Triathlon: Ellen Rohring wird beim Ironman Hamburg Deutsche Meisterin ihrer Klasse
Die eiserne Lady

Paderborn   (WB/jm). Ellen Rohring hat sich einen Lebenstraum erfüllt: Die Triathletin des 1. Tri-Clubs Paderborn ist beim Ironman Hamburg nicht einfach nur Deutsche Meisterin ihrer Altersklasse 40-44 geworden. Die famosen 10:33,27 Stunden, die die Paderborner Rechtsanwältin für die 3,8 Kilometer Schwimmen, 186 Kilometer Radfahren und 42,195 Kilometer Laufen benötigte, bedeuteten am Ende des Tages das Ticket für die Weltmeisterschaft nach Hawaii.

Donnerstag, 01.08.2019, 03:00 Uhr
Ellen Rohring nach 10:33,27 Stunden beim Zieleinlauf am Hamburger Ballindamm: Deutsche Meisterin der AK 40-44, 14.-beste Frau und Gesamt-295. im Riesenfeld der etwa 2500 Teilnehmer aus 72 Nationen. Foto: Privat

Als Ellen Rohring registrierte, dass sie einen der begehrten 40 »Slots« sicher hatte, kullerten nicht nur bei ihr die Tränen. Auch Ehemann Daniel sowie ihre Kinder Rosa und Justus wurden von Emotionen übermannt.

»Der Wahnsinn«

»Der Wahnsinn! Es waren so viele aus Paderborn da, die verteilt an der Strecke standen mich unterstützt haben. Das hat mir unheimlich Auftrieb gegeben«, sagt sie dankend. Schon die erste Disziplin hatte es in sich. Die Hitze hatte die Binnenalster auf 24,1 Grad aufgewärmt. Eine hohe Blaualgenkonzentration machte den Start fraglich. Erst kurz vorher gab das Gesundheitsamt grünes Licht. »Das Wasser war so dreckig. Eine echte Müllhalde. Da trieben sogar tote Enten drin«, sagt Ellen Rohring angewidert, die wie alle anderen auch keinen Neoprenanzug tragen durfte. Es lief alles andere als planmäßig. Wegen Krämpfen konnte sie ihre Schwimmstärke nicht ausspielen, kam nach 1:11:45 Stunden »nur« als Altersklassen-Siebte in die erste Wechselzone. Teils hatte sie die Ekelbrühe geschluckt; vielleicht ein Grund für ihre Probleme, während des Marathons eigentlich unverzichtbare Nahrung aufzunehmen. »Mir war kotzübel. Ich konnte einfach nichts essen. Der Magen war dicht.« So blieb mit Salz versetztes Wasser der einzige Energiespender. Dank der zweitbesten Radzeit ihrer Altersklasse (5:22 Stunden, Durchschnittsgeschwindigkeit von 34,7 km/h für die 186 km lange Strecke) arbeitete sie sich konsequent nach vorne und konnte als zweite Frau den abschließenden Marathon in Angriff nehmen. Es folgte eine spannende Aufholjagd. Ellen Rohring verkürzte den Abstand zur führenden Johanna Priglinger (Österreich) immer wieder – bis das Malheur, dass sie wegen starker Magenprobleme keine Nahrung mehr zu sich nehmen konnte, sie ausbremste. »Ich musste auf den letzten 25 Kilometern das Tempo drosseln, um überhaupt ins Ziel zu kommen.« Ihr Laufsplit: 3:50,17 Stunden.

»Kräfte mobilisiert, die ich bislang nicht kannte«

Davon bekamen die Zuschauer und die vielen angereisten Freunde nicht viel mit. »Ich bin selbst erstaunt, wie ich das durchziehen konnte. Ich habe mich einfach so gefreut, dass alle da waren und das Ziel zum Greifen nah war. So habe ich irgendwelche Kräfte mobilisiert, die ich bislang nicht kannte.« Ihre mentale Stärke, gestählt von etlichen Rückschlägen und Niederlagen, trieb sie an. Ungeachtet aller Widrigkeiten querte sie nach 10:33:27 Stunden die Ziellinie; lachend und unglaublich stolz. Eine imponierende Zeit angesichts der sechs Kilometer längeren Radstrecke und der »längsten Wechselzone der Welt«, die etwa einen Kilometer lang war.

