Interview mit Diethelm Krause, Vorsitzender des Kreissportbundes Paderborn „Zusammenhalt stimmt mich optimistisch“

Paderborn (WB). Diethelm Krause (64) ist als Vorsitzender des Kreissportbundes Paderborn nicht nur der Chef der Interessenvertretung von etwa 320 Vereinen des organisierten Sports im Kreis Paderborn, sondern auch noch Vizepräsident Finanzen im Präsidium des Landessportbundes NRW. WV-Sportredakteur Jörg Manthey unterhielt sich mit dem Salzkottener über den Sport in der Corona-Krise.

Diethelm Krause ist Vorsitzender des Kreissportbundes und Vizepräsident Finanzen im Landessportbund NRW.
Diethelm Krause ist Vorsitzender des Kreissportbundes und Vizepräsident Finanzen im Landessportbund NRW. Foto: Marion Neesen

Herr Krause, Corona hat einen kompletten Stillstand erzwungen. Der Vereinssport liegt brach. Ein gespenstisches Szenario. Wie erleben Sie die schwere Zeit? Der Kreissportbund Paderborn hat 108.604 Mitglieder, die in etwa 320 Vereinen organisiert sind. Wie groß ist Ihre Sorge um die?

DIETHELM KRAUSE: Es tut mir wirklich in der Seele weh, wie neben der Wirtschaft und unserem gesellschaftlichen Leben vor allem auch der für uns so selbstverständliche Sport in diesem Ausmaß zum Erliegen gekommen ist. Staatskanzlei und Landessportbund Nordrhein-Westfalen haben unter Hochdruck zahlreiche Fördermaßnahmen und Beratungsleistungen erarbeitet, um den Sportvereinen in dieser besonderen Zeit beizustehen und sie gerade finanziell zu unterstützen. Ich bin wirklich beeindruckt, welche hervorragenden Aktionen sich viele Sportvereine einfallen lassen, um ihre Mitglieder auf kreative Weise in Bewegung zu halten. Auf der anderen Seite entsteht ein gutes Gefühl, weil die Mitglieder auf verschiedenen Wegen mit ihren Vereinen im Kontakt stehen und ihnen die Treue halten. Ein solcher Zusammenhalt stimmt mich optimistisch für die Zukunft.

Welche konkrete Hilfe leistet der Landessportbund?

KRAUSE: Da wäre vor allem eine starke Beratungsleistung zu nennen. Neben der professionellen Abwicklung der verschiedenen genannten Fördermaßnahmen findet sich auf der Website www.lsb.nrw ein ständig aktualisierter und juristisch geprüfter Frage-und-Antwort-Katalog, der Themen von Vereinsführung, Mitarbeiter, Finanzen, Vereinsrecht, Versicherungen, Sportbetrieb, Bildungs- und Qualifizierungsmaßnahmen und vieles mehr als sehr gut genutztes Serviceportal für Vereine umfasst. Hier findet sozusagen jeder Topf seinen inhaltlichen Deckel. Darüberhinaus setzt sich der Landessportbund auf politischer Ebene für die schrittweise Öffnung des Sports ein. So haben wir insbesondere Ministerpräsident Armin Laschet den Rücken gestärkt, um bei der Abstimmung am 30. April die Voraussetzungen für einen verantwortungsvollen Wiedereinstieg in den Vereinssport zu schaffen. An dieser Stelle sei klar gesagt, dass der Sport keine Sonderrolle einnehmen möchte. Wenn aber grundsätzlich Lockerungen in der Gesellschaft möglich sind, muss der Sport zwingend Berücksichtigung finden. Die Sportverbände und etwa 18.300 Sportvereine in NRW sind vorbereitet, damit die mehr als fünf Millionen Vereinsmitglieder wieder ihren Sport ausüben können.

Welche Sorgen werden an Sie herangetragen? Ist große Existenzangst spürbar? Was raten Sie den Vereinen?

