Kein Sport in der Corona-Krise: Interview mit Mentaltrainer Fabian Westermann
„Lösungen finden und entwickeln“

Paderborn (WB/jm). Frust, Enttäuschung, Langeweile – der zweite Lockdown im heimischen Amateursport macht niemandem Spaß. Mentaltrainer Fabian Westermann (30) klärt im Interview mit WV-Sportredakteur Jörg Manthey auf, was bei negativen Gedanken im Gehirn passiert und gibt wertvolle Tipps, was Sportler jetzt für sich tun können, um gestärkt aus dieser Zwangspause zu kommen.

Samstag, 07.11.2020, 03:00 Uhr
Diese Übung heißt Parallelball: Mentaltrainer Fabian Westermann wirft zwei „Edus“ in die Luft und fängt sie über Kreuz auf. Foto: Jörg Manthey

 

Herr Westermann, wenn Sie als Mentalcoach mit Sportlern arbeiten, was tun Sie da genau?

FABIAN WESTERMANN: An erster Stelle gilt es im Gespräch, den Menschen und seine Situation wirklich zu verstehen. In meinem Mentalcoaching gebe ich zielgerichtete Impulse zur Unterstützung der individuellen Entwicklungsprozesse der Sportler. Dabei nutze ich verschiedene psychologische Methoden in Kombination mit körperlichen Übungen. Insgesamt richte ich mich dabei voll und ganz nach dem Klienten, wobei ich natürlich Bereiche empfehle, mit denen ich bereits gute Erfolge erzielen konnte. Häufig angewandte Bereiche sind etwa Coaching: eine Mischung aus Wissensvermittlung, Ordnung von Gedanken, das Anregen zu eigenen Lösungen oder das Einbringen von Hilfestellungen bis hin zur Unterstützung in der praktischen Umsetzung von neuen Schritten zur Weiterentwicklung. Oder Life Kinetik: ein Programm zur Gehirnentfaltung, bei dem neue kognitive und körperliche Erfahrungen das Gehirn fördern und weiterentwickeln, wobei unter anderem neue Denkprozesse angeregt werden. Dazu Fitnesstraining. Die mentale Leistungsfähigkeit profitiert von einem möglichst gut funktionierenden Körper. Ebenso wird zum Beispiel Stress durch Bewegung abgebaut. Selbst bei Leistungssportlern können häufig noch gute ergänzende Akzente gesetzt werden.

 

Der heimische Sport hat seinen zweiten Lockdown. Da herrscht Frust, Traurigkeit. Welche Mechanismen greifen mental in so einer Situation?

WESTERMANN: Für viele Menschen ist der Sport ein Ausgleich zum Alltag, gesundheitliche Prävention oder einfach nur Leidenschaft. Dabei darf auch das Vereinsleben mit seinen gesellschaftlichen Kontakten nicht unterschlagen werden. Beim Sport sind die Menschen gedanklich im Hier und Jetzt. Sie haben Freude an Bewegung, können zeigen, was sie können. sich mit anderen messen, auspowern, haben somit ein Ventil und sind je nach Sportart und persönlichen Vorlieben mit mehr oder weniger Menschen zusammen. Das fällt nun weg und macht Frustration Platz. Kann diese entstandene Lücke nicht anderweitig kreativ oder durch eine sportliche Alternative temporär ausgebessert werden, kann es schnell zu einer Flucht in andere Bereiche kommen. Menschen, die im Sport Anschluss gefunden haben, ziehen sich wieder zurück, oder auch körperliche Missstände, die sich durch die Bewegung verbesserten, treten wieder auf. Kompensiert wird gerne durch Konsumverhalten wie beispielsweise mit Essen, Social Media, Netflix, Genussmitteln und anderem. Eine hart erkämpfte Aufwärtsspirale kann durch so eine Zwangspause schnell ins Gegenteil bis hin zu depressiven Tendenzen oder mehr führen. Daher gilt es hier, selber und auch in seinem Umfeld Lösungen zu finden und zu entwickeln. In solch einer Krise muss man zusammenwachsen, zusammenhalten. Trotz Maske und 1,50 Meter Abstand.

„Nicht in einer Abwärtsspirale versinken“

Wie wichtig ist gerade jetzt Training für den Kopf? Welche Impulse können Sie Sportlern jetzt geben, um die Krise seelisch und emotional zu meistern?

WESTERMANN: Es gilt, aktiv zu bleiben und nicht in einer Abwärtsspirale zu versinken, aus der es auch nach der Zwangspause schwieriger wäre, herauszukommen. Für Sportler ist es wichtig, trotz aller negativen Emotionen schnell ins Umdenken zu kommen. Ob aus eigener Kraft oder mit externer Hilfe eines Coaches sollte man die Zeit nutzen, um sich mal zu reflektieren, sich neue Ziele zu setzen und gewünschte Veränderungen zu planen und durchzuziehen. Ein gutes Hilfsmittel ist ein sogenanntes Erfolgsjournal. Dieses bietet, ähnlich wie ein Tagebuch die Möglichkeit, sich selbst zu protokollieren und somit zu coachen. Täglich werden neue kleine Ziele definiert und am Abend die gemeisterten Schritte festgehalten. Dabei liegt der Fokus auf den Dingen, die gut gelaufen sind. Diese Schritt-für- Schritt-Denkweise unterstützt dabei, sich auf positive Elemente zu fokussieren und kreiert eine Aufwärtsspirale positiver Gedanken im Bewusstsein. Umdenken musste auch ich beim ersten Lockdown. Ich habe damit begonnen, das Life-Kinetik-Training für den Kopf sowie andere Coaching-Elemente online umzusetzen. Im Life-Kinetik-Training wird durch neue kognitive und koordinative Reize für Kopf und Körper ein Glückshormon produziert, Dopamin. Dieser Botenstoff des Gehirns ist für die Motivation wichtig. Er macht glücklich, reduziert Stresshormone, sorgt für besseres Abschalten und lässt uns Sorgen schneller verarbeiten. Genau das, was wir alle in dieser Situation brauchen.

