Am 2. April ist Welt-Autismus-Tag – Verein bietet Unterstützung Achtung bei der Wortwahl

Bielefeld (WB). Wenn Bettina Mester ihren Klienten Robert fragt, ob er Kekse brauche, kommt vermutlich als Antwort ein Nein. Denn wer braucht schon Kekse? Aber man hätte sie gerne. Fragt Bettina Mester daher, ob Robert Kekse möchte, wird er bejahen.

Von Sabine Schulze
Robert Pähler mit Bettina Mester, eine von 47 Therapeuten des Regionalverbandes OWL, die 404 Klienten betreuen.
Robert Pähler mit Bettina Mester, eine von 47 Therapeuten des Regionalverbandes OWL, die 404 Klienten betreuen. Foto: Mike-Dennis Müller

Bettina Mester ist Therapeutin im Autismus-Therapie-Zentrum in der Bleichstraße, Robert Pähler (19) ist seit zehn Jahren ihr Klient. Er hat das Asperger-Syndrom, eine Form des Autismus, der in einer enormen Bandbreite daherkommt und deshalb Autismus-Spektrum-Störung heißt. Ostermontag, 2. April, ist der Welt-Autismus-Tag, der für das Thema sensibilisieren soll.

Autismus bedeutet immer eine tiefgreifende Entwicklungsstörung, von der etwa ein Prozent der Bevölkerung betroffen ist – und zwar von Geburt an. Er kann mit geistiger Beeinträchtigung ebenso einhergehen wie mit Hochbegabung. »Grundsätzlich fällt es Autisten schwer, sich in andere Menschen hineinzuversetzen, ihre Mimik und Gestik richtig zu deuten«, erklärt Bettina Mester.

Das kann zu Missverständnissen führen, zumal es Autisten oft schwerfällt, sich zu äußern und ihre Probleme zu formulieren. Die können etwa darin bestehen, dass eine Türschwelle nicht überschritten werden kann, weil die Schmutzmatte, die sonst immer davorliegt, weg ist, sagt die Therapeutin. In drastischen Fällen sprechen ihre Kinder überhaupt nicht, reißen sich aber die Haare aus, weil eine Lampe umgestellt wurde oder fegen die Dekoration von der Fensterbank. »Das macht hilflos«, sagt Bettina Mester. Dementsprechend hat auch die Umfeldberatung im Autismus-Therapie-Zentrum eine große Bedeutung.

Veränderungen irritieren

Robert hat gelernt, sich zu artikulieren. Er wägt seine Worte und analysiert, nimmt aber eben auch manches wörtlich – wie die Frage nach den Keksen. Andererseits versteht er die meisten Sprichwörter und auch Witze. Für Robert ist es hilfreich, wenn Veränderungen mit einer plausiblen Erklärung einhergehen, da sie ihn sonst irritieren – etwa wenn sein Vater beim Zubereiten eines Nudelauflaufs das Rezept variiert. Er weiß um diese Schwäche. »Für Autisten ist es wichtig, Vorhersehbarkeit zu schaffen. Sie vermittelt Struktur und Sicherheit«, sagt Bettina Mester.

Robert und seine Therapeutin treffen sich regelmäßig im Autismus-Therapiezentrum des OWL-Regionalverbandes Autismus in der Bleichstraße. Allerdings bereiten die beiden vorsichtig die Abnabelung vor. Der 19-Jährige wird im kommenden Jahr das Abitur machen. Um den Schulalltag meistern zu können, wurde Robert von Klasse 5 bis 11 von einer Integrationsassistentin begleitet. Er hat zunächst die Laborschule besucht und ist jetzt am Oberstufenkolleg.

»Dort ist man darauf vorbereitet, mit Menschen mit Beeinträchtigungen umzugehen«, sagt er. Damit meint er vor allem das Klima: Ihm wurde vermittelt, ebenso richtig und wichtig zu sein wie andere. Dennoch sagt er ganz klar: »Die Defizite und Probleme existieren. Aber man darf einen Menschen nicht darauf reduzieren.« Denn ein jeder habe eben auch Ressourcen. Diese Haltung steht auch in der Therapie, die stets an den individuellen Bedürfnissen des Klienten ausgerichtet ist, im Vordergrund.

Scharfer Blick für Details

Entscheidend im Umgang mit Autisten sei, erklärt Bettina Mester, sich in ihre Situation hineinzuversetzen, sich darüber im Klaren zu sein, dass sie eine andere Wahrnehmung haben: meistens einen scharfen Blick für Details, ohne unbedingt das Wesentliche herausfiltern zu können – was zum Beispiel bei einer Deutscharbeit erschwerend wirkt.

Wobei es ausdrücklich d e n Autisten nicht gibt: Der eine erträgt keinen Körperkontakt, der andere kann nicht genug bekommen und verletzt dabei vielleicht Grenzen. Der eine mag nur blaues Essen, der andere möchte allein sein, der Dritte mag Freunde – so wie Robert, der sich auf ein Konzert der Fantastischen Vier freut, das er mit einem Freund besuchen wird. Dann darf es sogar richtig laut zugehen, obwohl ihn sonst Besteckklappern stören kann.

Keine Antenne?

Erste Anzeichen für Autismus können zum Teil schon im Säuglingsalter beobachtet werden: Kitzelspiele auf dem Wickeltisch erzeugen kaum eine Reaktion, beim Blickkontakt und Lächeln kommt vom Baby wenig zurück. »Es gibt weniger geteilte Freude.« Das tut Eltern oft weh. Dennoch, betont Bettina Mester, sollten sie im Interesse der Beziehung zum Kind immer wieder Angebote machen, ohne zu überreizen.

Ob Robert sich erinnert, seine Eltern gekränkt zu haben? »Ich kann mich nicht erinnern, aber ich habe vielleicht auch keine Antenne dafür. Dann kann ich auch nicht spüren, dass ich nichts spüre«, sagt er präzise.

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Kilian Schulze aus Paderborn ist Autist. Wenn er gefragt wird, was er sich von seinen Mitmenschen am meisten wünscht, muss der 21-Jährige lange überlegen und findet schließlich etwas, was eigentlich selbstverständlich sein sollte. »In erster Linie möchte ich ernst genommen und zum anderen so akzeptiert werden, wie ich bin.« Wie Kilian Schulze mit seiner Umwelt umgeht, lesen Sie hier.

Der Welt-Autismus-Tag wird in Bielefeld am Donnerstag, 12. April, mit einer Filmvorführung begangen: Das Lichtwerk-Kino im Ravensberger Park zeigt um 19 Uhr den französischen Liebesfilm »Birnenkuchen mit Lavendel«: In das Leben einer Obstbäuerin in der Provence platzt der Eigenbrötler Pierre mit seiner Vorliebe für Primzahlen.

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