Winterview: Probleme im Nachwuchs des Tischtennis-Kreisverbandes Minden-Lübbecke Tischtennis ist da!

Lübbecke (WB). Nachwuchsprobleme haben fast alle Sportarten. Eine der erfolgreichsten Sportarten im Mühlenkreis ist da keine Ausnahme: Auch die Tischtennis-Vereine kämpfen um Masse und Leistungsstärke ihrer Mitglieder. Die beim VfL Frotheim entdeckte Nadine Bollmeier stand gerade erst wieder zweimal auf dem Siegertreppchen bei den Deutschen Meisterschaften, an der Basis aber fehlt die Breite und auch die „nächste Nadine Bollmeier“ ist derzeit nicht in Sicht. Bei den Kreisranglisten mussten einzelne Klassen mangels Meldungen gestrichen werden. Schonungslos und offen: Die aktuelle Situation im Nachwuchs und die Zukunftsperspektiven im Tischtennis-Kreis Minden-Lübbecke sind Kernthemen im aktuellen „Winterview“ mit dem Kreisvorsitzenden Harald Wiese und den beiden Jugendwarten Caroline Alt und Fabian Bredemeyer.

Von Ingo Notz
Weltstar Timo Boll kommt in den Kreis Minden-Lübbecke.
Weltstar Timo Boll kommt in den Kreis Minden-Lübbecke. Foto: Remy Gros

Wie bewerten Sie die aktuelle Situation im Nachwuchsbereich des Tischtenniskreises?

Harald Wiese: Ich bin da ganz positiv – was aber damit zusammenhängt, dass einige junge Nachwuchsspieler wirklich sich auch selber bemühen. Das heißt, das ist nicht nur auf dem Mist der Vereine gewachsen. Natürlich: Die Basisarbeit immer, aber Fakt ist: Du kannst soviel tun, wie Du willst, wenn die Jugendlichen und Kinder nicht mitspielen, wenn die nicht ehrgeizig sind, dann hast Du verloren.

Meine Erfahrung ist, dass Kinder nie das Problem sind, sondern „die“ Erwachsenen in Vereinen...

Caroline Alt: Auch!“ Harald Wiese: Ich nehme mal einen Verein, der eigentlich gute Jugendarbeit macht. Das ist TTU Bad Oeynhausen. Wenn Du siehst, wer ist da und wer könnte da vielleicht kommen: Es gibt ganz viele, die kannst Du mit durchziehen...

Es fehlen aber Lokomotiven in den Vereinen?

Harald Wiese: Nee, die Erwachsenen bemühen sich irrwitzig!

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Es gibt 38 Vereine im Kreis, davon machen 20 Prozent eine einigermaßen vernünftige Jugendarbeit.

Harald Wiese (Tischtennis-Kreisvorsitzender)

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Wie viele Vereine im Kreis machen Nachwuchsarbeit?

Harald Wiese: Es gibt 38 Vereine im Kreis, davon machen 20 Prozent eine einigermaßen vernünftige Jugendarbeit. Caroline Alt: Ungefähr die Hälfte der Vereine ist immer auf dem Kreisjugendtag, das bedeutet aber nicht immer unbedingt etwas. Harald Wiese: Unter 50 Prozent!Caroline Alt: Es gibt viele Vereine, die haben gar keine Jugend. Erst recht, wenn man Richtung Norden geht. Harald Wiese: Interessiert die auch nicht! Caroline Alt: Im Erwachsenenbereich habe ich Vereine kennen gelernt, die kannte ich vorher gar nicht - so wie Wehe oder Varl oder Rehme.

Wieso ist das ein Problem, flächendeckend Jugendarbeit im Kreis zu machen?

Harald Wiese: Das hat mit den Strukturen in den Vereinen zu tun. Die werden immer älter, keiner will sich engagieren, ein Ehrenamt machen... Caroline Alt: Das ist das Problem

Dann muss man als Verein oder Kreis aber rechtzeitig entgegensteuern, ehe es zu spät ist?

Caroline Alt: Das wollen viele Vereine gar nicht. Die haben dann ihre zwei Herrenmannschaften und spielen ein bisschen, seit Jahren in dieser Konstellation – denen ist gar nicht wichtig, dass von unten etwas nachkommt.

Tischtennis ist ein Egoistensport?

Der Kreisvorsitzende Harald Wiese möchte den Tischtennis-Sport im Mühlenkreis weiter nach vorne bringen. Foto: Ingo Notz

Harald Wiese: Naja, eben nicht komplett. Es gibt die glorreichen Ausnahmen, es gibt die Leuchttürme wie Petershagen oder TTU Bad Oeynhausen, die viel machen, oder SV 1860, die viel gemacht haben, da geht es jetzt auch den Bach runter, nehmen wir den TSV Hahlen, Stemwede ein bisschen, Dielingen versucht etwas zu tun.Caroline Alt: Zum Beispiel in Rahden oder Blasheim, wo man echt gute Herrenmannschaften hat, passiert nichts mehr – das ist traurig!“

Es gibt also einige wenige Leuchttürme, aber die meisten Schiffe zerschellen an der weitgehend unbeleuchteten Küste...?

