Für Voltigiererin Franziska Peitzmeier hat ein Tumor ihr Leben verändert
Wenn Leistungssport Nebensache wird

Paderborn (WB). Vize-Weltmeisterin in 2015 und 2017, dazu Vize-Europameisterin im Junior-Einzelvoltigieren (2016): Die Erfolgsbilanz von Franziska Peitzmeier, einem der größten deutschen Voltigiertalente, liest sich beeindruckend. Im Sommer 2019 wurde es ruhig um die erfolgreiche Amazone, die sechs Jahre lang, zwischen 2009 bis 2015, für den RV Ostenland an den Start ging.

Donnerstag, 06.08.2020, 05:00 Uhr aktualisiert: 06.08.2020, 08:46 Uhr
Franziska Peitzmeier, jahrelang beim SC Blau-Weiß Ostenland aktiv, war auf der Überholspur und zweifache Vize-Junioren-Weltmeisterin der Junior-Voltigierer – bis ein Tumor sie brutal ausbremste. Foto: Daniel Kaiser

Knubbel im Oberschenkel

Zuletzt wurde sie mit der Voltigiermannschaft des RV Altena Westfalenmeister (2018, 2019) qualifizierte sich in ihrer ersten Einzel-Saison im Seniorenlager 2019 auch direkt für die Deutschen Meisterschaften im hessischen Alsfeld. Hier sollte sie aber nicht an den Start gehen, eine Krebsdiagnose stellte ihr Leben kurzfristig auf den Kopf. „Eigentlich war ich mitten in der Vorbereitung für die Deutschen Meisterschaften, als ich zwei Wochen vor der DM für eine normale Routineuntersuchung zu meinem Hausarzt ging“, berichtet die heute 20-Jährige, die an der Uni in Paderborn Englisch und Ernährungslehre auf Lehramt studiert, rückblickend. „Ich habe ihn dann eher zufällig auch noch auf einen Knubbel in meinem Oberschenkel hingewiesen, den ich schon länger gefühlt habe, aber für eine Muskelverhärtung hielt. Damit drehten sich plötzlich alle meine Pläne.“ Ihr Hausarzt konnte diesen Knubbel selbst nicht richtig einordnen und überwies die Langenbergerin direkt in die Onkologie. Das machte die Voltigiererin hellhörig. Gemeinsam mit ihrer Mutter fuhr sie in der Woche vor der DM in die Gütersloher Onkologie, um dort vorstellig zu werden.

Es wurde direkt ein MRT-Termin angeordnet für den ersten Wettkampftag der Deutschen Titelkämpfe. Somit fiel die Meisterschaft für Franziska Peitzmeier ganz kurzfristig ins Wasser. „Bis zu diesem Zeitpunkt hatte ich zwar ein blödes Gefühl, war aber immer noch positiv eingestellt, dass es sich hier um eine harmlose Diagnose handeln kann,“ gibt Franziska Peitzmeier zu. „Das gesamte Team Westfalen und besonders die Voltigierer aus Altena haben mir nach meiner kurzfristigen DM-Absage sehr viel Kraft für diese Zeit gegeben und gezeigt, dass der Zusammenhalt im Voltigierlager weit über den Sport hinausgeht.“

So schickten ihre Teamkameraden Fotos, riefen regelmäßig an und besonders Landestrainerin Martina Rook erkundigte sich nach ihrem Befinden und unterstützte die junge Sportlerin damit auch in der ganz neuen Situation auf besondere Weise.

Seltene Tumorart

Nach dem MRT-Termin gab es vorerst Entwarnung. Es war ein Tumor auf den Bildern zu sehen. Der sollte wohl gutartig sein, entfernt werden musste er aber in jedem Fall. Dies geschah Ende August 2019 in einer Operation, bei der auch ein Teil des Oberschenkelmuskels weggenommen werden musste. Das Ergebnis der Gewebeprobe lag eine Woche später vor und sorgte für Ernüchterung: Der Tumor war bösartig. Es handelte sich um eine sehr seltene Tumorart, ein sogenanntes alveoläres Weichteilsarkom.

Ein alveoläres Weichteilsarkom (ASPS) ist ein sehr seltener, langsam wachsender Tumor, der hauptsächlich im Kindes- und jungen Erwachsenenalter auftritt. Die Herkunft des Tumors ist bis heute unbekannt. Ein ASPS ist stark durchblutet: Es verursacht intensives Wachstum neuer Blutgefäße, die den Tumor mit dem Blutkreislauf verbinden und es ermöglichen, dass Tumorzellen in den Blutkreislauf gestreut werden. Diese Tumorzellen können leicht in andere Organe einwandern, üblicherweise in die Lunge und das Gehirn. Nur ein Prozent aller Tumore und 15 Prozent aller Tumore bei Kindern sind Sarkome. Weniger als ein Prozent aller Sarkome sind ein ASPS. Die Seltenheit dieser Krebsart machte es für Franziska Peitzmeier und ihre Familie nicht leicht, die Folgen und das weitere Vorgehen einzuschätzen.

