Findling erlebt ersten Ortswechsel seit 240.000 Jahren Alter Schwede zieht um

Bielefeld (WB). Vier Grad, es weht ein eiskalter Wind. Obwohl es erst kurz vor 9 Uhr ist, haben sich schon ein Dutzend Schaulustige an der Baugrube Jöllenbecker-/Lange Straße versammelt. Sie wollen miterleben, wie der Findling, der bei Leitungsarbeiten entdeckt wurde, geborgen wird.

Von Burgit Hörttrich
Namu-Leiterin Dr. Isolde Wrazidlo freut sich, dass der Findling auf der Wiese am Museum angelangt ist.
Namu-Leiterin Dr. Isolde Wrazidlo freut sich, dass der Findling auf der Wiese am Museum angelangt ist. Foto: Hans-Werner Büscher

Unter ihnen sind Wolfgang Goldbeck, Vorsitzender des Fördervereins des Naturkundemuseums Namu, dessen Leiterin Dr. Isolde Wrazidlo, Dirk Vahrson, Dieter Welther und Dirk Scheppke, alle vom Amt für Verkehr und Adam Marek, Geologe im Umweltamt.

Findling wiegt mehr als zehn Tonnen

Marek beobachtet besonders gespannt, wie der Findling, mehr als zehn Tonnen

Der Findling »schwebt«, vom Kran gehalten, auf die Ladefläche des LKW. Foto: Büscher

schwer, zuerst auch auf der Unterseite frei geschaufelt und dann mit Hilfe eines Stahlseils an den Haken eines Krans der Firma Jandt gelegt wird.

Thorsten Senft, Rainer Peschke und Andre Katzwinkel kümmern sich darum, dass der Granit sicher im Stahlseil hängt, nicht wieder zurück in den Graben rutscht. Kranfahrer Fred Letmathe navigiert vorsichtig, hebt den Findling gerade so hoch, dass er ihn auf der Ladefläche des Transporters hieven kann.

Auf den Weg ins Naturkundemuseum

Dann wird der Zeuge der sogenannten Saale-Eiszeit zum Naturkundemuseum Namu an der Kreuzstraße gefahren und abgeladen. Er soll gesäubert werden. Anschließend, so Wolfgang Goldbeck, müsse ein Statiker herausfinden, wie er sicher in eine senkrechte Position gebracht werden könne. Goldbeck: »Er soll stehen, nicht liegen, damit zu erkennen ist, dass er gute 2,90 Meter hoch ist.«

Adam Marek und Namu-Geologe Dr. Mark Keiter haben den Findling bereits untersucht, Proben der Erdschichten, in denen er gelegen hat, und auch 0,02 Millimeter des Steins entnommen. Marke: »Diese Probe wurde zur spektrographischen Untersuchung geschickt.«

Findling stammt aus Schweden

Sicher sei aber schon jetzt, dass der Findling ein »Alter Schwede« ist: Er stamme aus Mittel-Schweden, sei geschätzte 900 Millionen Jahre alt und vor etwa 240.000 Jahren mit der Saale-Eiszeit ins heutige Bielefeld getragen worden.

Der Findling bestehe aus hellem, feinkristallinem Granit und habe auf einer Schicht geruht, die zu Teilen aus der Grundmoräne besteht, die der Eisschild abgelagert habe. Adam Marek: »Da, wo heute Bielefeld ist, war die Eisschicht bis zu 300 Meter dick.«

Bergung und Transport des Findlings bezahle der Förderverein des Museums, sagt Goldbeck. Er schätzt die Kosten auf zwischen 2000 und 3000 Euro. Der Findling solle neben einem weiteren Exemplar stehen, das sich bereits seit mehreren Jahren am Namu befindet.

Zeuge der Erdgeschichte

Der Findling von der Jöllenbecker Straße ist der zweitgrößte in Bielefeld – nach dem, der an der Straße Am Wellbach steht (»Stein des Steuerzahlers«). Kleinere Findlinge gibt es in Theesen oder Vilsendorf.

Auch in Sudbrack hatte man sich Hoffnung gemacht, der Findling könne im Ortsteil einen dauerhaften Platz finden.

Wolfgang Goldbeck jedoch war von Anfang an der Überzeugung, dass der Findling »allen Bielefeldern und nicht nur den Sudbrackern« gehöre. Er sei ein Zeuge der Erdgeschichte.

Der größte, bisher in Deutschland entdeckte Findling steht in Mecklenburg-Vorpommern. Er wiegt 1360 Tonnen.

Findet der Granit seinen Platz am Namu, ob nun »nur« durch eine Kuhle aufrecht gehalten, ein Betonfundament oder eine Stange, die in ihn hinein getrieben werden müsste, dann soll es eine hochoffizielle Übergabe geben. Vielleicht am Tag des Geotops, dem 20. September.

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