem sind neben den Stadtwerken Bielefeld, die fast 76 Prozent der Anteile halten, auch 19 Kommunen und Kreise vorwiegend aus Ostwestfalen-Lippe beteiligt. Diese und andere sollen nun auch ihren Klärschlamm nach Bielefeld bringen. Aber die Interargem muss sich auch gegen Mitbewerber durchsetzen. Die Westfalen-Weser-Energie-Gruppe aus Paderborn tummelt sich ebenfalls auf diesem Feld, will den Schlamm aus der Region im Ruhrgebiet verbrennen lassen. »Wir lehnen einen solchen Klärschlammtourismus ab«, sagt Müller dazu.

Verbrennungskapazitäten ausgeschöpft

Am Ende wird aber auch der Preis entscheiden, wer den Zuschlag bekommt. Müller hofft, dass es zu einer Ausschreibung der Leistungen kommt und Kommunen nicht voreilig Zuschläge erteilen. Damit sich der Bau der Anlage lohnt, benötigt er Verträge mit einzelnen Kommunen, um die Grundauslastung der neuen Anlage zu gewährleisten.

Der Zeitplan für deren Bau ist ambitioniert, »aber machbar«, wie Müller betont. Im Frühjahr 2019 soll der Genehmigungsantrag eingereicht werden, die Ausschreibung für das Projekt möglichst Mitte 2020 abgeschlossen sein, die Anlage dann zwei Jahre später in Betrieb gehen.

Bei der geplanten Investition handelt es sich um den Bau einer so genannten Mono-Verbrennungsanlage. Sie besteht im Wesentlichen aus einem Annahmebunker, einem Trockner, einem Wirbelschichtkessel sowie einem Elektrofilter zur Abscheidung der Klärschlamm-Aschen. Die nach der Verbrennung der Klärschlämme abgeschiedenen Aschen eignen sich anschließend für eine Phosphorrückgewinnung mit hohen Recyclingquoten.

Die von der damaligen SPD-Umweltministerin Barbara Hendricks verfügte Klärschlammverordnung sorgt bereits jetzt dafür, dass Verbrennungskapazitäten in Müllverbrennungsanlagen, Kohlekraft- und Zementwerken ausgeschöpft sind. So brachte das Schlachtunternehmen Tönnies (480 Kubikmeter Klärschlamm pro Tag) den Stoff in diesem Sommer mit einer Sondergenehmigung auf Zwischenfruchtflächen im Osten Deutschlands aus.

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