KRAUSE: Das gesamte KSB-Team und mich persönlich erreichen über die verschiedenen Kanäle zahlreiche Anfragen von Verantwortlichen und Vereinsvertretern, die sich viele Sorgen über die Zukunft ihrer Vereine machen. Die Trainer und Funktionäre stellen ihre ehrenamtliche Freizeit in den Dienst des Sportvereins und müssen nun erleben, wie Vorbereitungen für Veranstaltungen, Trainingseinheiten und andere Vereinsaktivitäten ausfallen. Auch der so wichtige regelmäßige Kontakt in der Sportfamilie ist stark eingeschränkt. Wir als Kreissportbund wollen in dieser schweren Zeit für unsere Mitglieder da sein, sind weiterhin erreichbar und stehen für Anfragen aller Art zur Verfügung. Dabei geht es nicht nur um organisatorische Fragen, sondern auch darum, Mut zuzusprechen und Optimismus zu verbreiten. Durch regelmäßigen E-Mail-Versand bringen wir unsere Sportvereine auf den aktuellsten Stand der Entwicklungen aus Sicht des organisierten Sports.

Gerade der Kinder- und Jugendsport ist betroffen. Der soziale Kontakt fehlt. Ein zuverlässiger Anker ist weggebrochen. Haben Sie Sorgen vor psychologischen Folgen?

KRAUSE: Heutzutage wachsen Kinder und Jugendliche mit digitaler Kommunikation auf und tummeln sich aktiv in den sozialen Medien. Auch wer nicht bei Instagram und Co. mitmischt, kann über klassische Wege wie Anrufe oder Briefe seine Beziehungen pflegen. Wir verbringen derzeit automatisch mehr Zeit mit unserer Familie, auch dies kann der seelischen Stabilität helfen. Der Sportverein und seine Aktivitäten waren und sind für viele Heranwachsende eine wichtige Säule in ihrer Entwicklung. Dabei geht es neben der sportlichen Betätigung und Stressabbau auch um soziale Kontakte. Diese einmalige Kombination gilt es zu erhalten. Sorgen mache ich mir nicht nur um Kinder und Jugendliche. Schauen wir doch nur auf den Rehabilitationssport, der benötigt wird, um die Gesundheit chronisch kranker Patienten oder Verunfallter wiederherzustellen. Bewegung ist als notwendiges Instrument für alle Altersklassen nicht ersetzbar.

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„Bewegung ist als Instrument einfach nicht ersetzbar.“

Diethelm Krause

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Die Corona-Pandemie zwingt viele Sportler in die heimischen Wohnungen und ins Homeoffice. Die Ungewissheit, wie es in den nächsten Monaten weitergeht, ist groß. Können Sie Zuversicht säen? Gibt es Pläne, wie der Sportbetrieb in abgespeckter Form wieder aufgenommen werden kann? Wann rechnen Sie wieder mit einem Wettkampfbetrieb?

KRAUSE: Keine Frage, der Vereinssport scharrt förmlich mit den Füßen. Der Deutsche Olympische Sportbund kämpft gemeinsam mit den 16 Landessportbünden, den Sportfachverbänden sowie unseren Stadt- und Kreissportbünden für die schrittweise Wiederaufnahme des Sportbetriebes. Auch die Sportministerkonferenz hält koordinierte Lockerungsmaßnahmen des bisherigen Verbots unter klaren Regeln nunmehr für dringend erforderlich. Diskutiert wird unter anderem, in einem ersten Schritt ausschließlich Freiluftaktivitäten freizugeben und die Nutzung von Hallen erst später zu regeln. Klar ist aber auch, dass die Aufnahme des Wettkampfbetriebs zum jetzigen Zeitpunkt ausgeschlossen ist.

Wie viele Vereine haben sich bei Ihnen gemeldet und gesagt: Bitte setzen Sie sich für Lockerungen im Sport ein?

