Jana Klaaßen aus Fürstenberg leitet für den Fußballkreis Paderborn Spiele in der Westfalenliga
Vorzeigefrau an der Pfeife

Fürstenberg -

Knapp 400 Schiedsrichter pfeifen für den Fußballkreis Paderborn, darunter 17 Frauen und Mädchen. Während bei den Männern vier Unparteiische Spiele in der Westfalenliga leiten dürfen, genießt Jana Klaaßen für das weibliche Geschlecht eine doppelte Ausnahmestellung.

Mittwoch, 20.01.2021, 03:23 Uhr aktualisiert: 21.01.2021, 05:23 Uhr
Perfektes Outfit: Jana Klaaßen ist die erste und aktuell einzige Westfalenliga-Schiedsrichterin aus dem Kreis Paderborn. Foto: Jörn Hannemann

Die 31-Jährige vom BSV Fürstenberg ist die einzige Frau, die in der sechsthöchsten Spielklasse pfeift. Und: Das hat es noch nie gegeben.

Im FLVW-Kreis 8 ist sie in guter männlicher Gesellschaft. Lukas Kamp (FC Hövelriege), Simon Stute (SC RW Verne), René Gimmler (SC Concordia Scharmede) und Durica Dzijan (Delbrücker SC) bilden ein Quartett, dazu kommt die erste Frau, die es so weit geschafft hat. „Jana hat ganz unten angefangen und sich Stück für Stück hochgearbeitet, ihre Beobachtungen immer super gelöst und sehr gute Noten bekommen“, sagt Hans-Josef Huschen, Vorsitzender des Kreisschiedsrichter-Ausschusses, über seine Vorzeigefrau an der Pfeife. Huschen schätzt aber auch ihre menschlichen Qualitäten: „Jana ist ein ruhiger Typ und pflegt einen sehr guten Umgang mit ihren Assistenten. Außerdem ist sie sehr kooperativ und immer einsatzbereit. Von ihr bekommt man keine Abfuhr.“

Diese Gewissenhaftigkeit gab es nicht von Beginn an, wie Jana Klaaßen mit einem Schmunzeln bemerkt: „In der ersten Zeit als Schiedsrichterin war ich nicht so zuverlässig. Da war ich manchmal vergesslich und mir sind Termine durchgerutscht.“ Das war 2007, den Einstieg in den Fußball gab es, nach einem kurzen Reinschnuppern bei den Mini-Kickern, als Spielerin um die 2000er Wende. „Wenn ich mich richtig erinnere, war es war ein Sommfest in meinem Heimatort Fürstenberg, bei dem ich mit mehreren Mädels gegen andere Fußball gespielt habe. Danach haben wir beschlossen, eine Frauenmannschaft zu gründen“, blickt sie zurück. So begann sie mit dem Kicken und als dem BSV Fürstenberg Schiedsrichter fehlten, um das Soll zu erfüllen, wurde auch Jana Klaaßen angesprochen und machte den Schein. „Ich habe mir vorher nie Gedanken darüber gemacht. Als Spielerin aber habe ich mich öfter über Schiedsrichter aufgeregt und mich gefragt, ob ich das wohl besser könnte. Wenn du dann selber pfeifst, wirst du aber sehr schnell demütig“, sagt sie heute.

Einige Jahre gelang es Jana Klaaßen, ihre Doppelbelastung als Spielerin und Schiedsrichterin unter einen Hut zu bringen, irgendwann aber musste sie sich entscheiden. „Frauenfußball war damals ein echter Nischensport. In einer Kreisliga waren sechs bis sieben Kreise vereint. Die Fahrten waren teilweise sehr weit, dazu kam die Schiedsrichterei. Die Termine haben sich häufig überschnitten und als ich dann später mein Jurastudium in Bielefeld begonnen habe, wurde mir das alles zuviel“, sagt sie, gab das Spielen nach gut zehn Jahren auf und konzentrierte sich nur noch auf das Schiedsrichterwesen. Warum? „Ich war flexibler und nur auf mich angewiesen. Wenn ich mal nicht konnte, habe ich nicht gleich eine ganze Mannschaft im Stich gelassen.“

