Auf dem Hof Meyer zu Bentrup findet fehlgebildetes Gemüse immer mehr Abnehmer Die Inklusion der krummen Gurke

Bielefeld-Quelle (WB). Auf dem Kompost oder im Schweinetrog zu landen, ist kein schönes Schicksal. Doch jahrelang blühte es Millionen von Schlangengurken, die krumm gewachsen waren. Eine Verordnung der Europäischen Union verpflichtete die Züchter dazu, solches Gemüse, das nicht der Norm entsprach, nicht in den Handel zu bringen. Auf dem Queller Hof Meyer zu Bentrup ist längst Schluss damit. Dort mauserte sich die »krumme Gurke« zum Markenprodukt.

Von Markus Poch
Jede zwölfte Gurke wird krumm: Mark Meyer zu Bentrup (43, links) und sein Gärtner Georg Skoruppa (53) zeigen eine kleine Auswahl an Fehlbildungen. Zur Hochsaison im Juni/Juli werden auf dem Hof täglich bis zu 1700 Schlangengurken geerntet.
Jede zwölfte Gurke wird krumm: Mark Meyer zu Bentrup (43, links) und sein Gärtner Georg Skoruppa (53) zeigen eine kleine Auswahl an Fehlbildungen. Zur Hochsaison im Juni/Juli werden auf dem Hof täglich bis zu 1700 Schlangengurken geerntet. Foto: Markus Poch

Stehen dicht an dicht zum Verkauf: die gerade Schlangengurke, wie sie jahrelang laut EU-Verordnung auszusehen hatte, und die krumme Gurke in ihrer anarchischen Vielfalt. Foto: Markus Poch

Die so genannte EU-Gurkenverordnung, die den »idealen Krümmungswinkel« einer Gurke festlegte, war Mark Meyer zu Bentrup schon lange ein Dorn im Auge. Der 43-Jährige verantwortet im Familienbetrieb den Bereich Marketing/Vertrieb und hatte von Anfang an nicht einsehen wollen, warum acht Prozent seiner Gurkenernte als Schweinfutter enden sollen, nur weil sie optisch nicht makellos sind.

Bei den für die Saison 2016 anvisierten 200.000 Salat- oder Schlangengurken (Cucumis sativus) entspräche das einem Ausschuss von ungefähr 16.000 Stück. Damit kann kein Unternehmer, der seine Ware und seinen Umsatz liebt, zufrieden sein.

»Mit kleinen Schönheitsfehlern«

»Deshalb ist es eine faszinierende Idee, ein nicht genormtes Lebensmittel zu vermarkten, anstatt es zu vernichten«, sagt Mark Meyer zu Bentrup. Im Jahre 2009, als die umstrittene Gurkenverordnung außer Kraft gesetzt wurde, gab es in der Bevölkerung bereits ein wachsendes Bewusstsein für die Wertigkeit auch von Obst und Gemüse »mit kleinen Schönheitsfehlern«.

Diesen Trend griff der Queller Unternehmer für sich auf: Er entwickelte eine schöne Banderole mit der Aufschrift »krumme Gurke«, ließ die verkrüppelten Exemplare einzeln damit umwickeln und platzierte sie in seinen Hofläden und auf den Märkten der Region in der ersten Reihe.

Geschmacklich gibt es keinen Unterschied

Seine Kunden hatten fortan die Wahl zwischen geraden Gurken für aktuell 99 Cent und deren krummen Verwandten für 59 Cent. Die durchschnittliche gerade Gurke des Queller Betriebes ist 35 Zentimeter lang, sechs Zentimeter dick und wiegt 700 bis 800 Gramm. Krumme Gurken sind oft ein wenig kürzer und dafür etwas dicker. Geschmacklich, so viel steht fest, gibt es keinen Unterschied.

Laut Meyer zu Bentrup hat es beim Kunden eine ganze Weile gedauert bis diese Erkenntnis herangereift sei, »aber heute vermarkten wir 85 Prozent unserer krummen Gurken«, berichtet er stolz. »In unserem Queller Hofladen verkauft sich die krumme Gurke inzwischen schon besser als die gerade.«

»Gurke versucht, Wunden zu schließen«

Dass Gurken überhaupt krumm werden oder anderweitig verkrüppeln, lässt sich kaum verhindern. Georg Skoruppa, verantwortlicher Gärtner im Betrieb Meyer zu Bentrup, erklärt die möglichen Ursachen einer Missbildung: »Beim Hochbinden der Triebe oder anderen pflegerischen Arbeiten können mechanische Schäden an der Schale entstehen«, sagt der 53-Jährige.

»Die Gurke versucht dann, diese Wunden zu schließen und bildet ihre Zellen anders aus. Dadurch verformt sich die Frucht.« Dieses Phänomen sei auch dann zu beobachten, wenn die Gurke in der Wachstumsphase auf einen Widerstand treffe, zum Beispiel eine Blattachsel.

Fransenflügler macht die Gurke krumm

»Aber der größte Schaden entsteht durch ein Insekt«, sagt Skoruppa. Ein winziger, kaum zwei Millimeter langer Fransenflügler, auch Thrips genannt, kann sich nichts Schöneres vorstellen, als die noch junge Frucht anzustechen und auszusaugen. »Das macht die meisten Gurken krumm«, betont der Gärtner.

Mit Nützlingen wie der Raubmilbe, die wiederum von Eiern und Larven der Thripse lebt, geht man auf dem Hof Meyer zu Bentrup gegen die Plagegeister an und kann dadurch weitestgehend auf den Einsatz chemischen Pflanzenschutzes verzichten. Denn trotz der positiven Verkaufsentwicklung gilt: Nicht jede Gurke soll eine krumme werden.

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