Fußball: Jonas Granzow hat Programm „Vereinszeit online“ entwickelt – Aktionen sind gut für Motivation und Teamgeist
Von Podcasts bis „Mannschaftsfahrt“: Fußballcoach füllt den Lockdown mit Leben

Nettelstedt -

„Ich habe im Frühjahr schon angefangen, etwas vorzubereiten“: Jonas Granzow, Fußballtrainer des TuS Nettelstedt, traf der erneute Ausbruch der Corona-Pandemie im November nicht unerwartet. Sein selbst erstelltes Programm „Vereinszeit online“ findet derzeit bei seinen Spielerinnen und Spielern regen Gebrauch.

Mittwoch, 20.01.2021, 13:00 Uhr aktualisiert: 20.01.2021, 13:06 Uhr
Gut genutzte Lockdown-Pause: Gemeinsam mit seinen Spielerinnen Verena Cieslik (unten, links) und Rebecca Lütkemeier unterhielt sich Nettelstedts Fußballcoach Jonas Granzow beim „Fan-tastic Moment“ unter anderem mit DFB-Nationalspielerin Melanie Leupolz. Foto: Screenshot

Es beinhaltet kreative Ideen wie wöchentliche Challenges oder Themenwochen und soll vor allem das Mannschaftsgefüge intakt halten. Das „Meet and Greet“ mit den Nationalspielerinnen Melanie Leupolz und Sophia Kleinherne war „richtig cool“, da es „ein richtiger Dialog, weniger ein Interview“ gewesen ist.

Jonas Granzow, Fußballtrainer der Herren- und Damenmannschaft des TuS Nettelstedt, hat seine eigenen Lehren aus dem Lockdown Anfang des Jahres gezogen. „Das hat sich negativ auf das Mannschaftsgefüge ausgewirkt, manche haben sich für mehrere Monate ganz abgekapselt.“ Anlass genug für Granzow, das Programm „Vereinszeit Online“ zu erstellen.

„Das ist eine Mischung aus virtuellem Training über verschiedene Videoplattformen. Da bearbeiten wir Gruppenaufgaben, hören Podcasts, schauen Dokus oder haben Themenwochen, wo wir uns beispielsweise mit den 50 Jahren Frauenfußball beschäftigen. Es gibt immer eine wöchentliche Challenge, wo man verschiedene Dinge tun muss, um Punkte zu sammeln. Da gibt es dann jeden Tag eine Auswertung in der Whatsappgruppe. Dort kann man auch genau sehen, welche Spielerin/welcher Spieler wie viel beigetragen hat. So hat man auch ein bisschen Druck ausgeübt, dass nicht einer gar nichts macht“, beschreibt der umtriebige Trainer und führt weiter aus: „Die, die gerne Laufen, haben die meisten Punkte durch zurückgelegte Kilometer beigetragen. Andere, die durch ihre Arbeit zeitlich gebunden sind oder gar in Quarantäne müssen, haben dann eher Podcasts gehört – so kann jedes Teammitglied seinen Teil beitragen.“

Ohne Fußball ist es fad: Jonas Granzow ist beim Trainer in doppelter Funktion für die erste Herren- und erste Frauenmannschaft zuständig. Den Lockdown füllt er nun anderweitig mit Leben, stellte jede Woche eine neue Aktion vor.

Ohne Fußball ist es fad: Jonas Granzow ist beim Trainer in doppelter Funktion für die erste Herren- und erste Frauenmannschaft zuständig. Den Lockdown füllt er nun anderweitig mit Leben, stellte jede Woche eine neue Aktion vor. Foto: Alexander Grohmann

Granzow achtet bei den wöchtlichen Challenges auf viele Details: „Es gibt immer montags, wenn die neue Challenge rauskommt, einen Titel, eine Erklärung und das Bewertungsschema. Zum Beispiel wird Laufen einfach, Spaziergänge halb und Fahrrad ahren zu einem Viertel gewertet. Das hat wirklich gut geklappt“, freut sich Granzow, dem wichtig ist: „Viele aus der Mannschaft haben mich auch unterstützt, da habe ich mir auch mal Hilfe geholt.“

Die coolste Challenge? „Neulich sind wir in einer Woche quer durch NRW von Nettelstedt nach Bonn „gereist“. Mit ‚Zwischenstopps‘ in Bielefeld, Münster, Düsseldorf, Dortmund und Köln. Das Regelwerk schrieb aber vor, dass die Spieler nicht zwischen zwei Städten ‚übernachten‘ dürfen. Also mussten sie am Tag als Mannschaft die genaue Anzahl an Kilometern durch Laufen zurücklegen, um in einer Stadt anzukommen“, erklärt er.Granzows Plan, auf diese Weise Kommunikation in der Mannschaft zu entfachen, geht voll auf. „Da sie da ja quasi auf Mannschaftsfahrt waren, mussten sie auch immer für die Übernachtung in der jeweiligen Stadt eine Geschichte schreiben“, berichtet er weiter.

