Erich Drotleff ist seit 50 Jahren Schiedsrichter und wird bald 70 Jahre alt
Der Jubilar

Sennelager (WB). Es ist das Jahr der Jubiläen für Erich Drotleff: Im November 2019 beging er sein 50-Jähriges als Schiedsrichter, seit Januar ist er 60 Jahre Mitglied bei der DJK Sportfreunde Mastbruch, am 4. November wird Drotleff 70 und zehn Tage später feiert die Schiedsrichter-Vereinigung Paderborn ihren 100. Geburtstag mit einem Stiftungsfest in der Schützenhalle in Scharmede.

Donnerstag, 30.04.2020, 07:34 Uhr aktualisiert: 30.04.2020, 07:36 Uhr
Seit 50 Jahren ist Erich Drotleff, der in diesem Jahr auch seinen 70. Geburtstag feiert, als Schiedsrichter tätig. Foto: Ingo Schmitz

Die Schiedsrichter-Vereinigung Paderborn und Erich Drotleff, das ist eine ganz besondere Beziehung. Gemeinsam mit Franz Lüke (SV RW Alfen) ist er der aktuell dienstälteste noch aktive Schiedsrichter im Fußballkreis Paderborn, dem heute knapp 400 Unparteiische angehören. Bei seinem Eintritt waren es zwischen 70 und 80. Von 1995 bis 2019 stand Drotleff als Vorsitzender an der Spitze der Paderborner Schiedsrichter, so lange wie kein anderer. Vor einem Jahr gab er das Amt an Hans-Josef Huschen ab und wurde zum Ehrenobmann ernannt. Seit 2016 ist er Stellvertreter des Kreisvorsitzenden Dietmar Ape.

Die Wurzel für alles liegt im Schloß Neuhäuser Ortsteil Mastbruch. Nachdem seine Familie 1958 aus Siebenbürgen nach Deutschland gekommen war, wurde sie zunächst in Hövelhof ansässig und zog ein Jahr später nach Mastbruch. Das sollte für Drotleff die sportliche Heimat werden und bis heute bleiben. Alles begann im November 1959. „Da gab es noch echten Straßenfußball“, erinnert er sich. Die Dubelohstraße galt als Grenze von Schloß Neuhaus zu Mastbruch. „Wehe es wechselte einer“, beschreibt Drotleff die Rivalität. Drotleff war ein Mastbrucher, es gab eine Jugendmannschaft, aber noch keine Pässe, zu den Spielen (selbstverständlich auch auswärts) fuhren die Jugendlichen mit dem Fahrrad. Offizielles Eintrittsdatum war der 1. Januar 1960.

Beim einzigen Paderborner Bundesliga-Schiedsrichter der Geschichte, Rainer Waltert, war Erich Drotleff in der 2. Liga an der Linie tätig, hier bei der Partie Saarbrücken gegen Darmstadt. Links Godehard Fischer aus Brilon.

Beim einzigen Paderborner Bundesliga-Schiedsrichter der Geschichte, Rainer Waltert, war Erich Drotleff in der 2. Liga an der Linie tätig, hier bei der Partie Saarbrücken gegen Darmstadt. Links Godehard Fischer aus Brilon.

Das Schiedsrichterwesen hatte 1920 ein gewisser Willi Watermeyer vom VfJ 08 Paderborn gegründet, in Mastbruch kümmerte sich seit Anfang der 60er Jahre Heinrich Hüwelhans um die Unparteiischen. „Als Spieler hatte ich einen großen Mund und habe mich ständig über die Schiedsrichter beschwert. Er kam dann irgendwann zu mir und sagte, ich soll es doch selbst mal versuchen, dann würde ich schon sehen, wie schwer das ist.“ Gesagt, getan. Im November 1969 legte Drotleff in Höxter seine Prüfung ab. Jetzt war er Schiedsrichter, und das lag nicht nur an Hüwelhans. „Meine fußballerischen Fähigkeiten hielten sich in Grenzen. So war es für mich schwer, selbst in der 2. Mannschaft Fuß zu fassen. Und bei der Aufstiegsfeier im Vereinslokal Volmari fühlte ich mich auch deshalb außen vor, weil ich zu der Zeit absoluter Anti-Alkoholiker war. Also dachte ich, das probierst du.“

Für Drotleff wurde der Umgang mit der Pfeife zur Leidenschaft. Und seine Laufbahn als Schiedsrichter deutlich erfolgreicher als die des Spielers. Doch das Kicken kann er bis heute nicht lassen, er spielt immer noch bei den Mastbrucher Alten Herren. „Fußball spielen macht mir einfach unglaublich viel Spaß“, sagt er.

