Paderborns einziger Bundesliga-Schiedsrichter, Rainer Waltert, wird 80 Jahre alt
Ein Buhmann und böse Buben

Paderborn (WB). Wenn die Schiedsrichter-Vereinigung Paderborn im November ihren 100. Geburtstag feiert, wird einer sicher einen Ehrenplatz bekommen: Rainer Waltert. Er ist der einzige Paderborner Unparteiische in der Geschichte, der den Sprung in die 1. Bundesliga geschafft hat. Am heutigen Dienstag feiert der ehemalige Architekt seinen 80. Geburtstag.

Dienstag, 09.06.2020, 03:00 Uhr aktualisiert: 09.06.2020, 05:02 Uhr
Schöne Erinnerung des Jubilars: So war es, als Rainer Waltert mit Sepp Maier ins Münchner Olympiastadion einlief. Gegner war Eintracht Braunschweig. Foto: Jörn Hannemann

„Mensch, was für ein Aufwand“, begrüßt Waltert Fotograf und Redakteur seiner Heimatzeitung anlässlich seines Jubiläums in seinem Reiheneckhaus in der Südstadt. Er ist immer bescheiden geblieben und sagt: „Ich wollte nie gerne in die Öffentlichkeit, aber jetzt mache ich mal eine Ausnahme.“ Der Grund der Anfrage liegt auf der Hand, denn Waltert selbst ist eine Ausnahme, nicht nur aufgrund seiner stattlichen Erscheinung. Von 1973 bis 1981 leitete er 62 Spiele in Deutschlands Fußball-Oberhaus und war darüber hinaus 71 Mal als Linienrichter tätig. Dazu kommen 77 Einsätze in der 2. Liga zwischen 1974 und 1985 und 16 Spiele im DFB-Pokal. Zum Abschied pfiff er 1985 das Endspiel um die Deutsche Meisterschaft der Frauen zwischen dem KBC Duisburg und Bayern München.

Mehr als 1000 Spiele gepfiffen

Das war das Ende der so erfolgreichen Schiedsrichter-Laufbahn von Rainer Waltert nach mehr als 1000 Spielen. In der Bundesliga wären es wohl noch mehr geworden, „wenn wir nicht gleich fünf Schiedsrichter aus Westfalen gewesen wären“. In den Amateurbereich kehrte er nicht zurück. „Es ging einfach nicht mehr. Und wenn man so lange auf höchstem Niveau gepfiffen hat, ist es schwer, wieder in der Kreisliga zu pfeifen. Wenn du da Vorteil laufen lässt, versteht das keiner“, sagt Waltert.

Seine Liebe zum Fußball entdeckte er schon in jungen Jahren, 1950 wurde er Mitglied beim damaligen VfJ 08 Paderborn, einem Vorgängerklub des heutigen SC Paderborn 07. „Schon als kleiner Junge bin ich am Wochenende immer zur Wilhelmshöhe gegangen und habe mir Spiele angesehen“, weiß er noch heute. Natürlich jagte er auch selbst dem Ball hinterher. „Ich war Linksaußen und schnell. Daher wurde ich oft gelegt“, berichtet er. Die Folge waren zahlreiche Verletzungen, die dem Ausbilder des damaligen Maurerlehrlings so gar nicht gefielen. „Irgendwann hat er zu mir gesagt, entweder Fußball oder Lehre“, blickt Waltert zurück.

So wurde er Schiedsrichter, 1957 legte er seine Prüfung ab. „Mein erstes Spiel war in der 2. Kreisklasse. Dörenhagen gegen Marienloh“, erinnert er sich ganz genau. Waltert stieg mehrfach auf und musste daher 1960 den Klub wechseln: „Ich durfte nicht in der höchsten Amateurliga pfeifen, weil mein Verein dort spielte. Ein Freund hat mich dann zum SV Rot-Weiß Alfen geholt.“

1977 pfiff Rainer Waltert (Mitte) das Revierderby zwischen dem FC Schalke 04 und Borussia Dortmund im Parkstadion. Hier begrüßen sich die Kapitäne Klaus Fischer (rechts) und Horst Bertram bei der Seitenwahl.

