Vom Korkgriff bis zum Kettenschutz: »Hebie« wird 150 Jahre alt Die Marke für Markenräder

Bielefeld (WB). Die alte Fabrikimmobilie präsentiert sich topfit, frisch und farbig. Hebie macht Eindruck – und Schlagzeilen. Mit seinem »schwimmenden« Kettenschutz »Chainglider« hat Deutschlands vermutlich ältester Fahrradzulieferer laut Fachwelt das innovativste Produkt des Jahres präsentiert. Am Sonntag wird die Firma Hebie 150 Jahre alt.

Von Michael Diekmann
Edel: An dem Trekkingrad von Dirk Niermann stammen Seitenständer, Kettenschutz und Schutzbleche von Hebie.
Edel: An dem Trekkingrad von Dirk Niermann stammen Seitenständer, Kettenschutz und Schutzbleche von Hebie. Foto: Mike-Dennis Müller

»Wir sind kreativ, innovativ. Und immer lieferfähig«, unterstreicht Dirk Niermann, Geschäftsführer der Hebie GmbH & Co. KG. Am Sandhagen residiert die Firma seit 1906, damals wie heute eher in der zweiten Reihe, aber in Sachen Ideenreichtum ganz weit vorn. Hersteller von Markenrädern setzen auf die Anbauteile aus Bielefeld, auf Ständer und Schutzbleche, in erster Linie aber auch den Kettenschutz gegen die schmierige Hose. Hebie liefert gewissermaßen Wertigkeit ans Fahrrad. Wobei die Produkte von Gadderbaum aus termingenau an die Fertigungsstätten kommen.

Möglich macht das die hochmoderne Lagerlogistik bei Hebie, was ausgeschrieben für die Begriffe Hemmelskamp und Bielefeld steht. Hochmodern und andersartig ist, dass die Bielefelder wegen ihrer ungewöhnlich hohen Eigenproduktionsquote von über 90 Prozent direkt am Sandhagen auch auf kleine Aufträge unmittelbar reagieren und Maschinen umrüsten können.

Hebie verfüge, wie der Chef erfreut anmerkt, über eine extrem große Fertigungstiefe. Das gelte für die Formen für Spritzteile ebenso wie für Ständersysteme. Ja selbst das klitzekleine rote Hebie-Emblem am Produkt werde zigtausendfach selbst gespritzt – normalerweise in Rot mit drei Sparren, auf besonderen Kundenwunsch in Blau.

Alles aus einer Fabrikation

Am Sandhagen wird entwickelt, getestet, werden Formen gewartet. Gefertigt wird in der Fabrik gegenüber der Spinnerei Vorwärts seit 1906. Damals hatte Carl Junker, seit 1905 Alleininhaber des Unternehmens, die Produktion von Fahrradteilen in Bielefeld aufgenommen. Noch vor Beginn des Ersten Weltkriegs folgte der Produktion von Griffen, die mittlerweile aus Celluloid in der eigenen Kunststoffabteilung hergestellt wurden, die Fertigung von Kettenschützern, Luftpumpen und Schutzblechen.

Die Anfänge von Hebie exakt am 21. Januar 1868 gehen auf Heinrich Hemmelskamp zurück. Mit seiner Korkschneiderei belieferte er Getränkehändler, heimische Gastwirte und Brauereien. Das Fahrrad kam erst Ende des 19. Jahrhunderts als neues Verkehrsmittel auf und Bielefeld entwickelte sich zu einem Zentrum der Fahrradindustrie. Einer der Stammväter, Nikolaus Dürkopp, suchte kurz nach der Jahrhundertwende zuverlässige Zulieferer und hatte, wie Dirk Niemann erzählt, Carl Junker, den Schwiegersohn von Heinrich Hemmelskamp auf seinen Bedarf an Fahrradgriffen aus Kork aufmerksam gemacht.

Kronkorken und Korkgriff

Die Sache machte sich. Um 1914 hatte Hebie bereits 150 Beschäftigte und eigene Auslandsvertretungen in Europa. Nach dem einschneidenden Rückgang während des ersten Weltkriegs waren 1926 in der Fabrik am Sandhagen sogar 250 Mitarbeiter tätig. Man hatte eine eigene Schlosserei und Stanzerei, fertigte sogar Gepäckträger. Hebie meisterte auch das tiefe Tal im zweiten Weltkrieg, wurde mit dem Wirtschaftswunder 1951 wieder Arbeitgeber für 230 Männer und Frauen. Wichtigste Innovation damals war die Anhängerkupplung am Fahrrad. Hebie baut den Artikel bis heute.

Der Blick heute in den Schauraum lässt den Besucher an hölzernen Vitrinen in Fahrradepochen schwelgen. An Drahtseilen aufgereiht von der Decke hängen Lenkergriffe und Kettenschutzbleche von einst bis heute, in Blech, Aluminium und Kunststoff. In den 1980er Jahren stieg Heinz-Dietrich Junker, die dritte Generation, angesichts wachsenden Wettbewerbs und wegbrechender Lohnstückkosten von den Menge ganz um auf Wertigkeit. Seit 2014 gibt es unter Dirk Niermann und Christian Junker, der fünften Familiengeneration, das Markendesign »Innovatives für dein Rad«.

Die Grundkonstruktion des Fahrrades ist seit 100 Jahren gleich. Dinge wie Elektromittelmotoren lassen die Techniker immer neue Ständersysteme entwickeln. Artikel wie der ohne Halterungen über die Kette gezogene Kettenschutz interessieren gerade die Deutsche Bahn für ihre Leihräder. An Kinderfahrrädern, erklärt Niermann, sind sie besonders gefragt. Und weil nahezu alle Kinderräder aus Asien kommen, liefert Hebie eben auch dorthin.

Besonders stolz sind Niermann und Junker, dass es im Jubiläumsjahr neben Hebie auch Kobie gibt. Seit November 2016 fertigen aktuell drei Spezialisten Arbeitsplatten und Küchenfronten aus Edelstahl, liefern an Küchenbauer und Zahnlabore in Einzelstücken oder Kleinserien. Eingebettet ist die neue Sparte natürlich in die Fa­brik am Sandhagen. Da, wo das Herz von Hebie schlägt.

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