Sarah Bosetti liest im Zweischlingen aus ihrer Versagens-Literatur Schöner Scheitern

Bielefeld (WB). Die dumme laute Welt ist für Sarah Bosetti ihre literarische Spielwiese. Die Lesebühnenautorin und Poetry Slammerin hat für sich erkannt: »Menschen sind immer laut. Oder klug. Aber nicht beides gleichzeitig. Denn Intelligenz macht ja erst mal kein Geräusch«.

Von Kerstin Panhorst
Gleichzeitig ein Plädoyer für Feminismus und Sexismus zu halten, versucht Sarah Bosetti mit ihren poetischen Texten.
Gleichzeitig ein Plädoyer für Feminismus und Sexismus zu halten, versucht Sarah Bosetti mit ihren poetischen Texten. Foto: Kerstin Panhorst

Diese und andere Weisheiten teilte die aus den Sendungen »Nuhr im Ersten« und »ARD Ladies Night« sowie als Radio-Kolumnistin bekannte deutschsprachige Team-Vizemeisterin im Poetry Slam am Wochenende mit den 130 Besuchern im Zweischlingen. Die 34-Jährige gastierte mit ihrem Programm »Ich will doch nur mein Bestes«, in dem sie erzählte, wo man so scheitern kann: in Beziehungen, an Frauen, Kindern, Dummheit oder auch bei der Beinenthaarung.

Gemeine Texte

»Ich bin im Scheitern gescheitert, das muss man erst mal schaffen« heißt es in einem Text, in dem sie einem unbeteiligten Taxifahrer ungefragt ihre Versagensmomente schildert. Und sie vermittelt die Erkenntnis, dass es sich empfiehlt, im Winter am Strand einen Bikini unter dem Wollmantel zu tragen »weil man da dünner ist, einfache Thermodynamik« und »alles fester ist, weil gefroren«.

Gemeine Texte schreibe sie, haben ihr Kritiker vorgeworfen, doch davon ist bei Sarah Bosetti keine Spur. Eher brav und mit einem kleinen bisschen Ironie, viel Gefühl für Poesie und Aphorismen, die man sich gerne aufs Kissen sticken würde, wenn das nicht anti-feministisch wäre, präsentiert sie ihr literarisches Kabarett.

»Sexismus ist das Amazon unseres Sozialverhaltens, moralisch so mittel; aber es liefert uns alles, was wir brauchen«, sagt Bosetti und erklärt den Feminismus zum unbequemen Streber, dem man seine Notwendigkeit entziehen müsse, statt ihn zu mobben. »Sozialkompetenz lernt man nicht in Mülltonnen«, gibt die Poetin zu bedenken und weigert sich darüber hinaus ihr Bestes zu geben. Denn die Formulierung »Ich will nur dein Bestes« bedeute: »Dann hast du ja mein Bestes und ich sehe es nie wieder«.

Wortklaubereien

Wortklaubereien gehören ohnehin zu ihrem Konzept. Die Vorsilbe »ver-«, die unter anderem beim »Verlaufen« eine Komponente des Scheiterns beinhaltet, findet sie erstaunt auch in »versterben«. »Das klingt, als hätte man etwas falsch gemacht, sich im Datum vertan oder im Sarg verlegen«, gibt die Dichterin zu Bedenken und wendet ihre semantischen Regeln auch auf das »Verlieben« an – in ihren Augen ebenfalls ein Fehler.

Nebenbei fragt sich Bosetti, wie Kinder sich in Zeiten der genderpolitischen Korrektheit beschimpfen können, denn ein beleidigendes »Du Mädchen« müsse inzwischen wohl einem »Du Junge mit Genderhintergrund« weichen.

Und auch die Flüchtlingsproblematik nimmt Sarah Bosetti sich in einer Zug-Allegorie vor, in der die Erste Klasse die Grenzen schließt für die Leute aus den Regionalzügen, Lügenschaffner durch ICEs eilen und eine Obergrenze für Neueinsteiger gefordert wird.

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