Die Masse der Syrer hungert – Massaker in Idlib befürchtet – Bielefelder hilft »Entscheiden über Leben und Tod«

Gaziantep (WB). Die Zusage westlicher Geberländer über 3,5 Milliarden Euro wird nicht ausreichen, um Hunger und Not in und um Syrien zu beheben. Helfer befürchten zudem Massaker in dem letzten großen Rückzugsgebiet der Rebellen.

Von Reinhard Brockmann
Schlachtfeld Duma: Ein Hilfskonvoi fährt durch die zerstörte Stadt. Für den Wiederaufbau Syriens sind viele Milliarden Euro nötig.
Schlachtfeld Duma: Ein Hilfskonvoi fährt durch die zerstörte Stadt. Für den Wiederaufbau Syriens sind viele Milliarden Euro nötig. Foto: dpa

In der Provinz Idlib im Nordwesten Syriens, die zurzeit noch von Hilfskonvois erreicht wird, sitzen zwei Millionen Menschen in der Falle. Darunter sind 700.000 Assad-Gegner mit ihren Familien. Sie haben sich aus gefallenen Rebellenhochburgen wie Aleppo und Ost-Ghuta hierher gerettet.

Helfer aus Bielefeld

Über das Ergebnis der Geberkonferenz in dieser Woche in Brüssel zeigt sich der aus Bielefeld stammende Länderdirektor der Welthungerhilfe Dirk Hegmanns enttäuscht: »Wir haben mehr erwartet und erhofft.« Der Finanzbedarf für humanitäre Hilfe sei 2018 sehr viel höher als 3,5 Milliarden Euro. »Unser Dilemma ist, dass wir wegen der begrenzten Mittel praktisch jeden Tag über Leben und Tod von Menschen entscheiden

Ein kleiner Junge sitzt in einem Camp für Binnenflüchtlinge in Idlib vor einem Zelt. Idlib könnte das nächste Ziel des Regimes sein.

müssen.«

Er beklagt auch, dass bürokratische Hürden in der Türkei und im Libanon immer höher gelegt werden, anstatt sie abzubauen. »Hier könnte die Politik helfen, damit wir die zugesagten Hilfsgelder verantwortungsvoll und zielgerichtet einsetzen.«

Zum Vorwurf, Assad und die Russen zerstörten das Land und die westlichen Geber sollten den Wiederaufbau bezahlen, sagt Hegmanns: »Wir beteiligen uns nicht am Aufbau, wir leisten humanitäre Hilfe. Wir benötigen das Geld, damit Millionen Flüchtlinge diesen Krieg überleben.«

Sechs Millionen Syrer in Not

Nach seinen Informationen befinden sich sechs Millionen Syrer in einer sehr prekären Lage. Viele könnten sich nur noch einmal am Tag etwas zu Essen leisten. »Inzwischen steht das Wort Hunger ganz oben auf der Agenda. Das Brot kostet achtmal so viel wie vor dem Krieg.«

Auch nach dem Fall von Aleppo und jüngst von Ost-Ghuta wurden Rebellen mit ihren Familien in Bussen der Regierung nach Idlib gebracht. Dahinter steckt nach Auffassung von Beobachtern die militärische Strategie, alle Rebellengruppen in einer Provinz zu konzentrieren. Damit hätte die syrische Armee statt vieler, nur noch ein Ziel für ihren Vernichtungskrieg.

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»Wenn es zum Angriff kommt, befürchten wir ein Massaker.«

Dirk Hegmanns

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»Wenn es zum Angriff kommt, befürchten wir ein Massaker«, sagt auch Hegmanns. Die Grenze ist seit 2016 geschlossen. Es wurde eine Mauer gebaut. Nur wenige schaffen noch die Flucht in die Türkei. Einem Bericht des britischen »Guardian« zufolge sprechen hohe arabische Beamte in Jordanien und Libanon inzwischen von einer »raffiniert konstruierten Tötungsbox«.

Das Mischen von Islamisten mit Anhängern des arabischen Frühlings aus anderen Teilen Syriens wird als Trick angesehen. Damit lasse sich die Behauptung des Assad-Regimes bekräftigen, dass der Aufstand ein von ausländischen Kräften getragener Anschlag sei. Das Kalkül: Eine kriegsmüde internationale Gemeinschaft könnte unbewegt zusehen, wenn Assad und die Russen ihre Waffen zur Schlussoffensive auf Idlib richten.

Größtes politisches Versagen seit dem zweiten Weltkrieg?

Der UN-Hochkommissar für Flüchtlinge, Filippo Grandi, spricht angesichts dieser Situation inzwischen vom größten politischen Versagen seit dem Zweiten Weltkrieg. Nothelfer und andere Nichtregierungsorganisationen hoffen immer noch auf politischen Druck für einen Waffenstillstand. Militärisch sei dieser Konflikt nicht zu lösen, sagen sie.

Selbst wenn Assad am Ende gewinnt, muss es für die Menschen weitergehen. Praktiker wie Hegmanns sehen weitere Probleme: »Unter den Flüchtlingen, die fast alle in ihr Land zurück wollen, herrschen Angst und ein sehr großes Misstrauen. Alles ist zerstört und viele fürchten, verhaftet zu werden.«

Schon in der Vergangenheit waren etliche Rebellen, die sich ergeben hatten, entweder vor Gericht gestellt worden oder spurlos verschwunden.

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