11 Uhr spielen, 15 Uhr pfeifen

So stand es für ihn außer Frage, weiter der Kugel nachzujagen, als er mit der Schiedsrichterei begann. 11 Uhr spielen, 15 Uhr pfeifen – so sah Erich Drotleffs Sonntag zu Beginn seiner Schiedsrichter-Karriere aus. „Das würde ich heute nicht mehr so machen. Die Verletzungsgefahr ist einfach zu groß“, sagt er. So hätte ihn sein Ehrgeiz fast die Prüfung zur Oberliga gekostet. Acht Tage vorher zog sich Drotleff im Spiel gegen Hövelhof einen dicken Knöchel zu: „Ich hatte furchtbare Schmerzen und habe mich auf dem Zahnfleisch zur Prüfung geschleppt. Danach habe ich mir ein Spielverbot vor Prüfungen auferlegt.“

Ansonsten war der Fußball die Nummer eins, teilweise auch zum Leidwesen der Familie. Nach der Hochzeit 1973 erwarteten Erich Drotleff und seine Frau Gabriele zum ersten Mal Nachwuchs. Die Freude war groß, doch der Geburtstermin war ausgerechnet an einem Sonntag. Der werdende Vater hielt an seinen sportlichen Terminen fest und war fast erleichtert, als ihm die Oberschwester bei der Ankunft in der Paderborner Frauenklinik zu verstehen gab, dass er dort nichts zu suchen habe. Ab ging es auf die Sportplätze, zwischen seinen Spielen informierte er sich aus einer Telefonzelle nach dem aktuellen Stand im Krankenhaus. Am späten Nachmittag ging es zum Kegeln nach Delbrück, wo er dann die frohe Botschaft erhielt, dass seine Tochter Claudia das Licht der Welt erblickt hatte. Er gab noch schnell eine Runde und machte sich auf zu Frau und Kind. „So wurde es ein abgerundeter Abend. Ich bin sehr froh, dass meine Frau das alles so mitgemacht hat“, grinst Drotleff.

Unvergesslicher Auftritt in Münster

In den Folgejahren, drei Jahre später wurde Sohn Thomas geboren, hatte Familie Drotleff mit dem Oberhaupt noch einiges auszuhalten. Von 1979 bis 1987 leitete er Spiele in der Oberliga, die damals höchste Amateurliga. An der Linie unterstützten ihn sein Mastbrucher Vereinskamerad Werner Neumann, Josef Michaelis (SV Sudhagen) und der spätere Kreisvorsitzende Siegfried Hornig (Hövelhofer SV). Als Assistent des einzigen Paderborner Bundesliga-Schiedsrichters Rainer Waltert (SV Rot-Weiß Alfen) schaffte es Drotleff bis in die 2. Liga. Das gelang später auch noch dem wie Hornig verstorbenen Volker Jung (SV Herbram). Noch heute ist Drotleff als Schiedsrichter in der Kreisliga aktiv, schätzt seine Anzahl an Spielen auf „zwischen 2500 und 3000.“

Von 1979 bis 1987 pfiff Erich Drotleff in der Oberliga. Werner Neumann (links) und Josef Michaelis (rechts) waren seine Stamm-Assistenten.

Von 1979 bis 1987 pfiff Erich Drotleff in der Oberliga. Werner Neumann (links) und Josef Michaelis (rechts) waren seine Stamm-Assistenten.