Harald Wiese: So ungefähr...Caroline Alt: Wenn Du das Beispiel Stemwede nimmst: Da ist irgendwann Ende. Da gibt es Kinder, die spielen gefühlt zehn Jahre Tischtennis, aber die werden nicht besser, weil die Trainer irgendwann an ihrem Limit sind.Harald Wiese: ...oft keine Ahnung haben, teilweise...Caroline Alt: Die machen was, und das ist gut, dass sie etwas machen, die Kinder können dahin kommen und Tischtennis spielen, das ist auch wichtig, aber dieses leistungsorientierte, das geht immer weiter runter, in ganz vielen Vereinen, da nehme ich unseren auch nicht aus. Wir haben auch relativ viele Kinder, aber irgendwann ist auch bei uns Schicht im Schacht.

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Es ist aber immer von einzelnen Personen abhängig in Vereinen.

Harald Wiese (Tischtennis-Kreisvorsitzender)

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Liegt das an den Vereinen oder am fehlenden Willen der Kinder?

Caroline Alt: Sowohl als auch. Wir haben sehr viele Kinder, die haben Spaß am Tischtennis, aber denen reicht es einfach, nur ein bisschen Ping Pong zu spielen. Es liegt aber auch daran, was für ein Training Du geben kannst: Wir haben halt sehr viele Assistenztrainer, die aber auch nur Assistenztrainer sind und auch selber nur 3. Kreisklasse Herren spielen, die können den Kindern nicht wer weiß wie Tischtennis beibringen, wenn sie es selber nicht können. Die, die etwas machen könnten, beispielsweise in Rahden, Blasheim oder auch hier in Lübbecke, die haben genug Leute, dien Tischtennis spielen können, aber die machen nichts...

Stichwort: Egoistensport...?

Harald Wiese: Das ist durchaus teilweise so. Es ist aber immer von einzelnen Personen abhängig in Vereinen. Ich nehme mal Hahlen als Beispiel, weil ich es am besten kenne: Wir haben drei Leute, die sich bemühen, davon zwei, die einigermaßen Ahnung haben. Nehmen wir mal an, Stephan Giesbrecht und ich würden sagen, wir können nicht mehr, dann wüsste ich ehrlich gesagt nicht, wie das weitergehen soll. Fakt! Diejenigen, die Ahnung haben, gehen auch aus unserem Kreis weg, weil sie studieren gehen.

Fabian Bredemeyer ist seit 2019 mit Caroline Alt für die Jugend im Tischtennis-Kreis Minden-Lübbecke zuständig. Foto: Ingo Notz

Gab es vom Kreis den Versuch, diese Trainerschulungen in den Vereinen zu intensivieren, um die Kompetenz in den Vereinen zu erhöhen?

Harald Wiese: Das sind diese Assistenztrainerlehrgänge.Fabian Bredemeyer: In Lübbecke wurde auch schon mal einer gemacht.Caroline Alt: Einer? Wir machen alle paar Jahre einen.Fabian Bredemeyer: Es gibt auch C-Trainer-Ausbildungen, die hier im Kreis allerdings sehr spärlich angenommen werden. Caroline Alt: Die Leute haben halt einfach keine Zeit – oder nehmen sich die Zeit nicht... Dann gibt es noch ein paar „Verrückte“, die es noch versuchen, aber deren Anzahl wird leider immer geringer.

Harald Wiese: Wir wollen gar nicht klagen. Ich bin im Moment der Meinung, so leistungsstark wie wir im Moment aufgestellt sind im OWL-Bereich, waren wir selten.

Das betrifft aber nur zwei, drei einzelne Vereine, deren Talente bei den Bezirksmeisterschaften mitspielen können...

Harald Wiese: Genau. Wir haben bei den letzten Bezirksmeisterschaften richtig abgeräumt. Magnus Jording, Levi Jäkel, paar dahinter, Lennart Weick, Johannes Damm, der in OWL in seiner Altersklasse sicher mindestens die Nummer zwei ist...

Das sind 90% aus dem Altkreis Minden...

Caroline Alt: Richtig.

Wie erklären sie sich die Diskrepanz zwischen dem Altkreis Minden und dem Altkreis Lübbecke?

Harald Wiese: Die ist extrem. Ich verstehe es nicht!Caroline Alt: Weil da die Leute wie Harald sind, die motiviert sind, die was machen...

Im Altkreis Lübbecke gab es Oberliga-Tischtennis, fast Regionalliga...

