Anke Unger ist die neue Chefin des DGB in OWL »Wir werden gebraucht wie vor 50 Jahren«

Bielefeld (WB). »Die erste Demo habe ich mit fünf oder sechs Jahren an der Hand meiner Mutter verbracht, in der anderen Hand war eine Friedenskerze«, erzählt Anke Unger.

Von Dietmar Kemper
»Ich streite mich gern politisch«, betont die neue Chefin des DGB in OWL, Anke Unger. In den nächsten Jahren will sie für die Rechte und Interessen der Beschäftigten streiten und dafür sorgen, dass Arbeitszeitgesetze nicht ausgehöhlt werden.
»Ich streite mich gern politisch«, betont die neue Chefin des DGB in OWL, Anke Unger. In den nächsten Jahren will sie für die Rechte und Interessen der Beschäftigten streiten und dafür sorgen, dass Arbeitszeitgesetze nicht ausgehöhlt werden. Foto: Bernhard Pierel

Die Tochter der früheren Bürgermeisterin von Gütersloh, Maria Unger, ist die neue Regionsgeschäftsführerin des Deutschen Gewerkschaftsbundes (DGB) für Ostwestfalen-Lippe. Die 37-Jährige will dafür kämpfen, dass Flexibilität im Beruf für die Beschäftigten nicht zur Einbahnstraße wird.

»Viel zu lange haben sich die Beschäftigten einseitig nach den Anforderungen der Betriebe richten müssen«, glaubt Unger. »Mitarbeiter sollen nach 18 Uhr noch E-Mails beantworten, aber was wünschen sich die Beschäftigten eigentlich?« Die große Mehrheit der Deutschen wünscht sich offenbar keine Veränderung der Arbeitszeiten. Nach einer gestern vorgestellten Untersuchung des Statistischen Bundesamtes wollten 2016 von den 41 Millionen Erwerbstätigen nur 3,8 Millionen ihre Wochenarbeitszeit erhöhen oder senken.

Die Arbeitszeiten müssten zu den Lebensphasen der Mitarbeiter passen, betonte Unger gestern in der DGB-Geschäftsstelle in Bielefeld: »Das Leben ist kein Tempomat, Mitarbeiter müssen auch mal zurücktreten können und zwei Jahre lang nur 28 Stunden in der Woche arbeiten dürfen.«

Mutter zweier vier und sieben Jahre alten Kinder

Unger entflammte für die Gewerkschaftsarbeit, als sie in Bochum Sozialwissenschaften studierte. Als CDU-Ministerpräsident Jürgen Rüttgers die Studiengebühren einführte, organisierte Unger Protestveranstaltungen und wurde dabei von der Gewerkschaft Verdi unterstützt. Ihr trat sie 2006 bei, seit 2007 war sie Jugendbildungsreferentin im DGB OWL, seit 2011 Leiterin der Abteilung Jugend im DGB-Bezirk NRW und seit 2014 Organisationssekretärin wieder in Bielefeld.

Am 8. Dezember 2017 wählten sie die Delegierten der Landeskonferenz in Neuss mit 93,3 Prozent zur Regionsgeschäftsführerin für OWL und damit zur Nachfolgerin von Astrid Bartols, die in den Ruhestand gegangen ist.

Die Mutter zweier vier und sieben Jahre alten Kinder will sich für faire und gerechte Arbeitsbedingungen in der digitalen Berufswelt, für die Abschaffung von ­Minijobs, die Begrenzung von Leiharbeit, ein Rückkehrrecht von Teilzeit in Vollzeit und die Vereinbarkeit von Privatleben und Beruf engagieren.

Obwohl in OWL die Wirtschaft brumme und die Auftragsbücher der Firmen gut gefüllt seien, profitierten davon aber nur wenige, meint Unger. »Ein Drittel der Hartz-IV-Bezieher sind Menschen, die im Grunde arbeiten. Viele Menschen sind in unsicheren Beschäftigungsverhältnissen, haben einen befristeten Vertrag, nur eine Teilzeitstelle oder Werkverträge«, sagte die Gewerkschafterin. Menschen müssten von ihrem Lohn leben können – eine Erzieherin in einer Kita mit einem Einstiegsgehalt von 1300 Euro netto könne das kaum.

»Große Bauchschmerzen«

Unger forderte die Unternehmen auf, mehr und ernsthaft auszubilden. Nur noch jeder fünfte Betrieb tue das, die anderen verließen sich auf Vorzeigefirmen wie Böllhoff in Bielefeld, die über Bedarf ausbildeten. Betriebe in der Gastronomie nutzten Azubis teilweise schamlos aus: »Statt ausgebildet zu werden, müssen sie dort für 300 Euro nur Burger braten und werden nach der sechsmonatigen Probezeit rausgeworfen.«

Dass junge Menschen mit Gewerkschaften scheinbar nichts anfangen können, bereitet Unger Sorge. Noch hat der DGB in OWL 150.000 Mitglieder. Viele aus der Babyboomergeneration gehen allerdings in wenigen Jahren in Rente. Hoffnung macht Unger, dass Beschäftigte im Bereich Forschung sowie Selbstständige sich vermehrt an Gewerkschaften wenden. Unger: »Wir werden gebraucht wie vor 50 Jahren, nur die Themen haben sich geändert.« Heute gehe es um Flexibilisierung, Digitalisierung und die Sorge, von einer kümmerlichen Rente nicht leben zu können.

Mit dem Ergebnis der Sondierungsverhandlungen von Union und SPD habe sie »große Bauchschmerzen«, erklärte Unger, die wie ihre Mutter der SPD angehört. Die Interessen der Beschäftigten fänden sich in dem Papier nicht wieder.

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