Bielefelderin erleichtert: Krankenkasse sagt ja, dann nein und schließlich wieder ja Der erfolgreiche Kampf um eine Mutter-Kind-Kur

Bielefeld (WB). »Gerne übernehmen wir für Sie sowie Ihr Kind Morton als Begleitperson die Kosten einer 3-wöchigen Mutter-Kind-Maßnahme«, schrieb die BKK Gildemeister-Seidensticker am 24. April.

Von Dietmar Kemper
Tanja Hesse (links) kann jetzt zur Kur in Grömitz fahren, Anwältin Tatjana Schul wäre sonst zum Gericht gegangen.
Tanja Hesse (links) kann jetzt zur Kur in Grömitz fahren, Anwältin Tatjana Schul wäre sonst zum Gericht gegangen. Foto: Hans-Werner Büscher

Tanja Hesse, von Krankheit gezeichnet, freute sich riesig – um wenige Wochen später aus allen Wolken zu fallen. Am 9. Juni zog die Kasse die Zusage zurück. Hesses Rechtsanwältin Tatjana Schul war fest entschlossen, notfalls bis zum Sozialgericht zu gehen. Aber nun zahlt die Kasse doch.

Diagnose Brustkrebs im Juli 2016

Und das kam so: Tanja Hesse macht eine harte Zeit durch. Bei der 47-jährigen Bielefelderin wurde im Juli 2016 Brustkrebs diagnostiziert. »Das war furchtbar, bei uns in der Familie hatte nie jemand Krebs«, erzählt sie. Als ihr Arzt Ende Juli operierte, hegte er noch die Hoffnung, die rechte Brust erhalten zu können.

Die Hoffnung trog, die Brust musste entfernt werden. Von September 2016 bis Ende Februar 2017 unterzog sich Hesse einer Chemotherapie im Franziskus-Hospital und fühlte sich manchmal hundeelend. Von Ende März bis Anfang Mai folgte die Bestrahlung. »Nach Chemo und Bestrahlung war ich ziemlich kaputt«, erinnert sich Hesse heute.

Damals blickte sie voraus und beantragte eine Mutter-Kind-Kur. Der Gutachter des Medizinischen Dienstes der Krankenversicherung (MDK) erkannte den Bedarf an, am 24. April folgte die Bewilligung durch die BKK, der angeblich »die Gesundheit von Familien mit Kindern ganz besonders am Herzen liegt«.

Vorschlag: Reha statt Kur

Die Kur mit ihrem vierjährigen Sohn sollte vom 30. August bis 20. September in der Klinik Ostseedeich in Grömitz stattfinden. Sollte, denn dann bekam Tanja Hesse am 9. Juni einen Anruf von der BKK, der sie umhaute. »›Wir nehmen die Bewilligung zurück‹, sagte mir eine Frau. Meine Erwerbsfähigkeit könne durch den Krebs gefährdet sein, ich müsse für den Beruf fitgemacht werden, das gehe nur über eine Reha und dafür sei die Rentenversicherung zuständig.«

Eine Mutter-Kind-Kur sei nur fürs Familienleben bedeutsam, soll die Dame noch gesagt und Tanja Hesse aufgefordert haben, gleich am darauffolgenden Montag zur BKK in Bielefeld zu kommen, um dort einen Antrag für die Deutsche Rentenversicherung aufzusetzen. »Ich dachte, die will mich veralbern, das Gutachten lag vor, die haben es gelesen und bewilligt. Ich war völlig durch den Wind«, erzählt Hesse.

Die BKK reichte die Begründung für ihren Rückzieher schriftlich nach: »Da der Rentenversicherungsträger vorrangig gegenüber der BKK Gildemeister Seidensticker für Rehabilitationsmaßnahmen zuständig ist, ist eine Kostenübernahme durch uns nicht mehr möglich. Gemäß § 47 Sozialgesetzbuch X sind wir verpflichtet, die Bewilligung zurückzuziehen.«

BKK gibt zu, es ist etwas schiefgelaufen

Das Gutachten des MDK lasse bei Tanja Hesse innerhalb von drei Jahren eine verminderte Erwerbsfähigkeit erwarten. Hesse schaltete die Rechtsanwältin Tatjana Schul ein, die Einspruch einlegte. Sie wirft der BKK »Schlampigkeit«, eine »Überrumpelungstaktik«, in­stinktloses Vorgehen und den Versuch vor, sich vor der Zahlung von 4.000 Euro für die Kur zu drücken.

Eine Mutter-Kind-Kur habe sehr wohl einen Wert für ihre Mandantin, betont sie: »Sie hat das Ziel, dass sich Mutter und Kind wieder annähern. Wenn Mütter Krebs haben, ihre Haare verlieren und Kinder nicht mehr mit ihnen knuddeln können, entfremden sich viele von ihren Müttern.« Was die Kranken selbst betreffe, litten sie stark unter dem gravierenden Eingriff ins Frausein. Hesse, Empfangskraft bei einem Steuerberater, drückt es so aus: »Wenn das Familienleben nicht läuft, bin ich auch fürs Berufsleben nicht fit.«

Schul riet ihrer Mandantin, zur Kur nach Grömitz zu fahren. Im schlimmsten Fall wäre sie auf den Kosten sitzengeblieben. Das muss Hesse jetzt nicht mehr befürchten. Nach einer WESTFALEN-BLATT-Anfrage bei der BKK meldete sich die Krankenkasse bei Rechtsanwältin Schul: »Ich habe einen Anruf bekommen, wonach die BKK die Kur jetzt doch bewilligt. Man sehe den Bedarf für eine Mutter-Kind-Kur, im konkreten Fall sei etwas schiefgelaufen.«

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