Harald Wiese: Das hat nicht gezündet.Caroline Alt: Es tut halt keiner mehr etwas...Harald Wiese: Nicht ausreichend!

Ist hier die Zukunft in der Vergangenheit schon verspielt worden?

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Im Moment müht sich Michael Walke in Rahden extrem, wieder etwas aufzubauen.  Der hat den Seniorensportwart aufgegeben, um sich mehr darauf konzentrieren zu können. Finde ich super!

Harald Wiese (Tischtennis-Kreisvorsitzender)

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Caroline Alt: Genau! Genau!Harald Wiese: Da bedeutet aus meiner Sicht nicht, und das kann ich aus Erfahrung sagen, dass das damit abgeschnitten ist. Als Beispiel: In Lübbecke laufen viele Kinder herum. Da war einer dazwischen, der super-talentiert ist. Der ist weggegangen, weil er hier keine Trainingspartner gefunden hat. Wenn der hier zwei, drei Trainingspartner intensiver gehabt hätte, wäre er hier geblieben. Da hätte hier schon etwas passieren können. Im Moment müht sich Michael Walke in Rahden extrem, wieder etwas aufzubauen.  Der hat den Seniorensportwart aufgegeben, um sich mehr darauf konzentrieren zu können. Finde ich super!

Im Schülerbereich geht es aber auch schon los mit Vereinswechseln von Kindern. Es ist in mehreren Orten so, dass Kinder nicht mehr in ihrem Ortsverein Tischtennis spielen, sondern in Nachbarorte oder weiter entfernt fahren. Ob von Frotheim nach Hille oder von Rahden nach Mennighüffen oder von Lübbecke nach Hahlen: Wie kann das sein, wenn man es schafft, Talente zu bekommen, dass man die trotzdem verliert oder sie sich sogar gegenseitig wegnimmt?

Fabian Bredemeyer: Es ist so wie im Fußball: Die Großen fressen die Kleinen. Irgendwann ergibt es sich so, dass die besseren Spieler aus den kleinen Vereinen in die Ballungszentren zu den größeren gehen.Harald Wiese: Das ist zum Beispiel bei Magnus Jording so, ganz klar.

Aber nicht bei elf- oder zwölfjährigen Kindern?

Harald Wiese: Nein, da ist es nicht so.Caroline Alt: Wir sind froh, wenn es überhaupt soweit kommt, dass jemand so stark ist, dass er zu einem anderem Verein gehen könnte.

Caroline Alt hofft darauf, dass sich die verbesserten Angebote in Espelkamp und Rahden schnell bei den Kindern in der Region herumsprechen. Foto: Ingo Notz

Kurz gesagt: Sie sehen es lieber, dass die Kinder woanders spielen, bevor sie gar nicht spielen?

Harald Wiese: Richtig!

In Dörfern wie Frotheim zum Beispiel...

Harald Wiese: Für die ist das tödlich, klar.

Von dort kommt die besten Spielerin aller Zeiten des Mühlenkreises, Ex-Nationalspielerin Nadine Bollmeier, die Tischtennis in Frotheim gelernt hat. Mittlerweile gehen Frotheimer Kinder aber nach Hille. Warum spielen Frotheimer Kinder in Hille Tischtennis?

Harald Wiese: Weil das Angebot besser ist..Caroline Alt: Weil in Frotheim kein Training mehr gemacht wird für Kinder.

Dann gäbe es innerhalb der Stadt immer noch den ATSV Espelkamp...

Caroline Alt: In Hille wird schon auch etwas getan. In Espelkamp fängt es jetzt auch wieder an, dadurch, dass Michael Walke es auch dort macht, aber das muss sich auch erst noch herumsprechen.

Also sehen Sie es auch nicht als Abwerben unter den Vereinen?

Caroline Alt: NeinHarald Wiese: Nein, darüber spricht man. Caroline Alt: Dazu sind die Vereine hier im Kreis untereinander zu gut befreundet, zumindest die, die etwas für die Jugend machen. Harald Wiese: Das fängt auch erst mit 15 oder 16 Jahren an, dass Abwerbungen stattfinden.

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Bei Lübbecke und uns in Hahlen war es so: Lennart Weick hat das ganz allein entschieden, er wollte härter trainieren.

Harald Wiese (Tischtennis-Kreisvorsitzender)

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Das darunter sind Nothilfen?

Harald Wiese: Ja, das sind Nothilfen. Da gibt es keinen Ärger. Bei Lübbecke und uns in Hahlen war es so: Lennart Weick hat das ganz allein entschieden, er wollte härter trainieren.

Es gibt ein Kreiskadertraining unter der Leitung des ehemaligen Bundestrainers Martin Adomeit. Hat das schon positive Signale in den Vereinen gesetzt?

Harald Wiese: Absolut!

