Nino Garris, Paderborns erfolgreichster Basketballer aller Zeiten, im Interview
»Bundesliga gehört zu Paderborn«

Paderborn (WB). 72 Länderspiele für die deutsche Nationalmannschaft, WM-Bronze 2002, fünfmal Deutscher Meister und dreimal Pokalsieger mit Alba Berlin – Stefano Marco Garris, den alle nur »Nino« nennen, ist der mit Abstand erfolgreichste Basketballer, den die Paderborner Talentschmiede jemals hervorgebracht hat. Elmar Neumann hat mit dem 40-Jährigen über seine Anfänge, seinen Entdecker, die Zeit an der Seite von Dirk Nowitzki und natürlich »50 Jahre Basketball in Paderborn« gesprochen.

Donnerstag, 03.10.2019, 06:00 Uhr
Seite an Seite mit Superstar Dirk Nowitzki: 2002 gewinnen der Paderborner Nino Garris und »Dirkules« mit der deutschen Nationalmannschaft bei der Weltmeisterschaft in Indianapolis die Bronzemedaille. Foto: imago/Camera 4

Nino, was ist die erste persönliche Erinnerung, die Sie mit der Verbindung von Paderborn und Basketball verknüpfen?

Nino Garris: Bei den ersten Bildern, die mir da in den Kopf kommen, muss ich fünf, sechs Jahre alt gewesen sein. Damals hat mich mein Vater Roy Earl mit in die Maspernhalle genommen. Er hat Basketball gespielt und ich Knirps habe am Rand versucht, den Ball in den Korb zu werfen. Viel konkreter kann ich mich an die Zeit nach meiner Rückkehr aus den USA erinnern. 1992, 1993. Das war bei den Baskets die Zeit mit Dirk Happe als Pointguard. Da habe ich mir jedes Spiel reingezogen, war von der super Stimmung in der Halle fasziniert. Gefühlt war ich den ganzen Tag dort, habe mir wirklich jedes Training angeguckt. Die Halle wurde mit mir um 16 Uhr geöffnet und mit mir um 22 Uhr geschlossen. Wenn ein Korb frei war, habe ich eine halbe Stunde lang selbst geworfen. Wenn die nächste Mannschaft zum Training kam, habe ich mich wieder an die Seitenlinie gesetzt und auf meine nächste Chance gewartet.

 

Entdeckt worden ist Ihr Talent vom damaligen Jugendtrainer und späteren Manager Nima Mehrdadi?

Garris: Genau. Nima hat mich irgendwann unter seine Fittiche genommen. Eigentlich wollte ich Fußballer werden, habe für den SC GW Paderborn gespielt und wollte unbedingt beim TuS Paderborn-Neuhaus landen. Aber dann hat mich Jordi Perez, mit dem ich seit meinem fünften Lebensjahr befreundet bin, gefragt, ob ich nicht mit zum Basketball kommen will. Ich hatte nichts Besseres zu tun, habe mittrainiert und danach kam Nima zu mir und hat mich gefragt, ob ich nicht Lust hätte, regelmäßig zu kommen. ›Du musst Basketball spielen‹, hat er mir gesagt. Dann nahm alles seinen Lauf. Nima hatte von da an großen Einfluss auf mein Leben, hat mir Nachhilfe in Mathe gegeben, war immer für mich da, und hat mich mit 15, 16 Jahren in die Zweite geholt.

 

Wann hatten Sie zum ersten Mal das Gefühl, dass Sie es als Basketballer weiter schaffen könnten als als Fußballer?

Garris: Das hört sich jetzt vielleicht total arrogant an, soll aber auf keinen Fall so rüberkommen: Es gab damals so einen Sommer, in dem wir an der Adidas-Streetball-Challenge teilgenommen und von Paderborn bis Bottrop alles abgesahnt haben, was abzusahnen war. Da hatte ich das Gefühl, dass ich jedem Gegenspieler überlegen war, es hat sich alles mega einfach und selbstverständlich angefühlt. Für mich gab es dann wirklich nur noch Basketball in meinem Leben. Ich war völlig vernarrt. Wenn ich nicht in der Halle war, habe ich zuhause auf VHS-Kassetten Videos geguckt, »Come fly with me« mit Michael Jordan zum Beispiel, haben jeden verdammten Move von Jordan aufgesaugt. Zu der Zeit hätte man mir die Socken eines NBA-Spielers zeigen können und ich hätte gewusst, wie der heißt, oder ich hätte am Netz die Halle, in der gespielt wird, erkannt.

 

Wie dankbar sind Sie Nima für seine Unterstützung?