Als ich vor Weihnachten bei den Spielerinnen die Pakete für die Tafelaktion abgeholt habe und vor ihnen stand, hatte ich gar nicht das Gefühl, dass wir uns seit Oktober gar nicht gesehen hatten. Durch die virtuellen Aktivitäten ging zwischendurch gar nicht so viel verloren.“

Jonas Granzow

Weitere Motivation: Jonas Granzow belohnt sein Team für das Engagement bei den Challenges und spendet Geld in die Mannschaftskasse: „Ich habe eine grafische Auswertung gemacht und bei 100 gelaufenen Kilometern gibt es dann zehn Euro.“ Obergrenze sind 500 Kilometer, dementsprechend also 50 Euro. „Insgesamt haben sie sich in fünf Challenges die Maximalausbeute von 250 Euro erspielt.“ Doch damit nicht genug: Granzow bestreitet mit den Teams virtuelle Workouts, spielt mit ihnen aber auch Spiele wie Sccribl oder Quiz.

Der Aufwand kommt in der Mannschaft gut an. „Das wurde sehr gut angenommen, vor allen Dingen von den Mädels. Wir haben jetzt kürzlich auch bei der Tafel-Aktion mitgemacht, also Weihnachtspakete gespendet. Ich habe dann von allen, die auf meinem Arbeitsweg liegen, die Pakete abgeholt. Als ich dann vor ihnen stand, hatte ich gar nicht das Gefühl, dass wir uns seit Oktober gar nicht gesehen haben. Durch unsere vielen virtuellen Aktionen ging gar nicht so viel verloren.“

Online-Aktionen: Granzow steht für Tipps gerne zur Verfügung

Auch für die Weihnachtszeit dachten sich die Nettelstedter etwas Nettes aus. „Unser Partyausschuss hat auf eigene Faust eine Wichtelaktion organisiert. Jedes Teammitglied hatte ein Geschenk für jemand anderen aus der Mannschaft“, berichtet Granzow. Selbst die Weihnachtsfeier konnte durchgeführt werden. Natürlich digital. „Es wurden vorher Pakete mit Glühwein und Nudelsuppe bei allen herumgebracht. Wir haben gemeinsam gegessen und Spiele gespielt – das war wirklich sehr gut!“

Dass die digitalen Möglichkeiten von wenigen Mannschaften in der schwierigen Zeit so umfangreich genutzt werden, findet der doppelte Nettelstedt-Coach etwas schade. „Ich weiß nicht genau, ob es daran liegt, dass viele mit der Digitalisierung nicht zurecht kommen und gar nicht wissen, was es für Möglichkeiten gibt!“ Jonas Granzow bietet für den Fall der Fälle Unterstützung an. „Vielleicht kann sich der Eine oder Andere ja noch was für den weiteren Lockdown abschauen. Ich gebe gerne Auskunft, wenn jemand Hilfe braucht.“

Meet and Greet mit Nationalspielerinnen

Eine besonders schöne Lockdown-Erfahrung ist auch das „Meet and Greet“ mit den zwei Nationalspielerinnen Melanie Leupolz (26, FC Chelsea) und Sophia Kleinherne (20, Eintracht Frankfurt), bei dem der TuS-Coach zugegen ist. Wie es dazu kommt? Granzow bewirbt sich beim „Fan.tastic Moment“ vom Fanclub Nationalmannschaft. „An einem Dienstag habe ich die Information bekommen, dass ich gewonnen habe.“ Dann geht alles ganz schnell: „Ich habe am Telefon erwähnt, dass ich eine Frauenmannschaft trainiere und gefragt, ob ich nicht auch ein paar Spielerinnen mit dazu nehmen könnte.“ Obwohl eigentlich nicht erlaubt, darf Granzow zwei Schützlinge mit zum Online-Meeting einladen.

Zu dritt (zusammen mit Rebecca Lütkemeier und Verena Cieslik) denkt man sich noch am Abend Fragen aus und bespricht, „wer was sagt“. Am nächsten Tag ist es schon soweit: Um 13 Uhr wird das TuS-Trio mit Moderatorin Anna-Sara Lange und den zwei Profis digital in Verbindung gesetzt. Selbst der sonst so souveräne Trainer ist da „ein bisschen nervös“. „Man hofft, dass die eigene Kamera hält, die Internetverbindung, dass da nicht irgendwas schief geht.“

Die Nervosität legt sich dann aber mit dem Beginn des Gesprächs. Granzow geht forsch ran und hinterfragt auch tiefgründigere Themen. So fragt er die Europameisterin Melanie Leupolz beispielsweise, ob sie es auch so wahrnimmt, dass in England der Frauenfußball einen höheren Stellenwert hat und dass die Spielerinnen auf der Insel mehr Geld kriegen. „Da hat sie mir zugestimmt und gesagt: ‚In Deutschland ist auch etwas im Kommen. Schalke und Dortmund, die beide erstmals eine Frauenmannschaft melden, stehen beispielhaft dafür. England ist jedoch schon ein Stück weiter.‘“, gibt er den Gesprächsinhalt wieder. Insgesamt dauert das Interview länger als eine Stunde. Wobei Interview wohl der falsche Begriff ist. „Das war mehr ein Dialog, die Beiden haben uns auch Fragen gestellt und waren total nett. Wenn man das Revue passieren lässt, ist das schon krass. Wir haben dass auch dem Rest der Mannschaft gezeigt, da ist man schon stolz drauf“, sagt Granzow, der auch handfeste Erinnerungen vom „Meet and Greet“ mitnimmt. „Am Ende haben wir ein Trikot mit den Unterschriften der ganzen Mannschaft bekommen, das war schon eine coole Erfahrung.“

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