KRAUSE: Dass alle Sportvereine so schnell wie möglich zum Normalbetrieb zurückkehren möchten, ist doch vollkommen klar. Aber dieses Problem herrscht momentan in allen gesellschaftlichen Bereichen. Wichtig ist, dass wir in dieser Zeit weiter fest zusammenstehen und uns an die Hygiene- und Verhaltensvorgaben halten. Nur auf diese Weise können Lockerungen auch im Vereinssport umgesetzt werden.

Haben Sie in diesen Tagen einen geregelten Alltag? Was beschäftigt Sie aktuell am meisten?

KRAUSE: Meine Familie ist natürlich jetzt zu Hause und wir arbeiten im Home-Office hier bei uns auf dem Kappelsberg in Niederntudorf. Um weiter in Bewegung zu bleiben, fahren wir Fahrrad oder gehen spazieren. Ich bin ein sehr kommunikativer Mensch, deshalb vermisse ich den persönlichen Kontakt und Austausch. Dafür habe ich gelernt, mit allen verfügbaren digitalen Medien umzugehen und diese intensiver zu nutzen, insbesondere Telefon- und Videokonferenzen. Das ersetzt zwar nicht die persönlichen Gespräche, aber wir sparen auch viel Zeit, die wir ansonsten auf den Straßen verbringen und im Stau stehen. Außerdem schont das die Umwelt. Ich bin fest davon überzeugt, dass wir diese Medien auch in Zukunft nach der Corona-Pandemie deutlich mehr nutzen werden.

Sie sind selber in der Politik tätig. Wie beurteilen Sie die getroffenen Maßnahmen, die Strategie von Bund und Ländern?

KRAUSE: Das einheitliche Vorgehen von Bund und Ländern begrüße ich. Die Gesundheit aller Menschen zu schützen, sollte weiterhin oberste Priorität haben. Gleichzeitig müssen praktikable Lösungen für die Wirtschaft und alle Branchen zeitnah her.

Wir müssen gerade auf vieles verzichten und merken, wie wichtig uns manches ist. Hegen Sie Hoffnungen, dass durch die Krise deutlich wird, wie wichtig Sportvereine für die Gesellschaft sind? Oder dass es für den Sport künftig mehr Zuschüsse gibt?

KRAUSE: Sportvereine waren schon vor der Krise als soziale Tankstellen ein elementarer Baustein unserer Gesellschaft. Sie bringen Menschen zusammen, schaffen Begegnungen und gemeinsame Erlebnisse. Gerade das gemeinsame Sporttreiben, wie wir es gewohnt sind, hat sich spürbar gewandelt. Unsere großartigen Vereine haben hier digitale Lösungen geschaffen, um auch ohne Gang auf den Sportplatz oder in die Halle gemeinsam aktiv zu sein. Wer in seinen eigenen vier Wänden nicht einrosten möchte, findet auf den Internetseiten unserer Sportvereine tolle Möglichkeiten zum Mitmachen. Unverändert sind Sportvereine vom Ehrenamt stark abhängig. Ob Vorstandsmitglieder, Übungsleitungen, Trainer und auch die vielen helfenden Hände beim Wochenendturnier oder als Fahrdienst – hier wird tagtäglich herausragendes Engagement geleistet. Die Zeit, die diese Menschen dafür investieren, sollte angemessen honoriert werden. Deshalb wäre die Anhebung des Übungsleiterfreibetrages von 2400 auf 3000 Euro jährlich ein Schritt in die richtige Richtung.

Etliche Sportarten haben ihre Meisterschaft bereits abgebrochen. Fehlende Einnahmen aus Eintritt oder Verkostung erzeugen hier und da ernste finanzielle Probleme. Das Land NRW hat immerhin ein stattliches 13-Millionen-Soforthilfe-Rettungspaket geschnürt. Reicht das, oder muss nachgebessert werden?

