Sparkassen ziehen sich zurück – Vereine halten die Gemeinden noch am Leben Der Aderlass in den Dörfern hält an

Bielefeld/Paderborn (WB). Erst verschwanden die Postämter, dann die Tante-Emma-Läden, Polizeiposten und Schulen – und jetzt kehren auch die Sparkassen den Dörfern den Rücken. Lohnt es sich überhaupt noch, in ihnen zu leben?

Von Dietmar Kemper
Schwaney (Kreis Paderborn) verliert seine Sparkassenfiliale.
Schwaney (Kreis Paderborn) verliert seine Sparkassenfiliale. Foto: Jörn Hannemann

Ja, antwortet der Dorfforscher Gerhard Henkel, der mehr Licht als Schatten sieht.

Dorfforscher Gerhard Henkel.

»Ein wichtiger Vorzug des Dorfes ist das Engagement in der Dorfgemeinschaft, manchmal auch als ›soziales Kapital‹ bezeichnet«, betont der Geografie-Professor der Universität Essen, der sich seit mehr als 40 Jahren mit Dorfentwicklung befasst und in Fürstenberg (Kreis Paderborn) lebt. Er beobachtet schon lange, wie Teile der Infrastruktur in den Dörfern wegbrechen.

Sparkasse schließt 19 Filialen

Beispiel Sparkasse Paderborn-Detmold: Vor wenigen Wochen kündigte sie an, 19 Filialen in Dörfern des Geschäftsgebiets aufzugeben. Darunter befinden sich elf im Kreis Paderborn, zum Beispiel die in Dahl, Schwaney, Alfen und Brenken.

Das Beratungsangebot werde auf umliegende Filialen konzen­triert; für Menschen, die nicht mehr ausreichend mobil sind, werde ein kostenloser Geldbring-Service eingerichtet, hieß es.

Als Grund für den teilweisen Rückzug aus der Fläche nannte die Sparkasse die Digitalisierung und das dadurch veränderte Kundenverhalten. Immer mehr Menschen betrieben Online-Banking.

Attraktivität der Dörfer sinkt

»Jetzt sind auch schon die großen Dörfer betroffen – das ist gar nicht toll, vor allem nicht für die weniger mobilen jüngeren und älteren Menschen, die nun auf die ständige Betreuung des vertrauten Mitarbeiters am vertrauten Ort verzichten müssen. Dadurch sinkt die Attraktivität der Dörfer«, bedauert Gerhard Henkel den Schritt und fügt kritisch hinzu: »Die Volksbanken machen es vielfach genauso.«

Sparkassen und Volksbanken seien vor mehr als 150 Jahren »als Selbsthilfeorganisation zur Steigerung des Wohlstandes und der Kultur des Dorfes« gegründet worden.

»Sie waren also dem Gemeinwohl des Dorfes und seiner Bewohner verpflichtet«, sagte Henkel und er fragt sich: »Was die damaligen Gründer wohl zu den heutigen Schließungen sagen würden?« Dass man die Schließung nun sogar als Fortschritt verkaufe, sei zynisch, stoße die Dorfbewohner vor den Kopf und mache die Sache nur schlimmer.

»Dienen die Geldinstitute mit ihren Filialschließungen wirklich ihren Kunden?«, möchte Henkel gerne wissen – und wahrscheinlich nicht nur er.

Dörfliche Lebensmittelläden verschwinden

Schon früher verschwanden die Tante-Emma-Läden aus den Dörfern. Sie waren nicht zuletzt Treffpunkt und Nachrichtenbörse. Das Schwätzchen gehörte oft zum Einkauf von Milch und Wurst dazu.

»Die Anzahl der dörflichen Lebensmittelläden hat sich in den zurückliegenden Jahrzehnten mehr als halbiert«, hat Henkel, Autor des mittlerweile in dritter Auflage erschienenen Buches »Das Dorf – Landleben in Deutschland« (Theiss-Verlag), festgestellt.

Wenn der Besitzer aus Altersgründen aufhöre, verschwinde mit ihm meist auch das Geschäft. Die Konkurrenz durch Supermarktketten und die Geiz-ist-geil-Mentalität schnürten zudem den Tante-Emma-Läden die Luft ab.

Alternativen sind mobile Dorfläden oder, noch besser, von Bürgergenossenschaften getragene Geschäfte wie zum Beispiel in Dörenhagen (Kreis Paderborn). Bundesweit gibt es davon bereits mehr als 1000.

Post macht Ämter auf dem Land dicht

Nicht viel anders als Sparkassen und Volksbanken verhält sich die Post. Sie hat ihre Ämter auf dem Land massenhaft dicht gemacht. Selbst die Alternative der Postagenturen in Läden und Tankstellen gibt es beileibe nicht in jedem Dorf.

Auch beim Breitbandausbau hinkt das Land den Städten derzeit hinterher, aber schnelles Internet soll nach einer Vorgabe der Bundesregierung bis 2018 überall verfügbar sein.

Vereine halten die Gemeinden am Leben

Aber was spricht dann überhaupt noch für die Dörfer? »Die Vereine sind die Lebensadern des Dorfes«, sagt Henkel. Die Statistiken belegten eine deutlich höhere Vereinsdichte und Vereinszugehörigkeit als in großen und mittelgroßen Städten.

Fast alle Kinder und Jugendlichen und das Gros der Erwachsenen machten in Sport- und Schützenvereinen, in Musikvereinen und in der Freiwilligen Feuerwehr mit.

Als weiteres Kennzeichen der bundesweit etwa 35 000 Dörfer nennt Henkel die engen Verwandtschafts-, Nachbarschafts- und Cliquenverbindungen und die gegenseitige Hilfe bei Reparaturen im Haus, bei der Gartenarbeit sowie Kinder- und Altenbetreuung.

Starker Zusammenhalt

Gemeinsame Aktionen und Feste festigen den Zusammenhalt. »Dieses ständige Geben und Nehmen trägt, neben einer sehr hohen Eigenheimquote, zu einem relativ hohen Wohlstand des Dorfes bei«, weiß Henkel.

Das Engagement gehe oft über die Nachbarschaft hinaus. Schließlich spreche die Nähe zur Natur und damit die unmittelbare Chance, sich zum Beispiel bei Waldspaziergängen zu erholen, für das Leben im Dorf. Stichwort Freizeit und Sport: Hier haben Dörfer nach Henkels Überzeugung eine Menge zu bieten. In den letzten 35 Jahren hätten sich Tennis-, Reitsport- und Golfplätze sowie Rad- und Wanderwege »boomartig« verbreitet.

Junge Leute verlassen die Dörfer

Auch wenn die Menschen zur Arbeit oder zum Studium meist in benachbarte Städte fahren müssten, hielten sie an ihrem Dorf als »Basisstation« fest. Die große weite Welt lernten sie im Urlaub oder als Vertreter einer international agierenden Firma kennen.

Henkel: »Die jungen Leute verlassen die Dörfer – Vereine, Kommunalpolitik und Unternehmen müssen sich darum bemühen, dass sie nach dem Studium wiederkommen.«

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