Verkäuferin (67) soll kassiert, aber die Kleider nicht bestellt haben Bräute fühlen sich betrogen

Bielefeld (WB). Eine Bielefelder Boutiquenverkäuferin soll quer durch Deutschland Bräute um ihr Geld und ihre Hochzeitskleider betrogen haben. 17 Betroffene haben sich zusammengeschlossen und ­Anzeigen gegen die 67-jährige Bielefelderin erstattet.

Von Jens Heinze
Natalia M. (31) mit ihrem Lebensgefährten Peter G. (32) vor dem zwangsgeräumten und geschlossenen Brautmodengeschäft in der Bielefelder Altstadt: Die Herforderin hat am 18. März 2016 ihr Hochzeitskleid bestellt und bis heute nicht erhalten.
Natalia M. (31) mit ihrem Lebensgefährten Peter G. (32) vor dem zwangsgeräumten und geschlossenen Brautmodengeschäft in der Bielefelder Altstadt: Die Herforderin hat am 18. März 2016 ihr Hochzeitskleid bestellt und bis heute nicht erhalten.

Sie seien immer mit der gleichen Masche abgezockt worden, berichteten die Frauen. Die Boutiquenverkäuferin habe im Geschäft in der Bielefelder Altstadt gegen sofortige Barzahlung des kompletten Preises Rabatte versprochen. Pro Brautkleid habe die 67-Jährige 1400 bis 2200 Euro kassiert. Dann habe die Frau Anprobetermine platzen lassen, sei im Geschäft telefonisch nicht mehr zu erreichen gewesen.

Die Bräute bangten um ihre fest terminierten Hochzeiten in Weiß. Die Frauen wandten sich nach monatelangem Warten verzweifelt an den Hersteller der Kleider, die polnische Firma Agora in Wroclaw/Breslau. Bestellungen aus Bielefeld seien im Unternehmen nicht aufgegeben worden, lauteten immer wieder die Antworten aus Polen.

Fünf Jahre und neun Monate Gefängnis

Susanne K. (25) aus Gütersloh schilderte, wie sich eine Braut fühlt, wenn sie zur Hochzeit ohne ihr Traumkleid dasteht. »Mein Mann und ich waren seit sieben Jahren zusammen. Er hat mir einen Tag vor meiner Hirntumor-OP einen Heiratsantrag gemacht. Nach meiner OP war ich auf einem Ohr taub. Meine Eltern wollten mich ablenken, und so sind wir an deren 25. Hochzeitstag zu Agora Brautmoden gefahren. Ich habe mich sofort in dieses Kleid verliebt und dachte, es kann einfach nur bergauf gehen. Tat es aber nicht. Die Hochzeit war auch super, aber ich habe das bestellte Kleid nie bekommen – und die Anzahlung von 800 Euro nicht wiedergesehen.«

Was Susanne K. und die übrigen Bräute nicht wussten – die Boutiquenverkäuferin ist einschlägig vorbestraft. Die 67-Jährige ging als Bielefelds bekannteste Serienbetrügerin in die Geschichte ein. Das Landgericht Bielefeld schickte sie am 30. September 2005 wegen 46 Taten mit einem Schaden von ­etwa 330.000 Euro für fünf Jahre und neun Monate ins Gefängnis. Es war nicht die erste Haftstrafe für die bei Urteilsverkündung bereits sechsfach vorbestrafte Frau. Gutachter bescheinigten ihr seinerzeit »ein kühles, berechnendes, zynisches und selbstsüchtiges Naturell«. Die Angeklagte habe »jede menschliche Schwäche zu ihrem Vorteil ausgenutzt«.

Mietschulden im fünfstelligen Bereich

Davon will sie heute nichts mehr wissen. Ihr sei es in ihrem Leben nicht gut gegangen, sagte die hoch verschuldete 67-Jährige. Das seit dem vergangenen Jahr gegen sie laufende Insolvenzverfahren – 46 Gläubiger verlangen mehr als 396.000 Euro zurück – sei nicht von ihr verschuldet worden. Dass wegen Mietschulden im fünfstelligen Bereich ihre Privatwohnung und das von ihr geleitete Brautmodengeschäft in der Bielefelder Altstadt vor zwei Wochen von einem Gerichtsvollzieher zwangsgeräumt wurden, will sie nicht in der Zeitung lesen.

»Zwei Mitarbeiterinnen waren krank, von einer weiteren habe ich mich trennen müssen. Ich habe fünf Monate lang alleine im Geschäft gearbeitet und war überfordert«, sagt sie.

Dank eines finanzkräftigen Teilhabers bekomme jede Braut ihr Geld zurück, verspricht die Bielefelderin. 15 Kundinnen habe sie um die 15.000 Euro zurückerstattet. Frauen wie Natalia M. (31), die seit mehr als einem Jahr auf ihre Kleider warten, hätten schriftliche Zahlungszusagen bekommen. Bräute wie Manuela Wolke (45), die den Versprechen nicht vertrauen würden, bekämen Pfandkleider ausge­händigt.

Wo die fehlenden Kleider sind, ist unbekannt

Die Firma Agora distanziert sich unterdessen im Internet vom gleichnamigen Brautmoden­geschäft in Bielefeld. Die Boutique gehöre nicht zum Unternehmen. Am Montag war Agora-Chefin Grazyna Galczynska in Bielefeld und forderte 139 Ausstellungskleider zurück. Es gab nur noch 100 Stück. Wo die fehlenden Kleider sind, ist unbekannt.

Die ehemaligen Kundinnen der Bielefelderin haben sich derweil zusammengetan. Betroffene wenden sich an Manuela Wolke unter agora@einzigartig.me . Auf der Facebook-Seite »Aufklärung Agora Brautmoden Bielefeld – Seite für Betroffene« haben sie ein Forum.

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