1977 pfiff Rainer Waltert (Mitte) das Revierderby zwischen dem FC Schalke 04 und Borussia Dortmund im Parkstadion. Hier begrüßen sich die Kapitäne Klaus Fischer (rechts) und Horst Bertram bei der Seitenwahl. Foto: Kurt Müller

So erlangte der kleine Ort aus der heutigen Gemeinde Borchen Aufmerksamkeit über die Kreisgrenzen hinaus. Waltert gehörte dem DFB-Kader an, war sowohl national als auch international tätig. Insgesamt stand er mehr als ein Jahrzehnt auf der großen Fußball-Bühne. 1974 pfiff er das Eröffnungsspiel im Westfalenstadion zwischen Borussia Dortmund und dem FC Schalke 04. Unvergessen sind ihm bis heute auch das Revierderby S04 gegen BVB 1977 vor 70.000 Zuschauern im Parkstadion, das Rheinderby zwischen dem 1. FC Köln und Borussia Mönchengladbach vier Jahre später oder die Flutlichtpartie vor 81.000 Fans im Berliner Olympiastadion zwischen Hertha BSC und Werder Bremen. „Als ich den Innenraum betrat, habe ich nur Köpfe gesehen. Da bekam ich ganz schön Bammel“, sagt Waltert und wird diesen Moment in der heutigen Hauptstadt wohl nie vergessen.

Da bekam ich ganz schön Bammel.

Rainer Waltert

Über Deutschland hinaus war er als Linienrichter an der Seite von Dieter Pauly, Walter Eschweiler und Volker Roth im UEFA-Cup und bei Länderspielen im Einsatz. Inter Mailand gegen Athletic Bilbao, CSSR gegen Schweden, Frankreich gegen Ungarn, Niederlande gegen Schweden, eine Reise nach Finnland oder ein europäischer Auftritt von Mexiko – all das ist ihm nach wie vor im Gedächtnis. Ganz besonders denkt er an den Fünftages-Trip in die heutige Hauptstadt Georgiens zur Begegnung Dynamo Tiflis gegen West Ham United mit Eschweiler zurück: „Da waren wir Ehrengäste der russischen Fluggesellschaft und durften sogar ins Cockpit.“

Wenn Waltert das erzählt, leuchten seine Augen. Gleiches gilt, wenn es um seine Begegnungen mit den damaligen Topstars geht. Ob Franz Beckenbauer, Klaus Fischer oder Uwe Seeler: Sie kannten ihn alle. „Bist du schon wieder in München?“, fragte einst Sepp Maier, als Waltert innerhalb weniger Wochen dreimal im Olympiastadion auftauchte. Paul Breitner adelte ihn mit den Worten: „Aus Paderborn kommen drei gute Dinge: Rainer Barzel, der Erzbischof und Rainer Waltert.“

Paul Breitner adelt den Paderborner

Waltert in einem Atemzug mit hochrangigen Amtsträgern aus Politik und Kirche. Aus seiner Sicht war das „Quatsch. Dass ich durch die Ligen bis nach ganz oben gekommen bin und zu den besten 36 Schiedsrichtern zählen durfte, war Glücksache“. Zumal Waltert die Sympathien nicht gerade zuflogen. „Ich war der Buhmann, musste innerhalb von zwei Sekunden entscheiden, hatte keinen Videoschiedsrichter oder eine Torlinientechnik. So schnell, wie das Spiel ist, war es ohne technische Hilfsmittel nicht zu erkennen, ob ein Spieler zehn Zentimeter im Abseits war oder nicht. Wenn eine Entscheidung falsch war, lag es nicht am Linienrichter, sondern nur an mir.“

Das „Schmerzensgeld“ pro Partie betrug 24 D-Mark. War Waltert ein komplettes Wochenende unterwegs, verdiente er 72 D-Mark. Heute streicht ein Bundesligaschiedsrichter ein Jahresgrundgehalt von 60.000 Euro ein. Waltert ist dennoch nicht neidisch. „Alles ist gut so. Viele von uns hätten es auch ohne die 24 D-Mark gemacht. Ich hatte einen Beruf und kam klar.“ Das Ideelle zählte mehr. „Was ich erreicht habe, war enorm. Welchen Nationalspielern ich die Hand gegeben habe, das war toll und mehr wert als Geld. Natürlich waren auch böse Buben dabei wie zum Beispiel Wolfgang Overath, aber im Endeffekt hatte ich mit keinem richtig Ärger. Das Positive hat ganz klar überwogen. Ich habe den Fußball gelebt und konnte mich immer überall blicken lassen. Der Umgang war freundschaftlich“, sagt er.