 

Was sagen Sie einem Sportler, der plötzlich kein Ziel mehr vor Augen hat?

WESTERMANN: Das übergeordnete Ziel muss immer sein, sich selbst weiterzuentwickeln. Dies gilt es allen unschönen Rahmenbedingungen zum Trotz nicht aus den Augen zu verlieren. Seinen Sport nicht in der gewohnten Art ausführen zu können oder auch eine Pause im Wettkampf mit anderen sorgt natürlich zunächst für Unmut. Auch wenn ich das verstehen kann, so ist es nicht hilfreich, sich in etwas hineinzusteigern, an dem man nichts ändern kann. Machen wir uns bei all der Routine der Vergangenheit wieder bewusst, weshalb wir mit dem Sport begonnen haben und warum wir ihn so lieben. Wer sich sein „Warum“ stetig vor Augen hält, wird immer ein „Wie“ in Form von Lösungen für diese Situation finden und ist mit dem Herzen bei der Sache. Wer die Zwangspause als persönliches Bonus-Trainingslager mit Trainingsformen wie etwa Life Kinetik nutzt, gehört zu denen, die gestärkt aus dieser Pause hervorgehen. Auch im körperlichen Training wird es in Hinblick auf die aktuell nicht ausübbare Sportart sicherlich mindestens einen Bereich geben, in dem Defizite in dieser Zeit effektiv beiseite geräumt werden können, um nach der Pause wieder richtig anzugreifen.

„Neue Routinen schaffen“

Mentaltrainer und die Gehirnforschung bestätigen: Mit unseren inneren Bildern können wir unsere Realität erschaffen. Wie gelingt es, unseren Fokus und Perspektive auf die Situation so zu ändern, dass es uns gut geht?

WESTERMANN: Zunächst ist mal erforderlich, dass jemand seine Perspektive von sich aus auch wirklich verändern möchte. Selbstschutz vor zu negativen Bildern und Gedanken gelingt dann, wenn wir bewusst mit ihnen umgehen. Unser Gehirn kann nicht zwischen Fiktion und Realität unterscheiden. Es ist schon frustrierend genug, wenn der gewünschte Sport in gewohnter Art und Umfang nicht stattfinden kann. Wer an diesen Momentaufnahmen samt seiner negativen Emotionen dauerhaft festhält, sie sich immer wieder vor Augen führt und gedanklich in diesen Bildern versinkt, holt das negative Gefühl ständig wieder hoch. In einem Coaching hilft eine geführte Visualisierung, in der anstehende Aufgaben, Herausforderungen oder Ziele gedanklich durchgespielt werden. Wir können in positive Ergebnisse reinfühlen, bestimmen den Weg dorthin und haben es leichter in der anschließenden Umsetzung in der Realität. Das Gehirn hat die Erfahrungen gedanklich bereits gemacht. Wir fokussieren uns auf die entstandenen positiven Bilder im Kopf und steigern das Wohlbefinden. Wer im Alltag viel Negativität ausgesetzt ist, gefährdet sich und sein Wohlbefinden aufgrund seiner Spiegelneuronen im Gehirn. Wer ständig die negativen Geschichten und Bilder anderer konsumiert, empfindet so, als hätte er diese Situationen nahezu selbst erlebt. Dies geschieht mit allen entsprechenden emotionalen Konsequenzen, welche sich auf Kopf und Körper, die Gesundheit, Stimmung, Körperhaltung und viele andere Punkte auswirken. Wer sich schützen möchte, sollte sich im Rahmen seiner bereits reduzierten Kontakte vorwiegend mit positiven, lösungsorientierten Menschen umgeben, seine eigenen Gedanken bewusst kontrollieren und positiv ausrichten. Dabei gilt es auch Medien gut dosiert und mit Bedacht zu konsumieren, selbst lösungsorientiert zu bleiben, neue Routinen zu schaffen, Kontakte durch digitale Lösungen herzlich zu pflegen und sich bewusst vorwiegend positiven Bildern zu widmen. Das sollten wir uns wert sein.

 

Wie gehen Sie persönlich mit der aktuellen Situation um?

WESTERMANN: Die unfassbare Flut an Informationen und Meinungen hat auch mich anfangs sehr beschäftigt. Die aktuelle Situation ist sehr polarisierend und für viele Menschen belastend. Ich selbst schütze mich bei einem derartig emotionalen Thema dadurch, mehr in eine beobachtende Rolle zu gehen. Ich baue gedanklich quasi eine größere Distanz auf, stecke weniger in Details, bleibe so entspannter und kann bessere Lösungen für mich und mein berufliches und privates Umfeld gestalten. Dies sehe ich als meine persönliche Aufgabe an, die ich täglich motiviert ausführe und bei der ich gerne andere inspiriere.

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