38.000 Hartz-IV-Bezieher zahlen für das Wohnen zu – Runden Tisch gefordert Armut im Alter spürbar gestiegen

Bielefeld (WB). »Wir wünschen uns eine kritische und unbequeme Auseinandersetzung mit dem Thema Armut auch in Bielefeld«, sagt Petra Sieker (Sozialberatung der GfS in Baumheide).

Von Burgit Hörttrich
Ohne die »Tafeln« würden Sozialleistungs-Bezieher oft gar nicht mehr zurecht kommen, sagen Bielefelder Sozialberater.
Ohne die »Tafeln« würden Sozialleistungs-Bezieher oft gar nicht mehr zurecht kommen, sagen Bielefelder Sozialberater. Foto: dpa

Petra Sieker, Marcus Stichmann, Heidi Schaible und Marike Tabor (GAB), Ulrike Gieselmann und Clemens Hermeler (Sozialberatung des Vereins Widerspruch e.V.) schlagen einen Runden Tisch vor, um mit kommunalen Akteuren aus Politik, Verwaltung, Beratungspraxis und mit Betroffenen nach Lösungen zu suchen. Was nicht sein dürfe, so Stichmann: »Dass arme Menschen gegeneinander ausgespielt werden. Solche, die nicht arbeiten und Hartz IV beziehen, gegen solche, die arbeiten, bei denen der Lohn aber nicht ausreicht, um davon leben zu können und die deshalb zusätzlich Sozialleistungen in Anspruch nehmen müssen.«

Marike Tabor kritisiert die Äußerung von Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU), der gesagt hat, dass mit Hartz IV jeder das habe, was er zum Leben brauche: »Weder gesunde Ernährung noch soziale Teilhabe können mit den geltenden Regelsätzen gewährleistet werden.« Viele Sozialleistungs-Bezieher hätten sich längst darauf eingerichtet, zur Tafel zu gehen, um dort mit Lebensmitteln versorgt zu werden.

In Bielefeld würden 50.000 Menschen Sozialleistungen beziehen. Bezieher von Wohngeld, Kinderzuschlag und Schüler-Bafög seien dabei gar nicht mitgerechnet, ebenso wenig die Menschen, die ein Anrecht auf unterstützende Leistungen hätten, aber aus Scham keinen Antrag stellten. Die Regelsätze würden für Nahrungsmittel für einen Erwachsenen pro Tag 4,77 Euro, für ein fünfjähriges Kind 2,79 Euro vorsehen.

Petra Spieker sagt, dass in den vergangenen Jahren vor allem die Armut im Alter spürbar gestiegen sei. 38.000 Hartz-IV-Bezieher zahlten zu, um in ihrer Wohnung bleiben zu können. An Kaltmiete seien pro Quadratmeter 4,64 Euro vorgesehen, die Durchschnittsmiete in Bielefeld liege aber bei 6,60 Euro kalt pro Quadratmeter. Clemens Hermekler: »Selbst, wenn Menschen in eine billigere Wohnung umziehen wollten – es gibt ja nichts Passendes auf dem Wohnungsmarkt.« Hartz IV-Bezieher hätten 2017 (Januar bis November) 3,7 Millionen Euro für ihre Miete drauf gelegt: »Das bedeutet natürlich, dass sie noch weniger Geld für ihren täglichen Bedarf haben.«

Die Sozialberater würden sich wünschen, dass die Bemessungsgrenzen überprüft werden. So sei die Kita-Gebühr nur dann kostenlos, wenn das Familieneinkommen 17.500 Euro im Jahr nicht überschreite. Heidi Schaible: »Auch die OGS-Beiträge gehören auf den Prüfstand. Viele Familien können sich ein Mittagessen für ihre Kinder nicht leisten.«

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