KRAUSE: Hier müssen wir differenzieren. Das Land NRW hat drei verschiedene Maßnahmen auf den Weg gebracht, von denen Sportvereine profitieren können. Seit dem 27. März gibt es, mit kurzer Unterbrechung, die „NRW-Soforthilfe“. Diese steht Kleinunternehmen, Soloselbstständigen und Sportvereinen zur Verfügung, wenn sie unternehmerisch tätig sind. Die meisten unserer 320 Sportvereine im KSB Paderborn arbeiten jedoch gemeinnützig. Notleidende gemeinnützige Sportvereine können noch bis zum 15. Mai finanzielle Hilfe online über das Förderportal des Landessportbundes NRW beantragen. Die Förderung erfolgt in Form eines nicht zurückzahlbaren Zuschusses in Höhe von 60 Prozent des nachgewiesenen Fehlbedarfs, der Maximalbetrag liegt bei 50.000 Euro. Insgesamt stehen den Sportvereinen, Bünden und Verbänden in NRW in diesem Programm stolze zehn Millionen Euro zur Verfügung. Drittens: Um die Übungsarbeit in den Sportvereinen zu stärken, hat die Staatskanzlei des Landes NRW das zunächst mit 7,56 Millionen Euro ausgestattete Förderprogramm um weitere drei Millionen Euro aufgestockt. Diese Hilfeleistung nehmen jährlich zwischen 7000 und 8000 Sportvereine dankbar in Anspruch. Damit sollen die für jeden Vereinsbetrieb unverzichtbaren Honorare für Übungsleiter unterstützt werden. Ein Vorziehen des ursprünglichen Auszahlungstermins im Oktober, November auf den Sommer ist im Gespräch.

Gibt es etwas, was Ihnen im Umgang mit dem Virus imponiert?

KRAUSE: Unsere Gesellschaft und unsere Vereine beeindrucken mich. Fast jeder zeigt sich solidarisch mit seinen Mitmenschen und steht füreinander ein. Die Freiwilligendienstleistenden, die normalerweise in unseren Sportvereinen tätig sind, engagieren sich derzeit beispielsweise in Altenheimen. Es ist ein beruhigendes Gefühl, in dieser ungewohnten Situation zu wissen, dass man sich aufeinander verlassen kann. Das sollten wir auch nach der Corona-Krise gerne weiterhin beibehalten.

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„Wir nehmen uns mehr Zeit für Dinge, die wirklich wichtig sind.“

Diethelm Krause

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Welche Lektion hat uns Corona gelehrt? Erkennen Sie einen Wertewandel? Worin liegen die Chancen in dieser globalen Krise? Was könnten wir als Menschen und Gesellschaft besser machen?

KRAUSE: Die Solidarität hat einen großen Stellenwert eingenommen. Gesunde und jüngere Menschen gehen zum Beispiel für ihre Nachbarn einkaufen. Gleichzeitig bringt diese Pandemie teilweise auch Ruhe und Entschleunigung in unseren sonst so hektischen Alltag. Wir nehmen uns mehr Zeit für die Dinge, die uns wirklich wichtig sind. Das fördert nicht nur unsere Gesundheit und steigert unser Wohlbefinden, sondern schont auch unsere Umwelt. Daher könnte die Corona-Zeit uns auch für den Umgang mit dem Klimawandel schulen.

Worauf freuen Sie persönlich sich am meisten, wenn sich die Situation irgendwann wieder gebessert hat. Der Besuch eines Restaurants? Oder das Wiedersehen mit Kindern und Enkeln?

KRAUSE: Als stolzer Großvater von sieben Enkelkindern freue ich mich wirklich darauf, hoffentlich bald wieder in geselliger Runde unterwegs sein zu können, natürlich mit meiner Familie, Freunden, Bekannten und der großen Sportfamilie. Ich werde es besonders genießen, die Vereine in ihren Sportstätten wieder als Zuschauer vor Ort anzufeuern, entspannt in Restaurants zu gehen und an ganz vielen Stellen wieder persönlich aufzutreten. Bis dies wieder möglich ist, wünsche ich allen viel Durchhaltevermögen, Kraft und vor allem Gesundheit.

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