Bielefelderin Anja Blacha (26) bezwingt Mount Everest Auf dem Dach der Welt

Bielefeld (WB). Das gewaltige Gebirgsmassiv des Himalaya zu Füßen, und doch wirken die imposanten Berge rings herum klein. So beschreibt Anja Blacha den Moment, als sie am 21. Mai um 5 Uhr morgens auf dem Gipfel des Mount Everest steht. Die 26-jährige Bielefelderin hat den höchsten Berg der Welt bestiegen.

Von Hendrik Uffmann
Anja Blacha am Berg. Auch auf dem Eis will jeder Schritt mit Vorsicht und Bedacht gesetzt sein
Anja Blacha am Berg. Auch auf dem Eis will jeder Schritt mit Vorsicht und Bedacht gesetzt sein Foto: Anja Blacha

Noch am Dienstag war Anja Blacha davon ausgegangenen, die jüngste Deutsche auf dem Mount Everest gewesen zu sein. Doch das steht noch nicht fest. Bisherige Rekordhalterin ist Helga Hengge mit 32 Jahren. Die Journalistin und Bergsteigerin Billi Bierling, die eine Alpin-Datenbank für den Himalaya unterhält, schränkte auf Anfrage der Deutschen Presse-Agentur ein: »Ich weiß noch nicht, wer in diesem Jahr noch auf dem Berg war.«

Schutzengel Ram Nurlu

Dem WESTFALEN-BLATT schildert Anja Blacha ihre Eindrücke am Telefon von ihrem Hotelzimmer in Kathmandu (Nepal) aus, kurz bevor sie zurück nach Zürich fliegt, wo sie derzeit lebt und arbeitet: »Es herrschte eine unglaubliche Fernsicht, da der Himmel wolkenlos war. Zu wissen, dass dies der höchste Punkt der Erde ist und der Traum von ganz vielen Menschen, hier zu stehen – das war etwas ganz Besonderes.«

Diesen außergewöhnlichen Moment erlebt zu haben, erfülle sie aber auch mit einer großen Dankbarkeit – dafür, dass ihr Körper die Belastung gut verkraftet hat, aber auch für die Unterstützung durch ihren Sherpa Ram Nurlu. »Am Gipfeltag hat er mich auf Schritt und Tritt begleitet, wie ein Schutzengel«, erzählt die 26-Jährige, die erst seit kurzem das Bergsteigen für sich entdeckt hat.

Ihre erste »richtige« Bergexpedition hat sie 2015 unternommen, als sie den Aconcagua, den höchsten Berg Südamerikas, bestiegen hat. Zuvor hatte sie 2013 den Machu Picchu in Peru, mit 2430 Metern relativ »niedrig«, erklommen.

2015 folgten dann mit dem Mont Blanc und dem Kilimandscharo die jeweils höchsten Berge ihres Kontinents, bevor sie 2016 den Denali in Alaska schaffte. »Bei dieser Expedition habe ich dann Bergsteiger kennen gelernt, die den Mount Everest schon bestiegen hatten und den Denali sogar anstrengender fanden. Dabei kam mir erstmals der Gedanke, dass ich das auch schaffen könnte.«

Mit Gewichten zur Arbeit

Im Februar dieses Jahres nahm sie dann Kontakt zu einem Tourenanbieter auf, der sie gründlich über ihre bisherige Berg-Erfahrung befragte – und ihr schließlich zutraute, auch den höchsten Berg der Welt besteigen zu können. »Die Anbieter werden nach der Quote ihrer Kunden, die sie auf den Gipfel gebracht haben, gemessen. Deshalb gab mir das dann die Zuversicht, dass es klappen könnte.«

Danach startete Anja Blacha dann ihre Vorbereitung. Dazu gehörten zwei Schneeschuh-Touren in den Alpen, um die neuen Bergstiefel einzulaufen, ihr regelmäßiges Fechttraining, »und ich habe versucht, so viel Training wie möglich in den Alltag zu integrieren«, erzählt sie. So ging sie unter anderem mit jeweils zwei Kilogramm schweren Gewichten an den Füßen zur Arbeit, um die Beinmuskulatur zu kräftigen.