Den Ehrgeiz als Schiedsrichterin entwickelte sie aber erst im Laufe der Jahre. Ihre ersten Einsätze hatte sie bei den D-Junioren, so richtig klick machte es, als Jana Klaaßen in der Saison 2012/2013 ihr erstes Seniorenspiel in der Kreisliga A leitete: SV Etteln gegen BC Meerhof. „Das hat tierisch Spaß gemacht und lief auch für mich gut. Ich hatte plötzlich eine ganz andere Perspektive, das Spiel war viel schneller, es war super spannend“, zeigte sich Klaaßen begeistert und hatte so richtig Blut geleckt. 2014 nahm sie an einem DFB-Lehrgang im Rahmen des Männerpokals in Duisburg teil, schnitt gut ab und durfte fortan in der Bezirksliga pfeifen. Doch sie wollte mehr. Von 2014 bis 2017 stand sie als Assistentin in der 2. Frauen-Bundesliga an der Linie, aktuell ist sie in der Frauen-Regionalliga und der Männer-Westfalenliga aktiv, in die sie 2019 aufgestiegen ist. „Ein Aufstieg hängt nie an einem einzigen Spiel, aber am Anfang war ich schon immer besonders nervös, wenn ich wusste, dass ich beobachtet werde. Heute sehe ich auch als Hilfe. Unter dem Motto: Da guckt noch einer drauf. So kann ich meine Leistung im Nachhinein noch besser einordnen.“

Ihr erstes Westfalenliga-Spiel in Theesen hinterließ einen bleibenden Eindruck: „Einer der beiden Trainer hat sich sehr über mich aufgeregt, da war ich froh, dass ein Beobachter vor Ort war. Je höher die Liga, umso disziplinierter sind Spieler und Trainer eigentlich. Aber du hast es natürlich auch mit erfahrenen Hasen zu tun, die genau ausloten, wie weit sie gehen können“, sagt Jana Klaaßen und ergänzt: „Ich bin mit meiner Erfahrung ruhiger und reifer geworden, nehme mir nicht mehr alles so zu Herzen und muss auch nicht jede Entscheidung erklären. Dafür muss ich keine Luft verschwenden. Für mich spielt auch nicht Verein A gegen B, sondern Rot gegen Weiß.“

Insgesamt hat sie den Eindruck, dass mit ihr ein anderer Umgang herrscht, weil sie eine Frau ist: „Es ist schon ein Stück weit so, dass das Verhalten ein anderes ist. Ich habe das Gefühl, dass Spieler, Trainer und Zuschauer zurückhaltender und höflicher sind. Aber nur, solange ich keine groben Schnitzer mache. Bei Fehlern oder strittigen Entscheidungen hagelt es dagegen schneller Kritik.“

Da kann es manchmal unangenehm werden, aber alles in allem hat die Schiedsrichterei der Rechtsrefrendarin sehr viel gebracht: „Man lernt sich selber besser kennen“, sagt sie und erklärt: „Du musst Entscheidungen treffen, dazu stehen oder auch die Größe haben, sie mal zu korrigieren. Du lernst dich zu behaupten und musst dich gegenüber den unterschiedlichsten Typen verkaufen. Auch wenn du mal schlechte Tage hast.“ Bisher aber überwogen die guten Tage, als Vorbilder nennt sie prominente Kollegen wie Wolfgang Stark, Dr. Markus Merk und Pierluigi Collina. Bibiana Steinhaus habe den Frauen im Schiedsrichterwesen die Türen geöffnet.

Ähnliche Aufstiegs-Ambitionen hat Jana Klaaßen nicht. „Wir haben in Westfalen unglaublich viele gute Schiedsrichter und Schiedsrichterinnen. Da wird es schwierig. Gerade oberhalb des Verbandes geht es da vor allem auch um regionale Quoten“, sagt sie, möchte sich aber ohnehin in Zukunft intensiver auf ihren Beruf konzentrieren.

Corona habe es ihr ermöglicht, viel zu lernen, der Sport als Ausgleich fehle ihr aber schon und sie fürchtet, dass es speziell für Schiedsrichter Probleme geben könnte: „Wir haben einen Mangel an Kräften und mehr als zwei Spiele in einer Woche kann kaum jemand leisten. Zeitlich nicht und körperlich auch nicht, denn das geht ganz schön auf die Muskulatur. So zumindest geht es mir. Sollte es nach der Pandemie irgendwann wieder losgehen und es geballt zu Englischen Wochen kommen, könnte es eng werden.“

https://event.yoochoose.net/news/705/consume/10/2/7773585?categorypath=%2F2%2F2158585%2F2158590%2F2447933%2F2352966%2F4850642%2F
NRW holt alle Schüler schrittweise zurück
NRW-Schulministerin Yvonne Gebauer (FDP).
Nachrichten-Ticker