Franz Lüke aus Alfen schreibt seit mehr als 50 Jahren Geschichten auf
Der Archivar

Alfen -

Wie hat sich die Geschichte meiner Familie entwickelt? Wie hat sich das Geschehen in meinem Heimatdorf und darüber hinaus verändert? Wo bin ich überall gewesen? Aber vor allem: Was ist im Sport passiert? Der Alfener Franz Lüke schreibt all das seit mehr als 50 Jahren auf. „Weil es mich interessiert und mir großen Spaß macht. Das liegt in der Familie“, sagt der 68-Jährige.

Samstag, 06.02.2021, 02:18 Uhr aktualisiert: 06.02.2021, 02:20 Uhr
Ordner sind sein Leben: Franz Lüke beschäftigt sich schon mehr als ein halbes Leben lang mit Aufzeichnungen. Foto: Jörn Hannemann

Der Ursprung des Dokumentierens und der Ehrenamtlichkeit geht tatsächlich auf die Verwandtschaft zurück. Sein Vater hatte ein Tagebuch über seine Zeit im Krieg geführt, seine Mutter wichtige Ereignisse in einen Kalender eingetragen. Der Großvater war Bürgermeister von Alfen, drei Onkel waren 1. Vorsitzender des SV Rot-Weiß, ein anderer Onkel Fußball-Obmann. Als die 1. Mannschaft in den 60ern in die Bezirksliga aufstieg, war der Teenager Franz Lüke regelmäßiger Beobachter der Spiele. Doch nicht nur das, er hielt sie auch schriftlich fest. „Ich habe Statistik geführt über Aufstellungen und Torschützen“, erinnert er sich an die Anfänge seines Chronistendaseins. Das ersetzte ein bisschen die Praxis. Mit einem Lächeln gibt Lüke zu: „Selbst gespielt habe ich wenig, dafür war ich zu schlecht.“ Sein Interesse am Fußball blieb nicht nur regional. Seit 1966 liest er die Fachzeitschrift „kicker“.

Was auf dem Sportplatz in Alfen begann, fand in den Jahren danach seine Fortsetzung in verschiedenen Bereichen. 1968 gab es die erste Urlaubsaufzeichnung, als Franz Lüke mit den Alfener Messdienern nach Südtirol gefahren war. Das war der Beginn einer zweiten großen Leidenschaft: das Reisen. Der auf einem Bauernhof mit zwei Geschwistern aufgewachsene Junge entdeckte die Welt. „Danach gab es bis 2020 kein Jahr, in dem ich nicht wenigstens eine Nacht lang von zu Hause weg war. Dann kam Corona“, sagt der ehemalige Kommunalbeamte des Kreises Paderborn. Andere machten sich die Notizeifrigkeit und das Wissen des ehemaligen Reismann-Schülers zunutze. Karl Johannwerner, ehemaliger Präsident des SC Grün-Weiß Paderborn, nahm ihn als Übersetzer mit auf verschiedene Sportreisen. Franz Lüke besuchte unter anderem Australien, Indonesien und Sri Lanka. 1974 sah er den WM-Triumph der Deutschen Nationalmannschaft in München gegen die Niederlande, vier Jahre später begleitete er die DFB-Elf zum weitaus weniger erfolgreichen Turnier nach Argentinien.

Bei den Sportreisen mit dem SC Grün-Weiß war es selbstverständlich, dass Franz Lüke bei Freundschaftsspielen vor Ort als Schiedsrichter fungierte. Denn das Pfeifen ist eine weitere Passion, die der Pensionär für sich entdeckt hat und der er noch heute nachgeht. Sein Alfener Kumpel und spätere Trainer Edmund Lamberty überredete ihn 1969, Schiedsrichter zu werden. Gemeinsam mit Lamberty und Erich Drotleff, dem langjährigen Vorsitzenden des Kreisschiedsrichterausschusses, absolvierte Lüke die Prüfung. Bis heute war er bei mehr als 1400 Spielen im Einsatz, stand in der Oberliga an der Linie, leitete selbst 17 Jahre Spiele in der Landesliga, war 30 Jahre in der Bezirksliga aktiv und hat so manche Anekdote parat. Sein Höhepunkt als Assistent war die Oberliga-Begegnung zwischen Gütersloh und Arminia Bielefeld vor 9000 Zuschauern im Heidewald. Bei Freundschaftsspielen hatte er es mit dem FC Schalke 04 und Schachtjor Donezk zu tun. Ebenso in Erinnerung sind ihm Begegnungen mit Bernard Dietz als Trainer von Verl und Schöppingen, ein vom ihm aberkanntes Tor von Manfred Burgsmüller zum Ende dessen Karriere beim VfB Marsberg sowie ein Spielabbruch im sauerländischen Oberschledorn aufgrund eines Unwetters. Bei seinem ersten Spiel, Dahl II gegen Dörenhagen II in der 3. Kreisklasse, musste Lüke einen Elfmeter dreimal ausführen lassen (einer wurde von einem Zuschauer gehalten), bevor dieser verschossen wurde. Das B-Liga-Duell zwischen Ostenland II und Espeln II am 8. März 2020 soll nicht sein letzter Einsatz gewesen sein. „Wenn ich geimpft bin, mache ich weiter“, kündigt er an. Mit dreimal Sport pro Woche hält er sich fit und stellt stolz fest: „In 50 Jahren habe ich nur 79 Rote und 33 Gelb-Rote Karten gezeigt.“

