Bielefelder Klassenkameraden setzen sich für jungen Afghanen ein – OB sucht das Gespräch Musa darf bleiben

Bielefeld (WB). »Die sind einfach lieb. Ich konnte mir so etwas vorher einfach nicht vorstellen«, sagt Musa Tajik gerührt. »Die«, das sind seine Klassenkameraden von der Rudolf-Steiner-Schule. Sie haben sich für Musa eingesetzt, als ihm die Abschiebung drohte.

Von Sabine Schulze
Pit Clausen mit den Zehntklässlern der Rudolf-Steiner-Schule. Für Musa haben sich Robin, Ben, Alexander, Helene (von rechts) und viele andere eingesetzt. Wenn er hätte gehen müssen, hätten sie es nicht verstanden, sagen sie.
Pit Clausen mit den Zehntklässlern der Rudolf-Steiner-Schule. Für Musa haben sich Robin, Ben, Alexander, Helene (von rechts) und viele andere eingesetzt. Wenn er hätte gehen müssen, hätten sie es nicht verstanden, sagen sie. Foto: Hans-Werner Büscher

Vor zwei Jahren ist Musa aus Afghanistan nach Deutschland geflüchtet, hier besucht der 18-Jährige die zehnte Klasse der Rudolf-Steiner-Schule. »Er ist wirklich integriert, ist nett, beliebt und bemüht sich«, versichern seine Klassenkameraden. Dennoch: Im Juni hat Musa vom Bundesamt für Migration und Flüchtlinge den Bescheid erhalten, dass sein Asylantrag abgelehnt sei und er binnen vier Wochen mit der Abschiebung rechnen müsse.

Musa war geschockt, und auch seine Schulkameraden konnten das nicht nachvollziehen. Untätig bleiben wollten sie angesichts der drohenden Abschiebung nicht: Sie schrieben also einen Brief an Oberbürgermeister Pit Clausen. Der hat die gesamte Klasse gestern ins Rathaus eingeladen, um ihnen zum einen ganz offiziell mitzuteilen, dass Musa erst einmal nichts zu befürchten und zum zweiten gute Perspektiven habe.

»Musa hat in Ruhe Zeit, die Schule zu beenden«

Zum einen könne Musa vor dem Verwaltungsgericht gegen den Ablehnungsbescheid klagen und dann durchaus Asyl erhalten. Aber selbst wenn das nicht gelingen sollte: »Musa hat in Ruhe Zeit, die Schule zu beenden. Wenn er danach eine Ausbildung macht und in ein Arbeitsverhältnis kommt, ist die Abschiebung vom Tisch. Dann ist mit einer Aufenthaltsgenehmigung zu rechnen.« Denn dann gilt Musa als gut integriert.

Clausen gestand zu, dass das Asylrecht kompliziert sei, dass es zudem bei den Ländern einen gewissen Ermessensspielraum gebe – weswegen allein NRW und Schleswig-Holstein nur »gebremst« nach Afghanistan abschieben – und der Einzelne schnell in die Mühlen gerate. »Dann haben viele den Eindruck, das System sei unmenschlich.« Tatsächlich sei das Verfahren auch sehr formalisiert – wie jeder Steuerbescheid. Aber angesichts der Massen von Flüchtlingen sei das eine Notwendigkeit. Genauso, wie Sorgen in der eigenen Bevölkerung gehört werden müssten und manchmal auch schwere Entscheidungen zu treffen seien.

»Jeder ist willkommen«

Den Schülern gab er mit auf den Weg, sich Gedanken über das System zu machen. Und weder dem Satz »Das Boot ist voll« noch dem Satz »Jeder ist willkommen« zu glauben: »Beides stimmt nicht.« Zugleich lobte er ihre gelebte Solidarität: »Sie dürfen stolz auf sich sein.« Musa zu helfen und zu unterstützen, damit es mit Schulabschluss und Ausbildung klappt, bleibe aber ihre Aufgabe. So, wie die Jugendlichen um Marlon, Helene oder Emely gestern ihren Standpunkt darlegten, in aller Höflichkeit nachhakten und sich beim Stadtoberhaupt vergewisserten, dass Musa wirklich erst einmal sicher in Deutschland bleiben darf, kann sich der junge Afghane dessen sicher sein.

Am allerliebsten, erzählte Musa, möchte er nach der Schule eine Ausbildung machen, um sein Deutsch zu verbessern – vielleicht als Erzieher –, dann studieren und irgendwann, wenn wieder Frieden herrscht, in seiner Heimat eine Waldorf-Schule eröffnen. Allemal aber möchte er später seine Familie unterstützen. Derzeit hat er alle vier Wochen Kontakt mit ihr und sorgt sich um die Eltern und die vier jüngeren Brüder. »Sie können nicht zur Schule gehen, niemand traut sich einfach auf die Straße. Alle haben Angst vor Terror oder Explosionen.«

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