Chefs der Jungen Union und der Jusos im Interview »Jahnplatz autofrei? Das ist realitätsfern«

Bielefeld (WB). Als Chefs der Nachwuchsorganisationen ihrer Parteien stehen sie für die Zukunft der CDU und der SPD: Darius Haunhorst ist Vorsitzender der Bielefelder Jusos, Florian Grün Kreis-Chef der Jungen Union. Im Interview mit WESTFALEN-BLATT-Redakteur Stefan Biestmann sprechen sie über den Jahnplatz, die »Tüte« und ihre eigenen Ambitionen.

Kontroverse Debatte um »Tüte« und Jahnplatz: Juso-Chef Darius Haunhorst (links) und JU-Vorsitzender Florian Grün
Kontroverse Debatte um »Tüte« und Jahnplatz: Juso-Chef Darius Haunhorst (links) und JU-Vorsitzender Florian Grün Foto: Mike-Dennis Müller

Der Juso-Bundeschef Kevin Kühnert und die Bielefelder SPD-Chefin Wiebke Esdar haben gegen die GroKo gestimmt. Glauben auch Sie, dass die große Koalition der SPD schadet?

Darius Haunhorst: Ich habe auch gegen die GroKo gestimmt. Mich hat der Koalitionsvertrag nicht überzeugt. Es fehlen wichtige Themen wie die Abschaffung der Zwei-Klassen-Medizin. Jetzt müssen wir das Beste daraus machen und in der Partei kritisch und offen über alles diskutieren. Wir müssen klar machen, wofür die Partei steht. Ich meine: Die SPD kann sich auch als Regierungspartei erneuern.

Seit Monaten wird über die mögliche Nachfolge von Angela Merkel spekuliert. Hoch gehandelt wird Generalsekretärin Annegret Kramp-Karrenbauer. Ist Sie Ihre Favoritin?

Florian Grün: Annegret Kramp-Karrenbauer hat sehr gute Arbeit als saarländische Ministerpräsidentin gemacht. Und auch als Generalsekretärin setzt sie erste Akzente. Es ist auch gut, dass neue Köpfe wie Jens Spahn in die Regierung eingebunden wurden. Er polarisiert zwar, spricht aber Pro­bleme in der Gesellschaft offen an. Ich mache mir also keine Sorgen um die Zukunft meiner Partei.

In Bielefeld ist noch unklar, ob Oberbürgermeister Pit Clausen für eine weitere Amtszeit zur Verfügung steht. Dezernent Ingo Nürnberger wird bereits als möglicher OB-Kandidat der SPD gehandelt. . .

Haunhorst: Erst einmal liegt es an Pit Clausen, sich zu äußern. Das wollen wir abwarten. Wenn Clausen noch einmal antritt, wird die Partei hinter ihm stehen. Und zu Ingo Nürnberger kann ich sagen: Er macht als Dezernent sehr gute Arbeit und wir arbeiten eng mit ihm zusammen.

Mit Alexander Rüsing hat die CDU nur ein Ratsmitglied, das jünger als 40 Jahre ist. Woran liegt das?

Grün: Da muss was passieren. Unser Ziel ist, dass künftig drei CDU-Ratsmitglieder unter 35 Jahre sind und in jeder Bezirksvertretung ein CDU-Vertreter unter 35 sitzt. Wer auf Bundesebene personelle Erneuerung fordert, muss damit auf kommunaler Ebene anfangen. Wir müssen in der Partei klar machen: Nur mit jungen Leuten ist der Fortbestand der Partei gesichert.

Werfen Sie denn auch selbst Ihren Hut in den Ring?

Grün: Der Spitzenkandidat der JU für die Kommunalwahl ist Alexander Rüsing. Als JU-Vorsitzender sehe ich mich aber auch in der Pflicht, mit gutem Beispiel voranzugehen. Ich kann mir eine Kandidatur für den Stadtrat und die Bezirksvertretung Mitte vorstellen.

