Kein Strom: Reisende sitzen fest und beklagen fehlende Information Chaos nach ICE-Panne

Bielefeld/Neubeckum (WB). Reisende haben in der Nacht zu Mittwoch in einem ICE zwischen Bielefeld und Hamm festgesessen. Ein Bahnkunde nannte das Notfallmanagement katastrophal. Er ließ sich nach Stunden von seiner Freundin am Bahndamm abholen.

Von Christian Althoff
Symbolfoto.
Symbolfoto. Foto: dpa

Am Mittwochabend gegen 18.40 Uhr flogen Vögel bei Neubeckum (Kreis Warendorf) in eine Oberleitung und verursachten einen Kurzschluss. Die Leitung riss, und der Draht zerstörte den Stromabnehmer des ICE 643, der von Köln nach Bielefeld unterwegs war.

Er blieb liegen – ebenso wie der ICE 846, der ihm aus Bielefeld entgegenkam. In diesem Zug saß Volker B. (27), der von einer Tagung in Hannover kam und nach Düsseldorf wollte. »Für eine Panne kann niemandem etwas. Aber dass man uns stundenlang nicht informiert hat und niemand wusste, wann und wohin es weitergeht, ist eine Frechheit.«

Klimaanlage und Toiletten funktionierten nicht mehr

Reisende verlassen den stickigen ICE bei Neubeckum.

Es dauerte nicht lange, und der Strom im ICE fiel aus. Klimaanlage und Toiletten funktionierten nicht mehr. Volker B.: »Eine Frau kollabierte wegen der hohen Temperatur und der schlechten Luft im Zug. Ein Familienvater versuchte, Polizei und Feuerwehr anzurufen. Eine Jugendliche war völlig aufgelöst, ohne dass sich jemand um sie kümmerte.« Schließlich seien die Türen geöffnet worden, und man habe frische Luft bekommen. »Viele sind nach draußen gegangen.«

Die 450 Reisenden in dem anderen ICE hatten Glück: Die Bahn schickte einen Dieselzug, in den sie gegen 21.10 umsteigen konnten. Er brachte sie nach Gütersloh. »Warum wir nicht auch in den Zug durften, ist mir ein Rätsel«, sagt Volker B.

Stunde um Stunde verging, und die Nacht brach herein. Im ICE 846 war es stockdunkel, nur Handy-Displays leuchteten. Ein Reisender aus Berlin twitterte ein Foto, das tiefschwarze Nacht zeigt. »Blick aus dem Zugfenster« schrieb er darunter. In einem anderen Tweet auf Englisch, der an die Bahn gerichtet ist, heißt es: »Wir sitzen seit fünf Stunden in diesem Zug von Berlin nach Düsseldorf fest. Warum bekommen wir keine Informationen?« Ein dritter Reisender schrieb: »Hier sitzen Familien mit Kindern fest!«

Versuche, den ICE mit Diesellock abzuschleppen

Volker B. erzählt, die Bahn habe versucht, den ICE mit einer Diesellok abzuschleppen, aber das habe nicht geklappt. »Ein Mitreisender meinte, die Kupplung hätte nicht gepasst, und die Lok sei für einen Doppel-ICE zu schwach.«

Gegen Mitternacht schickte Volker B. seiner Freundin in Düsseldorf über Whats-App seine Positionsdaten. Sie fuhr mit dem Auto 130 Kilometer und gabelte ihn am Bahndamm auf. »Wir haben noch jemanden mitgenommen, der dringend zum Flughafen nach Düsseldorf musste«, sagt der 27-Jährige. Er sei nicht der einzige gewesen, der sich selbst auf den Weg gemacht habe. »Andere haben sich Taxen an den Bahndamm bestellt.« Erst um 4 Uhr war die zweigleisige Strecke wieder frei.

Von der Bahn war am Mittwoch keine Stellungnahme zu dem Fall zu bekommen, weil die Mitarbeiter aus der Nacht noch nicht wieder im Dienst waren.

Kommentare

Vögel schuldig ?

Niemand fragt nach den Vögeln, die hier umkamen, weil sie nicht wissen können, dass Oberleitungen lebensgefährlich sind - selbst wenn gar kein Zug kommt. Es gibt zwar ein gesetzliches Tötungsverbot geschützter Tiere, doch scheinen elektrische Bahnen davon ausgenommen zu sein.
Im Unterschied zu Straßen und nichtelektrifizierten Bahnen stellen Bahnoberleitungen und die Stromabnehmer elektrischer Züge für alle größere Vögel, Eichhörnchen usw. ein zusätzliches tödliches Unfallrisiko dar. Man muss fragen, ob Bahnoberleitungen noch zeitgemäß sind, denn aus dem Eisenbahnbundesamt (EBA) kommt z.B. die Info, dass streckenbezogen im (überwiegend elektrischen und als umweltfreundlich bezeichneten) Bahnbetrieb weit mehr Vögel umkommen als auf der Straße. Aus dem EBA kommt ebenfalls die Empfehlung, in Zukunft oberleitungsfreie Antriebsformen zu entwickeln, da Oberleitungen zu häufig ausfallen, u.a. klimawandelbedingt durch Eis, Sturm, Blitz. Die Ausfalliste ist bekanntlich viel länger: weitere Ursachen sind Vandalismus, Kupferdiebstahl, Personenunfälle durch Bahnstrom usw.
Auch die Fahrgäste können inzwischen ein Lied von derartigen Ausfällen singen.

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