Auch mit seinen Aufzeichnungen ist er noch lange nicht am Ende. „Ich habe sehr viel zu tun“, sagt er. Reisen aufarbeiten, Fotos digitalisieren, beschriften und sortieren, die RWA-Chronik von 1955 bis heute fortschreiben, Fotobücher erstellen und die Veränderungen in seinem Leben dokumentieren: Das sind seine aktuellen und nächsten Projekte.

Es ist also längst nicht Schluss. „Dabei“, so sagt Franz Lüke, „ist schon bis jetzt einiges zusammengekommen.“ Damit hat er uneingeschränkt recht. Er war Übungsleiter und Jugendtrainer in Alfen, transportierte in seinem Käfer eine ganze D-Jugend-Mannschaft. Aber das Aufschreiben und Archivieren wurden seine Hauptmarkenzeichen. In der Schule schrieb er Aufsätze zum Thema Sport, arbeitete für die Schülerzeitung, schrieb Berichte aus dem Zeltlager, führte Tagebücher über Reisen und verfasste Pressetexte für den Sportverein. Die Zahlen sind beeindruckend: Lüke schrieb 100 Reiseberichte über 1800 Seiten, erstellte 30 RWA-Echos mit 2500 Seiten, er sortierte 6000 Fotos über Alfen, etwa 2000 davon schoss er selbst. Mehr als 100 digitalisierte Ordner über den Sportverein stehen in der Volksbank in Alfen, es gibt 33 Ordner Presseartikel über den SV RW, von denen der ehemalige Geschäftsführer (32 Jahre) des Klubs mehr als 100 selbst verfasste. 3700 Fotos von den 30er Jahren an hat er eingescannt. Mittlerweile geht sein Schaffen weit über Alfen hinaus: „Sport, Weltgeschehen, Corona, ich sammle alles“, sagt er.

Vor Franz Lüke ist kein Ereignis sicher, das war früher schon so. „Wenn ich als Junge zum Kühe melken in den Stall gegangen bin, hatte ich immer ein Radio, einen Notizblock und einen Stift dabei“, sagt er mit einem Grinsen. Dabei waren seinen Ideen keine Grenzen gesetzt. Er schrieb Schlager der Hitparade auf, nahezu legendär sind die Rubriken im RWA-Echo, das immer zur Jahreshauptversammlung des Sportvereins erscheint. Dort machte sich Lüke mit „Tante Martha“ und der Glosse „Papa, der Karl hat gesagt, sein Vater hat gesagt“, einen Namen. Mehr als 20 Bücher hat er zusammengestellt (die Originale befinden sich im Kreisarchiv), etwa über die Laufbahn des ehemaligen Bundesliga-Schiedsrichters Rainer Waltert aus Alfen. Das schenkte er ihm zum 80. Geburtstag im Juni vergangenen Jahres. Zum 50., 60. und 75. Bestehen des SV RW Alfen trug er eine Chronik zusammen, ebenso zum 100-jährigen Bestehen der Schiedsrichter-Vereinigung Paderborn in 2020.

1985 begann Franz Lüke damit, seine Stunden aufzuschreiben. Mehr als 27.000 sind es bis dato. „Hätte ich mir die bezahlen lassen, wären das 200.000 Euro“, sagt er und schmunzelt. Wofür das alles? „Für mich selbst.“ Das Ehrenamt habe sich verändert, sagt er und fügt hinzu: „Es gibt heute mehr Ehrenamtliche, aber sie machen weniger und bleiben auch nicht so lange wie früher.“

Früher. Als Franz Lüke anfing, gab es noch keine Computer, Laptops oder digitale Kameras. 1987 begann er, seine Daten auf dem Computer festzuhalten, 1992 bekam er seinen ersten PC. „Es ist alles professioneller geworden, aber mit der Schreibmaschine war ich schneller“, stellt er fest. Und bei Fehlern? „Es gab doch Tipp-Ex.“

Das war kein Problem, Sorgen macht sich Lüke dagegen ein wenig über die Zukunft des Sports. „Früher haben die Kinder eine Schule besucht. Heute werden sie auseinandergerissen und treiben weniger Sport. Darüber hinaus gibt es immer mehr Spielgemeinschaften von Vereinen aus unterschiedlichen Orten und auch zu viele Altersklassen.“

Solange Franz Lüke da ist, braucht man sich aber zumindest um eine detaillierte Auflistung der Geschehnisse nicht zu sorgen.

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