Bei Gelben und Roten Karten galt er als gnädig, Kuriositäten gab es dagegen reichlich. Drotleff weiß noch genau, als er bei der Partie Münster gegen Wanne-Eickel als Schloß Neuhäuser angekündigt wurde und jede Aktion von ihm ausgepfiffen wurde, weil die Preußen mit dem TuS um den Aufstieg kämpften: „Keine Ahnung, wie das zustande kam, aber ich konnte pfeifen, wie ich wollte, es war immer falsch. Ich selber habe mir aber gar keine Gedanken gemacht, um Tabellenstände habe ich mich nie gekümmert.“ Nach dem Aufstieg von Eintracht Hamm Mitte der 80er Jahre in die Oberliga wurde das Gespann aus Paderborn mit zur Feier gebeten. Seine Assistenten tranken kräftig mit und Drotleff musste als Fahrer bei der Rückfahrt manch unfreiwilligen Halt einlegen. Unvergessen bleibt auch das Entscheidungsspiel um den Klassenerhalt vor 1600 Zuschauern in Marsberg, als dem Gastgeber und Gegner ein 2:2 genügten, um den dritten Verein in dieser Abstiegsrunde in die Kreisliga A zu schicken. Bereits zur Pause stand das Wunschergebnis fest und man schob die Bälle nur noch quer. „Es passierte nichts mehr, da hätte auch meine Frau pfeifen können“, scherzt Drotleff.

Apropos: Der DFB feiert in diesem Jahr 50 Jahre Frauenfußball und er wünscht sich mehr weiblichen Nachwuchs für die Schiedsrichter. Als Gladbach-Fan denkt er besonders gern an seinen Auftritt beim Gastspiel der Borussia zur Einweihung des Rasenplatzes in Wewer zurück, auch seine Einsätze bei internationalen Freundschaftsspielen wie zwischen GW Paderborn und Queens Park Rangers oder Arminia Bielefeld gegen Southampton sind ihm bis heute gegenwärtig.

Die Schiedsrichter-Tätigkeit hilft fürs Leben.

Erich Drotleff

Drotleff ist souverän und sachlich. Kein Wunder, dass ihm viele Funktionstätigkeiten übertragen wurden. Neben seinen Ämtern im Fußballkreis war er Vorsitzender der Fußballabteilung der DJK Mastbruch (1994 bis 1996). Doch dann gab er den Schiedsrichtern uneingeschränkt den Vorzug. Dabei lag sein Augenmerk schon immer auf der Jugend, ohne die Erfahrenen zu vernachlässigen. Ältester aktiver Unparteiischer im Kreis ist Heinz Galonska (Hövelhofer SV, 78), der jüngste heißt Luca Giovanelli, kommt vom BV Bad Lippspringe und ist elf Jahre alt. Er hat eine Behinderung und ist gleichzeitig der erste Schiedsrichter in dem Tandem-Projekt. Ihn „entdeckte“ Drotleff bei einer Schul-AG, seinem Steckenpferd, für das er von der Sepp-Herberger-Stiftung ausgezeichnet wurde. „Das hält jung und seitdem habe ich viel Verständnis für Lehrer“, sagt er und wirbt: „Die Schiedsrichter-Tätigkeit prägt und hilft fürs Leben. Bestimmen und entscheiden stärkt das Selbstbewusstsein.“ Trotzdem ist Erich Drotleff auf dem Platz ein Diplomat, der das Gespräch sucht. Mit Bedauern verfolgt er die zunehmende Gewalt gegenüber den Schiedsrichtern, sagt aber auch: „Im Kreis Paderborn ist das Verhältnis zu den Vereinen insgesamt gut. Da gibt es viel Verständnis. Es ist ein Geben und Nehmen.“

„Ich finde den Videobeweis gut, aber nicht so.

Erich Drotleff

Verständnis zeigt Drotleff für die Profi-Schiedsrichter in Sachen Videobeweis. „Ich finde den Videobeweis gut, aber nicht so. Wenn sich daran nichts ändert, wird es eine leidige Geschichte. Die Schiedsrichter haben an Spannung verloren, weil da einer sitzt, der sie kontrolliert und für sie entscheidet. Ich fände es besser, wenn eine Mannschaft während eines Spiels eine Anzahl zur Verfügung hat, Entscheidungen des Schiedsrichters überprüfen zu lassen, die dann gegebenenfalls korrigiert werden. Wie beim Hockey oder Tennis.“

Tennis ist ein weiteres Hobby von Drotleff. Der Fußball aber bleibt sein Ein und Alles. Nicht nur im Jahr seiner Jubiläen.

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