»Schneeweißchen und Rosenrot«: gelungene Premiere in Bielefeld Mit Herz, Witz und Spannung

Bielefeld (WB). Der Längste im Ensemble spielte den Zwerg, und die Älteste im Märchen erlöst mit einem Kuss den unfreiwillig Bösen aus seiner tragischen Einsamkeit. In einer Märchen-Aufführung geht das alles – zumal, wenn es so überzeugend dargestellt wird.

Von Armin Kansteiner

Überzeugend konzipiert war auch die Dramatisierung von Manuel Schöbel nach »Schneeweißchen und Rosenrot« der Brüder Grimm. Der begeistert aufgenommenen Premiere im Bielefelder Stadttheater am Samstag folgen nun bis zum 7. Januar noch viele Aufführungen.

Bühne und Kostüme gestaltete Sebastian Ellrich.

Niemand ist nur gut oder böse

Schöbel stellt in seiner behutsamen Modernisierung des Märchenstoffs von Anfang an dem Schwesternpaar ein Brüderpaar gegenüber und entwickelt aus dieser Paar-Bildung seinen roten Faden. Der Zwerg ist nicht einfach böse, er leidet darunter, immer allein zu sein. Er sieht in der Natur und bei den Menschen nur Gemeinschaften, oft sogar echte Paare, die sich lieben oder besonders gut verstehen. Wie aus einem Zwang heraus muss er diese Zweisamkeiten zerstören. Die beiden Brüder, die statt des einen Prinzen in Grimms Märchen auftreten, werden in Jäger und Bär verwandelt und müssen sich fortan jagen.

Dreifachhochzeit, aber trotzdem kein Superkitsch

Hier gelingt dem Zwerg sein Zauberstück. Bei Schneeweißchen und Rosenrot hat er kaum noch Erfolg, weil ihre Willenskraft schon stärker ist. Schließlich kapituliert er vor ihrer Herzensgüte, der zuvor schon Jäger und Bär erlegen sind. Und da die Mutter der Kinder ihren Töchtern in Güte und Schönheit nicht nachsteht, rettet sie den eigentlich guten und ansehnlichen jungen Mann mit dem beliebtesten Befreiungsmittel aller Märchen: dem Kuss. Dreifachhochzeit, aber trotzdem kein Superkitsch!

Die Schlüssigkeit, mit der der böse Zwerg stufenweise seine Zauberkraft verliert, weil er Gutes erfährt, oder die Einführung einer weiteren Figur, die die Utopie eines glücklichen Ausgangs denkbar erscheinen lässt, gründet sich auf der Darstellung von menschlichen Schwächen, die sich durch Selbstbewusstsein und Vertrauen zu Stärken wandeln. Denn ohne diese Eigenschaften hätten die Mädchen dem Zwerg nie geholfen und dem Bären keinen Unterschlupf gewährt.

Dabei hat das Stück in vielen Details auch Witz, wenn zum Beispiel die Kinder im Laufe der Handlung die Mutter mit ähnlichen Ratschlägen belehren wie anfangs die Mutter die Töchter. Oder wenn der Zwerg in seiner Verlegenheit so zu stottern beginnt, wie zuvor der Jäger gegenüber dem Mädchen.

Ausdrucksstarke Körpersprache der Akteure

Das wie die Kostüme vornehmlich in Rot und Weiß gehaltene Bühnenbild mit schwarzen Tupfern hatte wegen seiner aus Baumstämmen und Zweigen abgeleiteten stilisierten Formen Strenge. Umso mehr kam die ausdrucksstarke Körpersprache der Akteure mit ihren gekonnten Kabbeleien bis hin zu Pantomime und Tanz zur Geltung. Dass die Schauspieler dabei auch noch zu einer von Henning Grand komponierten und mit den Philharmonikern eingespielten Bühnenmusik sangen, rückte das Werk in die Nähe eines Musicals und nötigte dem Publikum Respekt vor der Vielfalt der künstlerischen Leistungen ab.

Mieke Biendara (Schneeweißchen) und Judith Patzelt (Rosenrot) ergänzten sich in ihrer Typik und ließen doch die unterschiedlichen Charaktere ihrer Persönlichkeit hervortreten. Britt Dehler (Mutter) meisterte ihre schwierigen Aufgabe, von der besorgten Mutter zur temperamentvollen Liebhaberin des erlösten Zauberers zu mutieren, mit Charme. Tilman Rose (Bär) und Vincent zur Linden (Jäger) waren das Äquivalent zu dem Mädchenpaar, nur deftiger. So bekam das Stück Kontraste. Andreas Rother (Zwerg) lieferte ein Meisterstück mit seiner Rolle, die sich im Spannungsfeld zwischen Bosheit, Verzweiflung und Freude bewegte. Für diese stimmige Inszenierung steht Regisseurin Nora Bussenius.

Empfehlung für Groß und Klein

Wie konzentriert doch Kinder, die wohl in Überzahl das Publikum ausmachten, dem immerhin anderthalbstündigen Geschehen auf der Bühne folgten! Sie reagierten direkt auf die Ansprache der Schauspieler, spendeten lang anhaltenden Beifall. Für Große und Kleine unbedingt zu empfehlen!

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