100 Jahre SC Grün-Weiß Paderborn, Teil 4: Johannes Bracke ist Träger des 6. Dan
„Mit Karate erreichst du alle Muskeln“

Von Jörg Manthey

Samstag, 07.03.2020, 03:00 Uhr aktualisiert: 07.03.2020, 05:01 Uhr
Im Keller seines Hauses in Nordborchen hat Johannes Bracke einen eigenen Trainingsraum, samt Vibroshaper (hinten links). Foto: Jörg Manthey

Paderborn  (WB). Karate ist der „Weg der leeren Hand“. Dass diese vielseitige Leere ein Füllhorn an traditionsreicher und doch moderner Kampfkunst, an Dynamik, Philosophie, Ethik, Disziplin, Etikette, Eleganz, Schönheit und Wachstum bereithält, das kann Johannes Bracke (62) wunderbar vermitteln. Der „Hannes“ ist beim SC Grün-Weiß Paderborn als Abteilungsleiter und Cheftrainer verantwortlich für den gesamten sportlichen Bereich, langjähriger Prüfer – und dazu hochdekoriert. Optisches Zeugnis seiner Verdienste und Erfolge ist, dass Bracke sich seit 2019 den 6. Dan umbinden darf, den Rokudan. Diese besondere Graduierung ist wie ein „Oskar“ fürs Lebenswerk zu verstehen. Damit ist er der höchste Danträger in seinem Verein. Deutschlandweit gibt es vielleicht gerade 100 Karateka mit dem Meistergrad 6. Dan.

Ein Jahr, nachdem Willi Cramer 1973 die Karateabteilung aus der Taufe gehoben hatte, fand Hannes Bracke dazu. Feuer und Flamme durch die Kung Fu-Filme jener Zeit. Sein Vater wollte es ihm damals verbieten; vergebens. 1977 war der talentierte Bursche bereits Landesmeister seiner Alters- und Gewichtsklasse, im Jahr darauf Deutscher Vizemeister (-78 kg) und EM-Teilnehmer in Rom.

Rückenschmerzen sind verschwunden

Heute ist Karate bei den Brackes Familiensache. Ehefrau Birgit und die erwachsenen Kinder Verena und Marc haben sich ebenfalls diesem Sport verschrieben. „Karate ist ein von der WHO anerkannter Gesundheitssport“, doziert Bracke. Und ein Hochgeschwindigkeitssport dazu, der den gesamten Körper fordert. „Du erreichst alle Muskeln.“ Der Diplom-Ingenieur definiert Karate für sich als „körperliche Fitness, Ausgeglichenheit, Gelassenheit und geistige Ruhe.“ Spürbare Nebenwirkung bei ihm: lästige Rückenschmerzen sind verschwunden. Dieser dynamische Sport wirke sich zudem positiv auf die Schulnoten aus, rege soziales Engagement an und überhaupt den höflichen, respektvollen Umgang miteinander. „Du lebst einfach zielorientierter“, findet er.

Karate gilt als Kampfkunst, die jeden so akzeptiert, wie er ist. Der SC Grün-Weiß Paderborn bietet seit kurzem sogar Kurse für Vierjährige an. Die werden spielerisch und mit Bewegungsübungen ans Karate herangeführt. Bracke: „Kinder haben viel Energie. Die muss sich auch mal entladen dürfen.“

65 Prozent der Mitglieder älter als 50

Noch beliebter ist das Bewegungsangebot für die Jukuren, die Spät- und Wiedereinsteiger der Altersklasse 50+. Dabei würden Jahrhunderte alte Erfahrungen aus dem Kampfsport genutzt, um sie in ein gesundheitsförderndes und altergemäßes Training einzubauen. „Spezialisiert auf Rücken“, ergänzt Bracke. Für dies Engagement wurde das Dojo vom Verband 2019 sogar ausgezeichnet. Aktuell sind knapp 65 Prozent der 308 GW-Karateka jenseits der 50.

Elemente aus dem Yoga, Tai Chi oder Qi Gong gehören zum Aufwärmprogramm der Karateka. Zu gerne experimentiert Bracke, seit 40 Jahren GW-Trainer, mit neuen Methodiken für den Alltag, setzt etwa Stroboskopbrillen ein, um damit Reaktionstests zu beeinflussen. „Du bist dann vollkommen abgelenkt. Da wird es kritisch mit der Wahrnehmung.“ Um die Koordination zu schulen, lässt er auf einer wackligen Slackline Bälle fangen und zurückwerfen. Togu Brasil, handliche Igelball-Tiefenmuskulaturtrainer, seien „perfekt fürs Faszientraining.“ Seilspringen, Gleichgewichtsübungen auf dem Petziball oder turnerische Elemente wie Handstand und Rolle vorwärts: natürlich Standard.

Aus dem Urvertrauen heraus leben

„Hara“ ist das Zentrum, die physische und energetische Körpermitte, Sitz der Lebensenergie Ki. „Karate schult, im Hara und aus dem Hara heraus zu leben“, erläutert Bracke. Im Hara verwurzelt zu sein, bedeute, aus dem Urvertrauen heraus zu leben. „Du kriegst eine andere Wahrnehmung und Ausstrahlung, eine starke innere Haltung.“ Dass seine Karate-Jahrzehnte Körper und Geist über die Maßen gestählt haben, entpuppte sich 2010 als Segen, half ihm dies doch nach einer schwierigen Rückenoperation schneller zurück ins normale Leben.

Seit 2012 hat die Grün-Weiß-Familie ihr eigenes Dojo. „Ein echtes Juwel, das ich in Deutschland in dieser Form noch nicht gesehen habe“, schwärmt Hannes Bracke. Der Bau ist damals sogar geweiht worden von einem befreundeten Priester aus Polen. Drinnen: eine 340 Quadratmeter-Wettkampfmattenlandschaft, eine mächtige Spiegelwand oder Möglichkeiten zur Videoanalyse. Eine lange Fensterfront lenkt den Blick aufs Inselbadstadion. Dazu hält ein traditioneller „Shomen“ (Tempelbogen) zwei wichtige Regeln für alle Karateka bereit. Erstens: Betrete das Dojo niemals mit normalen Schuhen! Und: Nenne das Dojo niemals Sporthalle!

Kangeiko: Wintertraining morgens und draußen

Kultcharakter bei Alt und Jung hat „Kangeiko“, das alljährliche Mittwintertraining im Januar, das unter Missachtung der Kälte draußen in leichter Kleidung stattfindet. Eine Woche lang. „Jeden Morgen zwischen 6 Uhr und 7 Uhr sind wir dann draußen“, sagt Bracke. Eine Erfahrung, die mit Kraft erfüllt und für künftige Lebensprüfungen stärkt. Abgeschlossen wird diese Abhärtung mit einem gemeinsamen Frühstück am letzten Tag. „Das Dojo ist dann voll.“

Von China bis Mexiko: Für den Automobilzulieferer Hella (Lippstadt) ist Johannes Bracke auf dem ganzen Globus in verantwortungsvoller Position unterwegs. In knapp einem Jahr geht’s in den Vorruhestand. Damit steigt wieder sein Zeitbudget fürs Karate. Auch wenn er dann nicht mehr morgens mit dem Fahrrad aus Nordborchen zum Paderborner Bahnhof pendelt – vorausgegangen: eine gut halbstündige Laufeinheit – und nicht mehr vom Lippstädter Bahnhof mit einem zweiten Drahtesel weiter zum Unternehmen radelt – nein, der Vorruhestand wird den drahtigen Senior gewiss nicht einschläfern. Bracke: „Ich stehe immer unter Volldampf!“

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