Dass sie neben Familie und Beruf zu einer solchen Leistung fähig war, fußte auch darauf, dass sie vor drei Jahren mit Alex Brämer einen Personaltrainer – der Studienrat ist selber ein Hawaii-Finisher – engagiert hatte. Sie wollte ihre zur Verfügung stehende Zeit optimal nutzen. »Sein Training hat eine wahre Metamorphose vollbracht«, lobt sie. Ellen Rohring durfte kaum noch Radfahren (ihre Lieblingsdisziplin) und entwickelte fortan eine Laufstärke, »von der ich nicht zu träumen gewagt hätte.« Dass sie 2013 bewusst auf eine vegane Ernährung umgestellt hatte, habe den Leistungssprung wohl ebenfalls begünstigt. »Plötzlich wurde die Quali realistisch. Aus dem einmaligen Projekt Langdistanz wurde dank der großartigen Unterstützung meiner Familie das Projekt Hawaii.«

Das Ende einer langen Pechsträhne

Das Ende einer unglaublichen Pechsträhne. Was hatte sie nicht schon alles durchleiden müssen. 2002 musste Ellen Rohring ihre Langdistanzpremiere in Roth nach einem schweren Reitunfall absagen. Eineinhalb Jahre litt sie unter den Folgen. 2006 fiel Roth erneut ins Wasser: Knieprobleme. Nach Schwangerschaft und Babypause tastete sie sich Anfang 2010 wieder langsam an den Sport heran. »Ich bin bei Null angefangen, mit einer Minute Laufen und einer Minute Gehen.« 2014 bekam sie zum Geburtstag einen Staffelplatz in Roth geschenkt. »Ich habe die 180 Kilometer auf dem Rad genossen und war wieder mit dem Triathlonvirus infiziert.« 2016 sollte sich Ellen Rohring in Roth endlich ihren ersehnten Langdistanz-Traum erfüllen können.

2017 wollte sich die Rechtsanwältin beim Ironman Frankfurt für die WM auf Hawaii qualifizieren. Vier Wochen vor dem Start in der Mainmetropole stürzte sie jedoch im Wettkampf schwer und zog sich eine Kopfverletzung zu, an der sie ein halbes Jahr laborierte. Mit Disziplin und eisernem Willen kämpfte sich Ellen Rohring wieder zurück und meldete im Herbst 2017, noch krank, für den Ironman in Hamburg. Die Vorbereitung darauf lief angesichts vieler verletzungsbedingter Pausen nicht optimal. Dennoch war 2018 an der Alster die Hawaii-Quali zum Greifen nah; bis sich Ellen Rohring beim Laufen eine Blessur zuzog und das Rennen 17 Kilometer vor dem Ziel abbrechen musste.

Lob für Personal Trainer Alex Brämer

»Ich habe mit Alex Brämer einen guten Trainer, der es mir ermöglicht, aus einem überschaubaren Trainingspensum das Bestmögliche herauszuholen. Das Glück, dass es mir nicht schwerfällt, morgens um 4 Uhr, 5 Uhr aufzustehen. Und einen tollen Mann, der mich bedingungslos unterstützt«, erzählt die Veganerin, die in der Form ihres Lebens angekommen scheint. Brämers gehaltvoller Glückwunsch an seine Athletin: »Nicht das Beginnen wird belohnt, sondern einzig und allein das Durchhalten.«

Nach kurzer Erholungspause, die sie mit ihrer Familie auf einer Radtour über den Etschradweg verbringt, wird sie wieder ins Training einsteigen, um am 12. Oktober den Hawaii-Ironman in vollen Zügen genießen zu können. »Das ist der größte Traum eines jeden Triathleten. Es wird so oder so für die ganze Familie eine unvergessliche Reise«, betont sie voller Vorfreude auf Kailua-Kona. Aloha, Ellen Rohring.

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