Einige Landwirte in Ostwestfalen heißen wie der Geburtsort Jesu In Bethlehems Stall

Bielefeld (WB). »Das ist alles Verwandtschaft, wir sind sozusagen ein Clan«, sagt Jürgen Bethlehem aus Bielefeld-Senne. Den Bauernhof bewohnt der 50-Jährige mit seiner Mutter Ilse (77). Vater Wilhelm starb schon 1984, ausgerechnet am zweiten Weihnachtstag. Den eigenen landwirtschaftlichen Betrieb nahe der A-33-Anschlussstelle Bielefeld-Senne hat er im Frühjahr eingestellt. Ein Stall und eine Weide sind an einen Schafzüchter verpachtet.

Von Andreas Schnadwinkel
Wer Bethlehem heißt, sollte einen Stall haben: Jürgen Bethlehem aus Bielefeld-Senne weiß mit seinem Namen umzugehen.
Wer Bethlehem heißt, sollte einen Stall haben: Jürgen Bethlehem aus Bielefeld-Senne weiß mit seinem Namen umzugehen. Foto: Oliver Schwabe

Urkundlich erwähnt wurde die Hofstelle zum ersten Mal um 1550. Seit 1922 trägt sie den Namen Bethlehem. »Mein Großvater stammte aus dem Gütersloher Stadtteil Nordhorn und heiratete 1922 auf diesen Hof ein.«

Warum die Familie so heißt, ist nicht ganz klar. »Es gibt Legenden, die mein Vater früher erzählt hat. Die Gegend gehörte früher zum Kloster Herzebrock. Und dem Abt gefiel der Nachname eines Bauern nicht, weil er den Namen als heidnisch empfand. Deshalb änderte er den Familiennamen in Bethlehem«, sagt Jürgen Bethlehem und verweist auf zwei weitere Erklärungsversuche: Heimatforscher wollen in Dokumenten aus dem 13. Jahrhundert die Bezeichnung »Bettelheim« für die späteren Bethlehem-Höfe gefunden haben. Belege gibt es dafür ebenso wenig wie für die Theorie, dass möglicherweise Kreuzfahrer nach ihrer Rückkehr aus dem Heiligen Land ihre Anwesen nach Stätten rund um Jerusalem benannten.

Hebräisches Wort für »Haus Gottes«

»Ich weiß, dass der Name aus dem Hebräischen kommt und ›Haus des Brotes‹ bedeutet. Das passt doch gut zu einem Betrieb, der Lebensmittel erzeugt«, findet Jürgen Bethlehem. Auf seinen Namen wird er natürlich häufiger angesprochen als Herr Müller, Herr Meier oder Herr Schulze. »Ja, das ist schon so. Als ich vor kurzem im Krankenhaus lag, meinte eine Schwester: ›Das ist ja ein cooler Name‹. Die Leute fragen mich auch, ob ich schon einmal in der Stadt war. Aber da zieht es mich nicht hin.«

Seine Mutter Ilse berichtet von Irrläufern am Telefon: »Da wollen welche in Bethel bei den Von-Bodelschwinghschen-Anstalten anrufen und landen bei uns.« Bethel ist keine Abkürzung von Bethlehem, sondern das hebräische Wort für »Haus Gottes«.

Bockwurst mit Kartoffelsalat

Im Haus der Familie Bethlehem in Senne spielt zum ersten Mal seit gut einem halben Jahrtausend die Landwirtschaft keine Rolle mehr. »Wir hatten früher Milchvieh, etwa 20 Kühe. Aber die Preise sind so miserabel, dass sich das in der Größenordnung, in der wir Landwirtschaft betrieben haben, einfach nicht lohnt«, sagt Jürgen Bethlehem und freut sich, dass durch die Verpachtung immerhin noch knapp 50 Schafe auf dem Hof sind: 20 im Stall und 28 auf der Weide.

Ochs und Esel, wie es die traditionelle Krippe in Bethlehems Stall vorsieht, hat die Familie an Weihnachten bislang noch nicht in einen ihrer Ställe geholt. »Wegen unseres Namens betreiben wir an Weihnachten keinen besonderen Aufwand. Wir feiern ganz normal. An Heiligabend gibt es Bockwurst mit Kartoffelsalat, wie bei so vielen Familien«, sagt Jürgen Bethlehem.

Doch wenn er im Schafstall das diffuse Licht einschaltet, erkennt man mit ein bisschen Phantasie darin den Stern von Bethlehem. Zumindest in diesen Tagen.

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