Expertin: Frauen mögen eher weiche Stile wie Klassik und Schlager Warum wir hören, was wir hören

Bielefeld/Frankfurt (WB). Musik erregt – das Gehirn und die Gemüter. »Bei Musik spielen sich im Gehirn dieselben Prozesse ab wie beim Sex und beim Essen«, sagte Melanie Wald-Fuhrmann.

Von Dietmar Kemper
Die Deutschen hören am liebsten CDs mit Pop, Rock und Schlager, weiß Melanie Wald-Fuhrmann.
Die Deutschen hören am liebsten CDs mit Pop, Rock und Schlager, weiß Melanie Wald-Fuhrmann. Foto: Oliver Schwabe (Montage)

Auf Musik möchte der Mensch nicht verzichten, wohlgemerkt auf seine Musik. Im Laufe des Lebens legt er sich auf eine Richtung fest und hält auch meist daran fest. »Einen Brahms-Fan, der auch auf die Wildecker Herzbuben steht, wird man lange suchen müssen«, brachte es die Professorin des Max-Planck-Instituts für empirische Ästhetik in Frankfurt auf den Punkt.

Sie untersucht schon lange, warum einige auf Brahms schwören, andere auf Helene Fischer und wieder andere auf Metallica.

Rebell hört Rock

Die Wahl hänge vom sozialen Status einer Person, von ihrer Identität, die sie in der Musik widergespiegelt sehen möchte (der Rebell im Alltag hört Rock oder Metal), und von Schlüsselereignissen ab. Das können ein beeindruckendes Konzert, das berauschende Gefühl von Gemeinschaft bei Festivals wie dem in Wacken oder ein Tipp eines Freundes (»Hör dir das mal an«) sein.

Beispiel klassische Musik: Jemand stößt auf ein Werk von Brahms. Es begeistert ihn, er möchte mehr davon, und weil die Auswahl an Musik unüberschaubar ist und der Mensch gern Hierarchien bildet (»Klassik ist höherwertiger als die verlogene Schlagermusik«) bleibt er beim Bewährten. Entweder von den Eltern geprägt oder aus sich selbst heraus erlernen Menschen »eine kulturelle Muttersprache«, wie es Melanie Wald-Fuhrmann bei ihrem Vortrag im Zentrum für interdisziplinäre Forschung (ZiF) der Uni Bielefeld nannte.

Sind Klassik-Fans Snobs?

Bei den Klassik-Hörern spielt der soziale Status eine größere Rolle als bei anderen Musiksparten. Überwiegend Menschen aus der gehobenen Mittel- und der Oberschicht gingen in klassische Konzerte, erläuterte Wald-Fuhrmann.

Wer einen teuren Mercedes fahre, kaufe sich auch eine teure Konzertkarte für die Berliner Philharmonie. Hier wirke die Tradition nach. Im 19. Jahrhundert habe das Bürgertum den Besuch der Oper als »soziale Verpflichtung« empfunden, blickte die Expertin zurück. Dass Asiaten leidenschaftlich Beethoven, Schubert und Mozart studieren, habe nicht nur mit deren großartiger Musik zu tun, sondern sei eine Nachwirkung der Beherrschung Asiens durch Europa in der Kolonialzeit. Wald-Fuhrmann: »Klassik gilt als die Musik der militärisch Mächtigen und wirtschaftlich Erfolgreichen.«

Schlager = die heile Welt

Wer Klassik hört, fühlt sich nicht selten denjenigen, die An­drea Berg lieben, überlegen. Aber das gilt auch umgekehrt. »Die Hausfrau zwischen 40 und 50, die sich mit Schlagern in Träume von der heilen Welt und großen Liebe flüchtet, hält den Klassik-Liebhaber für einen Snob«, sagte Wald-Fuhrmann. Mädchen und Frauen bevorzugen weichere Musikstile wie Klassik und Schlager, Männer härtere wie Rock und Metal, fand sie bei ihren Forschungen heraus.

Die Wahl der Musikrichtung hängt nicht nur von der Aura ab, die sie umgibt, sondern auch von den Funktionen, die sie erfüllen soll. Will sich jemand mit ihrer Hilfe geistig anregen lassen, zu einer Gruppe bekennen so wie Jugendliche, die Freunde entsprechend ihrem Musikgeschmack auswählen, oder dient sie dazu, sich abzureagieren und seinen Körper zu spüren? »Ein Streichquartett von Brahms eignet sich nicht dazu, um sich im Fitnessstudio körperlich aufzuputschen«, sagte Wald-Fuhrmann. Die hört Klassik – kein Wunder als Vertreterin des gehobenen Bürgertums.

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