In der Todeszone

Anja Blacha mit ihrem Sherpa Ram Nurlu, der sie auf Schritt und Tritt begleitete.

Am 3. April startete die 26-Jährige dann nach Kathmandu. Von dem Moment an war sie fast 50 Tage mit ihrer Expeditionsgruppe – neben sechs weiteren Bergsteigern auch acht Sherpas – zusammen. »Es hat sehr lange gedauert, da unter anderem noch die Seile auf den letzten und gefährlichsten Abschnitten zum Gipfel neu befestigt werden mussten. Und dann mussten wir auf das nächste Schönwetter-Fenster warten.«

Der Vorteil: So blieb viel Zeit, um den Körper an die Höhe zu gewöhnen. Vom Basislager auf 5000 Metern ging es auf 7500 Meter und wieder herunter. Ein bis zweimal absolvierte jeder der Teilnehmer diese »Rotation« genante Art der Akklimatisierung.

Für den eigentlichen Aufstieg ging es dann vom Basislager bis ins Camp 2 auf 7700 Meter, nach einer Übernachtung dort bis zum Camp 3 auf 8300 Meter, wo Anja Blache am 20. Mai am Nachmittag eintraf. »Ab 8000 Meter beginnt die Todeszone, wo der Körper den Sauerstoffmangel nicht mehr ausgleichen kann. Deshalb kann man dort nur kurz bleiben. Man ruht sich nur ein wenig aus, isst etwas und trinkt sehr viel«, erklärt die Bielefelderin.

Nerven behalten

Kurz vor Mitternacht startete sie dann zur letzten Etappe. Durch die sternenklare Nacht, den riesigen Berg vor sich, nahm die Gruppe die letzten gut 550 Meter bis zum Gipfel im Angriff – und erreichte diesen dann bei Sonnenaufgang. Aufgrund des eisigen Windes blieb dort nicht viel Zeit – nach knapp zehn Minuten kehrte die Gruppe wieder um. Anja Blacha hätte sogar noch länger bleiben können, ihre Sauerstoffreserve war noch groß. »Mein Körper macht die Höhe extrem gut mit«, erklärt sie. Der Augenblick auf dem Gipfel sei ein sehr klarer Moment gewesen, den sie auch ganz bewusst realisiert habe.

Die größte Herausforderung sei es gewesen, während der gesamten Expedition die Nerven zu behalten: beim Warten, aber auch beim Aufstieg an steilen Abgründen entlang, wo die nächste Stelle, auf der der Fuß Halt findet, kleiner als der Schuh ist oder bei Halteseilen, deren Verankerung kurz zuvor aus dem Stein gebrochen war. Anja Blacha: »Dabei nicht nervös zu werden, ist eine größere Herausforderung als die technischen Schwierigkeiten beim Bergsteigen am Mount Everest.«

Mount Vinson ruft

Wie gefährlich der Berg sein kann, hat sie auch mit eigenen Augen gesehen. Direkt neben der Route lagen mehrere Leichen. »Das war sehr bedrückend.«

Dass sie die jüngste Deutsche sein könnte, die bislang auf dem Dach der Welt gestanden hat, hat Anja Blacha erst erfahren, als sie mit dem Expeditionsveranstalter die Tour geplant hat. »Der Vorteil meines Alters ist, dass ich ungebunden bin. Ich wusste: Wenn ich nicht zurückkomme, lasse ich nicht einen Mann und Kinder alleine zurück.«

Die nächste Expedition hat sie schon geplant.  Ende des Jahres oder Anfang 2018 will sie den Mount Vinson besteigen, den höchsten Berg der Antarktis. Die Zusage ihres Chefs, dafür Urlaub zu bekommen, hat sie schon.

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