Garris: Extrem dankbar. Es gibt – nicht nur im Sport – viele Leute, die mit viel Talent und Potenzial gesegnet sind, aber das allein genügt nicht. Du brauchst auch immer einen Mentor, jemanden, der etwas in dir sieht, der dich weiterbringen, der dir die eine oder andere Tür öffnen kann, dir auch in jungen Jahren schon in wichtigen Spielen das Vertrauen schenkt. All das war Nima für mich. Er hat mir gesagt, dass ich keine Angst haben solle und ruhig Fehler machen könne – mit dieser Einstellung habe ich dann im Alter von 15, 16 Jahren in der Regionalliga viele 40-Punkte-Spiele abgeliefert und in meiner Entwicklung zum Basketball-Profi ganz entscheidende Schritte gemacht.

 

Sie sind zum erfolgreichsten Basketballer geworden, den Paderborn je hervorgebracht hat. Bedeutet Ihnen das was?

Garris: Das hört sich gut an (lacht). Aber ich bin jetzt nicht der Typ, der hier durch die Straßen läuft und sagt: ›Seht her, ich bin der Geilste, der Beste, der Erfolgreichste, den ihr je hattet‹. Ich bin einfach nur dankbar dafür, was mir dieser Sport alles ermöglicht hat. Ich bin so weit herumgekommen, habe so viel erlebt und mir mit dieser Karriere einen Kindheitstraum erfüllt. Das hat für mich die größte Bedeutung.

 

2008 sind Sie noch einmal als Spieler zu den Baskets zurückgekehrt, haben mit dem erstmaligen Einzug in die Play-offs und den dramatischen Viertelfinal-Partien gegen Ihren Ex-Klub Alba Berlin Geschichte geschrieben. Hat sich damit auch ein persönlicher Kreis geschlossen?

Garris: Ja, das kann man so sagen. Das hat zum Abschluss alles noch einmal wirklich gut zusammengepasst. In Frankfurt war es bergab gegangen, ich war zwei der drei Jahre dort verletzt, im Prinzip ein wandelndes Lazarett. Das war für jemanden wie mich, dessen Spiel von der Explosivität und Athletik lebt, natürlich alles andere als vorteilhaft. Dann hat sich Nima irgendwann gemeldet und gemeint, ich solle es doch einfach noch mal in Paderborn versuchen. Der eine oder andere in meinem Bekanntenkreis war dann sofort der Meinung ›Ey, jetzt ist Nino wieder da. Jetzt geht es hier richtig ab‹, aber mir war schon vorher klar, dass ich meine Karriere mit dem Kapitel in Paderborn eher ausklingen lassen wollte. Ich war nicht mehr der Hauptakteur, der ich war, als ich Paderborn verlassen habe, aber ich war glücklich, ich war zufrieden. Und dass wir dann die Play-offs erreicht haben und ich noch zweimal nach Berlin fahren durfte, also dahin, wo ich die mit Abstand beste Zeit meiner Karriere hatte, war großartig.

 

Welche Rolle spielt Basketball heutzutage in Ihrem Leben?

Garris: Dem Sport, den ich so sehr liebe, ganz den Rücken zu kehren, ist natürlich sehr, sehr schwer. Nach dem letzten Jahr in Paderborn hatte ich etwa ein Jahr, in dem ich nahezu nichts mit Basketball zu tun hatte. Ich habe da weder einen Ball angefasst, noch gewusst, was in der NBA oder auf europäischer Ebene los ist. Das war kein Burn-out oder so etwas, hat aber einfach mal gut getan. Statt Basketball zu spielen, habe ich dann mal wissen wollen, was ich sonst noch aus meinem Körper herausholen kann und mich von meinem Kampfgewicht, das bei 93, 94 Kilo lag, innerhalb von eineinhalb Jahren mit Krafttraining auf 122 Kilo hochgearbeitet. Das war eine Zeit lang sehr motivierend, aber auf Dauer nicht gut für mein Wohlbefinden. In meinem ersten der beiden Jahre in Salzkotten habe ich wieder zehn Kilo abgenommen. Mittlerweile bin ich bei 103 Kilo, was bei 1,98 Metern vollkommen in Ordnung ist.

 

Und was macht der Basketball?

Garris: Nachdem ich 2015 mein Bachelor-Studium in Business Administration abgeschlossen habe, arbeite ich jetzt seit etwa drei Jahren für die Berliner Spieleragentur Assistency. Ich bin also seit geraumer Zeit wieder im Thema (lacht). Aber mir juckt es natürlich auch noch selbst regelmäßig in den Fingern. Wenn ich mit meinem Sohn Jaden-Romeo im Ahorn-Sportpark vorbeischaue und da ein paar Jungs zocken, dann frage ich, ob ich nicht auch mal den Ball haben kann, mache fünf Minuten ein bisschen mit, bedanke mich und wünsche einen schönen Tag.

 

Sie haben Ihren Sohn angesprochen. Der ist jetzt auch 13 Jahre alt und Fußballer. Wie Sie damals. haben Sie noch die Hoffnung, dass er die Kurve kriegt?

