Stadt will in engen Straßen möglicherweise Anzahl der Parkplätze reduzieren Kein Durchkommen für Retter, Busse und Müllwagen

Bielefeld(WB). Jan Reckendrees  am Steuer des  Leiterwagens der Feuerwehr  versucht, von der Siegfriedstraße in die Rolandstraße einzubiegen, muss mehrfach rangieren, denn an allen Straßenrändern stehen abgestellte Autos. Er fädelt das Fahrzeug ein, fährt dann mit Minimalgeschwindigkeit. Hans-Dieter Mühlenweg, Leiter Vorbeugender Brandschutz der Berufsfeuerwehr, weist ihn ein.  »Im Ernstfall  kann ein solcher Engpass schlimme Folgen haben«, sagt er.

Von Burgit Hörttrich
Hans-Dieter Mühlenweg weist den Wagen der Feuerwehr ein, damit der es schafft, durch die wegen der abgestellten Autos noch verengte Rolandstraße zu kommen. Um Rettungswege sicherzustellen, können in vielen »engen Straßen« Parkplätze wegfallen.
Hans-Dieter Mühlenweg weist den Wagen der Feuerwehr ein, damit der es schafft, durch die wegen der abgestellten Autos noch verengte Rolandstraße zu kommen. Um Rettungswege sicherzustellen, können in vielen »engen Straßen« Parkplätze wegfallen. Foto: Mike-Dennis Müller

Weil Feuerwehr, Ordnungsamt und Amt für Verkehr  diesmal nur einen Test machen,  brennt kein Haus nieder und bleibt kein Unfallopfer unversorgt. Volker Tannig, Hans-Gerhard Schlanert (beide Ordnungsamt) und Ralf Kleimann (Amt für Verkehr) messen  die Durchfahrbreite in der Rolandstraße aus: »2,90 Meter. Es müssen aber mindestens 3,05 Meter sein.« Allerdings: Ein Verwarngeld  mus keiner der Autofahrer fürchten, die  ihren Pkw rechts und links der Rolandstraße abgestellt haben. Denn, so Schlanert. »Wir sind in der Beweispflicht und wissen nicht, welches Fahrzeug zuerst da war und welches  dann die Fahrbahn unzulässig verengt hat.«

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Gesucht: die eierlegende Wollmilchsau. Denn  es gilt, ein Pro­blem wenn schon nicht zu lösen, dann doch zumindest zu entschärfen. In engen Straßen wollen Anwohner (und Besucher) ihre Autos abstellen, Fußgänger  auf angemessen breitem Gehweg unterwegs sein und  zudem  muss die Durchfahrt für  Feuerwehr und Rettungswagen, Straßeneinigung, Müllabfuhr und unter Umständen Mobiel-Busse gewährleistet sein.  Amt für Verkehr und Ordnungsamt versuchen schon, die Vorschriften so flexibel wie möglich auszulegen, um das Konfliktpotenzial zu minimieren. Sie belassen es dabei, die Politik zunächst zu informieren, erzwingen keine Entscheidung, die nur lauten könnte: Stellplätze fallen  weg.  Die Verwaltung weiß, dass  Politiker Rückgrat haben müssen, um derartig unpopuläre Entscheidungen zu treffen. Manchmal hilft  sicher auch gegenseitige Rücksichtnahme – vor allem von Autofahrern auf Stellplatzsuche. Schließlich könnte jeder in eine Situation kommen,  in der er sehr schnell Hilfe braucht, die Rettung aber  in einer engen Straße »festklemmt«.                                                                                              Burgit Hörttrich

Die Ämter wollen  die Politiker in allen Bezirksvertretungen  und im Stadtentwicklungsausschuss  bis Mitte September  für das Problem erneut sensibilisieren. Kleimann betont, dass  es keinen Ermessensspielraum gebe, wenn in engen Straßen  die Erreichbarkeit  aller Grundstücke  für Lösch- und Rettungseinsätze  nicht mehr gewährleistet sei. Die Verwaltung sei dann  zur Gefahrenabwehr verpflichtet. Bedeutet: Das Parken  an den »engen Straßen«  muss neu geordnet und überwacht werden. Wer die Straße mit seinem Auto blockiert, zahlt ein Verwarngeld von 15 Euro. Der Pkw kann gegebenenfalls abgeschleppt werden.  Tannig: »In  maximal 30 Minuten in der Abschlepper vor Ort.« Wer sein Auto behindernd auf dem Gehweg parkt, kann mit 30 Euro zur Kasse gebeten werden.  Die Behördenvertreter  betonen einhellig, dass  Ziel sei, so viele Parkplätze wie möglich zu erhalten. Es könne aber auch passieren, dass  die Hälfte der Stellplätze  entfällt, um ein Durchkommen zu garantieren.

Mehrere tausend Beschwerden im Jahr

Hans-Gerhard Schlanert weist darauf hin, dass es Probleme mit engen Straßen  zwar vor allem im Bielefelder Westen und Osten, unter- und oberhalb der Detmolder Straße, aber auch in Neubaugebieten gebe: »Da  wurden Straßen mit der absoluten Mindestbreite gebaut. Sind die durch geparkte Fahrzeuge blockiert, geht gar nichts mehr.« Volker Tannig  sagt, dass beim Ordnungsamt pro Jahr »mehrere tausend Beschwerden« eingehen würden, weil Rettungswagen, Busse, Lieferdienste, Busse, Umzugswagen in engen Straßen nicht durchkämen: »Dann werden wir aktiv.« Das gelte auch für zugeparkte Gehwege – eigentlich 1,80 Meter breit, im Einzelfall seien auch 1,30 Meter möglich. Bei der Simulation des Ernstfalles an der Rolandstraße empören sich gleich Autofahrer darüber, dass »hier wohl noch mehr Parkplätze wegfallen sollen« Sie sprechen von »Geldschneiderei« oder meinen: »Wir sind schließlich Steuerzahler«. Ein Radler sagt, er würde die Rolandstraße, eigentlich ausdrücklich als Fahrradstraße ausgewiesen, gar nicht mehr nutzen: »Das ist mir zu eng.«

Bei einer Sonderverkehrsschau  haben Vertreter der Polizei und diverser Ämter  sechs Straßen in Mitte und Gadderbaum in Augenschein genommen (Drosselstraße, Lemgoer Straße, Loebellstraße, Eggeweg, Ellerstraße und eben die Rolandstraße) und  Veränderungsvorschläge gemacht. Außerdem gibt es eine Liste mit gut rund 100 weiteren Straßen, die »auffällig« sind. Hans-Dieter Mühlenweg  erinnert sich noch sehr gut an einen Einsatz, bei dem die Feuerwehr zu einem Küchenbrand in die Bielsteinstraße gerufen worden sei: »Ein Fehlalarm. Gleichzeitig gab es in der Nähe aber einen schweren Verkehrsunfall mit eingeklemmten Personen. Wir konnten dort aber nicht eingreifen, weil wir in der Bielsteinstraße nicht vor oder zurück rangieren konnten. Andere Kollegen mussten ausrücken.« Sein Ziel: »Die Rettungswege müssen sicher gestellt werden.«

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