Herr Haunhorst, wie sieht es mit Ihnen aus? Eine Ihrer Vorgängerinnen, Wiebke Esdar, startete auch als Ratsfrau durch und wurde SPD-Chefin und Bundestagsabgeordnete. . .

Haunhorst: Ich möchte mich gerne in den nächsten Jahren stärker kommunalpolitisch engagieren. Die SPD ist übrigens altersmäßig besser aufgestellt als die CDU. Mit Wiebke Esdar haben wir eine junge Partei-Vorsitzende. Und vor ihrem Ausscheiden aus dem Rat hatten wir drei jüngere Ratsmitglieder. Außerdem haben wir uns mit einem Parteitagsbeschluss für eine stärkere Berücksichtigung der Jusos bei der Aufstellung der Kommunalwahllisten ausgesprochen.

Ein großes politisches Thema ist weiterhin die Zukunft des Jahnplatzes. . .

Haunhorst: Die Straßen sind verstopft. Wir brauchen einen autofreien Jahnplatz und sollten auch ein City-Logistikkonzept umsetzen. Es ist wichtig, den öffentlichen Nahverkehr und das Radwege-Netz auszubauen. Der Jahnplatz muss endlich eine höhere Aufenthaltsqualität bekommen. Der Siegfriedplatz ist ein gutes Beispiel: Früher war das ein Parkplatz. Jetzt ist er autofrei – und einer der schönsten Plätze der Stadt.

Grün: Ein autofreier Jahnplatz ist eine völlig realitätsferne Forderung. Sollen wir das machen nur damit besser verdienende Fahrradfahrer von SPD und Grünen in Ruhe ihren Latte Macchiato trinken können? Wir würden eine Verkehrsachse abschneiden, die gerade für die Industrie und die Wirtschaft wichtig ist. Der Verkehr wäre auch mit einem autofreien Jahnplatz nicht weg, sondern woanders. Wir müssen den öffentlichen Nahverkehr attraktiver machen und brauchen ein Konzept für alle Verkehrsteilnehmer. Da sind alle Parteien in der Pflicht, konstruktiv an einem Konzept mitzuarbeiten.

Ein Politikum sind die Zustände an der »Tüte« am Hauptbahnhof. Reicht das Konzept der Stadtverwaltung aus?

Grün: Das Problem ist überhaupt nicht gelöst. Das Konzept der Verwaltung kann nur ein Anfang sein. Ein befreundetes Pärchen hat in der Nähe der »Tüte« gewohnt. Abends lagen dort oft Spritzen auf dem Boden. Jetzt ist das Pärchen weggezogen. Es passieren an der »Tüte« ständig Ordnungswidrigkeiten unter den Augen der Stadtverwaltung. Das kann nicht sein.

Haunhorst: Es ist viel zu früh, um die Frage zu beantworten. Die neuen Maßnahmen – wie die Anlaufstelle für Obdachlose an der Ernst-Rein-Straße und die erweiterten Öffnungszeiten des Drogenhilfezentrums – sind gerade erst angelaufen. Fest steht: Wenn wir die Menschen von der »Tüte« vertreiben, gehen sie irgendwo anders hin. Das darf nicht der Anspruch unserer Stadtgesellschaft sein. Wir müssen diesen Menschen helfen und auf sie zugehen.

Die Debatte um die »Tüte« interessiert zwar auch junge Menschen. Aber warum ist es so schwer, junge Leute für Politik zu begeistern?

Haunhorst: Die Shell-Jugendstudie hat gezeigt, dass Jugendliche sogar politisch interessierter sind als früher. Wir merken es bei Debatten wie zum Jahnplatz, dass auch kommunalpolitische Themen auf großes Interesse stoßen. Unsere Aufgabe ist es, die Menschen auch für Parteien zu begeistern.

Grün: Wir leben gerade in einer Zeit, in der die Bundespolitik so im Fokus steht, dass sich mehr junge Menschen für Politik interessieren. Aber viele möchten sich leider nicht parteipolitisch engagieren. Und die Parteien werden leider immer älter. Wir müssen den jungen Menschen klar machen, dass sie sich engagieren müssen, um selbst etwas bewegen zu können.

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