Sechs Wochen nach der OP musste sie auf Krücken laufen und startete dann in der Physiotherapie bei Christian Peiler, der früher selbst erfolgreicher Voltigierer und Landestrainer des westfälischen Voltigierkaders war. „Die Arbeit mit Christian hat mir sowohl körperlich als auch menschlich sehr gutgetan“, berichtet das Voltigier-Ass über ihre Zeit nach der OP. „Neben meinen körperlichen Einschränkungen haben mich auch viele Themen wie zum Beispiel unser neues eigenes Pferd bewegt, das wir Anfang 2019 gekauft hatten, um es für mich zum Voltigierpferd auszubilden und wo der weitere Weg plötzlich komplett offen war.“ Doch auch hier zeigte sich, wie die Voltigierer in Westfalen zusammenhalten. Der Europameister und mehrfache Deutsche Meister Jannis Drewell und seine Frau Milena boten der früheren Ostenländerin direkt ihre Hilfe an und kamen regelmäßig zum Trainieren von Momo nach Langenberg, damit der Vierbeiner sich weiter entwickeln konnte.

Nach der OP wurde Franziska Peitzmeier untersucht, um zu prüfen, ob der Krebs bereits gestreut hatte. Das war glücklicherweise nicht der Fall. Die Ärzte aus Gütersloh stellten den Fall zusätzlich im Rahmen einer Tumorkonferenz Kollegen aus dem Tumorzentrum in Essen vor. Daraufhin wurde Franziska Peitzmeier auch dort vorstellig und lernte Professor Dr. Sebastian Bauer kennen, einen Spezialisten. Der machte ihr Mut, dass es sich seinerzeit um einen kleinen Tumor seiner Art gehandelt hatte und vorerst keine Strahlen- oder Chemotherapie notwendig war. „Ich habe unglaubliches Glück gehabt, dass dieser eigentlich sehr aggressive Krebs bei mir so früh erkannt wurde,“ erzählt Franzi Peitzmeier erleichtert. „Trotzdem muss ich jetzt zu regelmäßigen MRT- und CT-Checks, um zu kontrollieren, dass nicht doch irgendwo Metastasen wachsen.“ Diese engmaschigen Kontrollen würden einem eine gewisse Leichtigkeit im Leben nehmen, wie die junge Sportlerin zugibt.

Lockerheit kehrt langsam zurück

Doch mit zunehmendem Abstand zu der Entdeckung des Tumors kehrt die Lockerheit langsam zurück. Heute, fast genau ein Jahr nach der Krebsdiagnose, ist Franziska Peitzmeier krebsfrei. Die Routine-Checks bleiben aber weiterhin ein ständiger Begleiter. Seit dem Winter kann sie wieder voltigieren. Während der Start eher verhalten und vorsichtig war, da auch die OP-Narbe anfangs noch schmerzte, kann sie heute wieder gut turnen. „Dank meiner Familie, Freunde und der tollen Voltigiergemeinschaft habe ich diese ungewisse Zeit in meinem Leben gut überstehen können und mich über die Anteilnahme von allen Seiten sehr gefreut“, berichtet sie. „Ich habe in meiner Krankenzeit auch viele Patienten mit Sarkomen kennengelernt, bei denen der Verlauf nicht so positiv war wie bei mir und die heute um ihr Leben kämpfen. Daher ist es mir ein besonderes Anliegen, die Bekanntheit dieser seltenen Krebsart zu steigern und mehr Menschen darauf aufmerksam zu machen.“

Ziel der ambitionierten Sportlerin ist in jedem Fall die Rückkehr in den Wettkampfsport, der durch Corona in dieser Saison ohnehin zum Erliegen gekommen ist. Zum Jahresende hofft sie auf einen ersten Turnierstart mit ihrem eigenen Pferd Momo, den sie momentan zu Hause trainiert.

„Das Leben geht weiter. Ich versuche immer positiv nach vorne zu schauen. Die Sicht auf viele Dinge hat sich durch die Diagnose für mich aber verändert“, reflektiert Franzi Peitzmeier die Erlebnisse der vergangenen Monate. „Gesundheit ist nicht selbstverständlich und Krebs war für mich persönlich bisher immer weit weg, sodass ich meine Erfahrungen nutzen möchte, um die Aufmerksamkeit auf diese besonders seltene Krebsart, die Sarkome, zu lenken. Denn der Sarkomforschung fehlen wichtige Spendengelder.“

So sei es ihr „eine Herzensangelegenheit, auf die jährliche Sarkomtour des Klinikums Essen aufmerksam zu machen. Es ist ein großer Wunsch von mir, viele Menschen zu erreichen, um zu helfen, diese Forschung voranzutreiben.“ Bei der Sarkomtour handelt es sich um ein Sponsoren-Rennen, das dieses Jahr coronabedingt am 15. August virtuell stattfindet. „Jeder Kilometer und damit jeder Cent zählt!“ Weitere Informationen zur Sarkom-Tour gibt es im Internet unter: www.sarkomtour.de/startseite/tour-2020.

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