Garris: (lacht) Der Kleine spielt jetzt seit drei Jahren beim SC Paderborn und Fußball ist sein Ding. Ich bin nicht der Vater, der sagt ›du musst das, du musst das‹. Er soll das machen, was er am liebsten macht und wurde immerhin schon zweimal zur Westfalenauswahl eingeladen. Er ist Sportler durch und durch, bringt aber tatsächlich auch die Veranlagung mit, es im Basketball zu etwas zu bringen. Er ist sehr kräftig, groß, hat lange Arme – ich könnte ihm definitiv helfen, aber lassen wir das . . .  (lacht)

 

Wie eng ist Ihr Kontakt zur Paderborner Basketball-Familie?

Garris: Man sieht sich, man grüßt sich. Ich kenne ein paar Leute, allen voran natürlich meinen Kumpel Jordi Perez, der bei den Baskets ja auch Gesellschafter ist, und schaue mir auch zwei, drei Spiele pro Saison an.

 

Könnten Sie sich nicht vorstellen, die Baskets mit Ihrer Erfahrung und Ihren Kontakten zu unterstützen, in welcher Form von Mitarbeit auch immer?

Garris: Es gibt da bestimmt Dinge, bei denen ich den Baskets helfen könnte. Wenn sie in irgendeiner Lage Hilfe brauchen, können sie immer mit mir reden. Aber bislang hat sich da nichts ergeben.

 

Mit Steven Esterkamp haben die Baskets einen Ihrer ehemaligen Teamkollegen als neuen Headcoach verpflichtet – eine gute Wahl?

Garris: Ich gönne Steve das. Er ist einer, der weiß, wie man spielen muss und einer, der immer und überall gewinnen will. Ich denke, dass er was reißen kann. Ich hoffe, dass er seinen eigenen und den Ansprüchen der Baskets gerecht wird und werde mir das bestimmt auch selbst in der Halle anschauen.

 

2019 ist nicht nur das Jahr, in dem 50 Jahre Basketball in Paderborn gefeiert wird, sondern das, in dem ein gewisser Dirk Nowitzki seine unfassbare Karriere beendet hat. 2002 haben Sie mit ihm in Indianapolis WM-Bronze gewonnen. Wie sehr hat Sie dieser Abschied berührt?

Garris: Das hat natürlich auch mich nicht kalt gelassen. Immerhin kenne ich Dirk schon, seit wir in der U16-Nationalmannschaft gespielt haben und er ist immer dieser super sympathische Dirk geblieben. Auch damals war er schon richtig gut, aber dass er mal zu einem der größten Stars und einem der bedeutendsten Spieler in der NBA-Geschichte werden würde, das konnte niemand vorhersehen. Als er 2011 Meister geworden ist, habe ich mir jedes Spiel reingezogen und hatte Gänsehaut pur. In der Nationalmannschaft haben wir jahrelang verfolgen können, wie unglaublich hart er an sich gearbeitet hat. Es gibt viele Jugendliche, die Talent haben, aber damit kommst du nur bis zu einem gewissen Punkt. Von da an entscheiden deine Mentalität, deine Arbeitsmoral darüber, wie weit du wirklich kommst und was das angeht, ist Dirk wohl unerreicht. Es war die absolut richtige Entscheidung, jetzt aufzuhören. Er hat doch alles erreicht. Jetzt gönne ich ihm das Leben danach im Kreis seiner Familie, bin aber auch ein bisschen traurig.

 

Wieso das?

Garris: Weil spätestens mit Dirk eine Ära zu Ende gegangen ist. Im Vorjahr Manu Ginobili, in diesem Jahr Dirk und Tony Parker – jetzt sind auch die letzten Jungs, mit denen oder gegen die man bei den großen Turnieren große Spiele bestritten hat, zurückgetreten. Da kann man schon mal ein bisschen sentimental werden.

 

Warum spielt Nino Garris mit 40 nicht mehr?

Garris: Ach, gib mir zwei Monate Zeit, lass mich da mit zwei, drei Einheiten pro Woche wieder reinkommen und ich könnte bestimmt auch mit 40 noch auf einem relativ hohen Niveau spielen, aber – Hand aufs Herz – auf einen solchen Aufwand habe ich einfach keine Lust mehr. Die Gesundheit geht vor, denn man will ja auch noch 40 gute, gesunde Jahre nach dem Basketball haben.

 

Was wünschen Sie dem Paderborner Basketball in den kommenden Jahren?

Garris: Oh, da fange ich mal bei der Jugend an und wünsche mir, dass es den Baskets gelingt, den ›Nächsten‹ zu finden, wieder dieses eine besondere Talent an Land zu ziehen und zu formen, das es richtig weit bringt. Dem ProA-Team wünsche ich den größtmöglichen Erfolg. Bundesliga-Basketball gehört einfach zu Paderborn und ich genieße es, die Möglichkeit zu haben, nur zehn Minuten fahren zu müssen, um guten Basketball zu sehen. Sobald ich die Halle betrete, habe ich einen kleinen Flashback, kommen Erinnerungen hoch und das soll auch so bleiben.

 

 

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