Weiblicher Löwen-Fan wollte ihm an den Kragen

Auch, weil Waltert mit einer gehörigen Portion Humor und Schlagfertigkeit ausgestattet war. Als der Frankfurter Bernd Hölzenbein mal vehement einen Handelfmeter forderte, entgegnete Waltert: „Wenn Sie aus drei Metern das Tor nicht treffen, dürfen Sie sich auch nicht beschweren.“ Bei einer Partie von 1860 München im Olympiastadion wollte ihm ein weiblicher Löwen-Fan in Barfuß an den Kragen. Waltert flüchtete, wie am 9. Juni 1979 im Hamburger Volksparkstadion. „Da gab es Kalbsrücken“, sagt er mit einem Lächeln, als er sein umfangreiches Archiv durchforstet. Neben unzähligen Zeitungsartikeln, die Freunde für ihn gesammelt haben, gibt es im Haus verteilt zahlreiche Fotos, Autogrammkarten von Spielern und Wimpel aus seiner Schiedsrichterzeit.

Der erwähnte letzte Spieltag in der Saison 1978/1979 zählte zu den schwärzesten Momenten. Der HSV stand bereits als Deutscher Meister fest. Nach Spielschluss der Partie strömten zahlreiche Zuschauer aus der Westkurve auf das Spielfeld. Viele Zuschauer erlitten dabei Knochenbrüche, Quetschungen und blutende Wunden. Schiedsrichter Waltert pfiff das Spiel eher ab, damit die Mannschaften in die Kabinen flüchten konnten. „Wir hatten die Anweisung, nach dem Spiel auf der Tribüne den Meister zu ehren, aber nach diesen Vorfällen sind alle nur noch losgerast, um sich in Sicherheit zu bringen.“

Wir haben in Deutschland richtig gute Schiedsrichter.

Rainer Waltert

Gesundheit ist das höchste Gut, mehr Wünsche hat Waltert für die nächsten Jahre auch nicht mehr. Dabei spielt der Fußball nach wie vor eine zentrale Rolle in seinem Leben. Vor Corona verfolgte er die Spiele des SC Paderborn regelmäßig in er Benteler-Arena, jetzt bleibt nur der Fernseher. Dabei beäugt er natürlich nicht nur die Leistungen der Spieler, sondern insbesondere auch die der Unparteiischen. „Wir haben in Deutschland richtig gute Schiedsrichter. Ich finde es schade, dass durch den Videobeweis die Tatsachenentscheidung wegfällt, auch wenn der Fußball dadurch insgesamt gerechter geworden ist und es für die Schiedsrichter einfacher geworden ist. Bei den Geisterspielen fällt mir auf, dass die Schiedsrichter weniger zu tun haben. Es schimpft ja kaum noch einer über sie“, sagt er und schmunzelt.

Den bevorstehenden sofortigen Wiederabstieg des SCP sieht er dagegen nüchtern: „Wenn man sich die Etats ansieht, ist das nur logisch. Es waren unglückliche Spiele dabei, aber dass Paderborn überhaupt zweimal den Aufstieg in die Bundesliga geschafft hat, ist unglaublich und in erster Linie eine große Leistung von Wilfried Finke. Nur mit der Verpflichtung von Stefan Effenberg als Trainer lag er leider total verkehrt.“

Eines hat der SC Paderborn Rainer Waltert am Saisonende voraus: sechs Bundesligaspiele. Walterts Marke mit der Pfeife scheint aber uneinholbar. „Wir sind die größte Schiedsrichtervereinigung weit und breit, und keiner rückt nach“, bedauert er. So wird seine Bilanz in heimischen Gefilden noch lange einzigartig bleiben.

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