Profitieren davon nicht aber nur die Vereine, die sowieso schon etwas im Nachwuchsbereich machen?

Harald Wiese: Es profitieren die Vereine, die sowieso etwas machen.

Zum Vergleich: Im Kreis Höxter bietet ein Profitrainer fünfmal in der Woche Kadertraining in Vereinen an und da fahren Kinder mehrfach pro Woche auch in diese Leistungsgruppen anderer Vereine, um zu trainieren. Der Kreis ist, gemessen an Qualifikationen für Meisterschaften auf Westdeutscher Ebene, in der Breite mittlerweile der erfolgreichste in NRW...

Caroline Alt: So motiviert sind die Kinder hier nicht und die Eltern noch weniger. Harald Wiese: Da ist es. Caroline Alt: Ich habe schon einmal ein Spiel gehabt, das hat mir ein Jugendlicher abgesagt, weil er sein neues Computerspiel ausprobieren musste...

Wäre es nicht eine Lösung, wenn sich einige Vereine, beispielsweise aus dem Altkreis Lübbecke, einen FSJler teilen, um in die Schulen zu gehen, um Nachwuchsaktionen zu starten, um die Kinder in die Hallen zu holen?

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Wir wollen als Tischtennis-Kreis auch wieder einen FSJler zum 1. August einstellen: Interessenten können sich gerne bei mir oder bei der Sportjugend NRW melden.

Harald Wiese (Tischtennis-Kreisvorsitzender)

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Harald Wiese: Ich nehme das mal auf, das Teilen durch Vereine macht ja auch Sinn. Die Vereine haben alle die Befürchtung, dass der FSJler nicht genug zu tun hat. Zum Vergleich: Der TSV Hahlen Handball hat drei FSJler und die sind ausgelastet. Wir wollen als Tischtennis-Kreis auch wieder einen FSJler zum 1. August einstellen: Interessenten können sich gerne bei mir oder bei der Sportjugend NRW melden. Das ist einfach wichtig, an allen Orten präsent zu sein. Vielleicht findet sich ja hier jemand, ich kenne ja auch nicht jeden...

Hat die Jugend generell ein Problem mit Sport und nicht nur Tischtennis ein Problem mit Jugendlichen?

Caroline Alt: Ja! Selbst Fußball oder Handball haben die Probleme. Ganztagsschule, die Kinder kommen erst um fünf Uhr nach Hause - das ist allgemein ein Problem.

Bei den Kreisranglisten sind ganze Klassen ausgefallen...

Caroline Alt: Richtig...Harald Wiese: Die Elfer-Klassen sind ganz ausgefallen, weil die Kinder, die Eltern und die Vereine nicht glauben, dass das funktioniert...

Was soll daran nicht funktionieren?

Harald Wiese: Leistungsmäßig!

Es geht um Breitensport, da geht es darum, dass sie einfach nur spielen...?

Caroline Alt: Wir haben ja sogar Hobbyligen, in denen Anfänger ein Jahr lang gegen andere Anfänger spielen, ohne Ranglistenpunkte. Aber auch die haben sich komplett gar nicht gemeldet... Bei den Jungen 11 sind es im Moment drei Spieler im ganzen Kreis: einer aus Petershagen, zwei aus Bad Oeynhausen, die in der Mannschaft spielen...

Harald Wiese: Es fängt zu spät an! Bei allen! Die meisten fangen mit elf, zwölf Jahren an...Caroline Alt: Und spielen dann meistens noch nebenbei Fußball und können nur einmal zum Training kommen und und und...

Fabian Bredemeyer (links) und Harald Wiese diskutieren Konzepte zur Nachwuchsförderung im Tischtennis-Kreis Minden-Lübbecke. Foto: Ingo Notz

Sprechen Sie die falschen Zielgruppen an und erreichen die Jungen nicht?

Harald Wiese: Tischtennis soll alle ansprechen: Jung, mittel, alt, Damen, Herren. Völlig klar ist, dass wir immer älter werden in unserem Sport. Dass das Interesse, dann auch noch bei Kreismeisterschaften teilzunehmen, nicht mehr so riesig ist, die Älteren wollen auch nicht mehr Ranglisten spielen, die wollen einfach in ihren Mannschaften spielen und dann kommt das Bier – und gut...

Caroline Alt: Bei einer Verbandsveranstaltung haben wir gehört, dass in den letzten 25 Jahren von 1200 Vereinen nur noch 800 übrig geblieben sind. Ein Drittel aller Vereine im WTTV sind ausgestorben! Davon die meisten eher in den letzten zehn als in den ersten Jahren. Wir hatten hier unseren Ortsentscheid Minimeisterschaften. Wir sind in die Schulen gegangen, haben die Kinder animiert, wir hatten 60 Kinder hier, aber beim Training gesehen haben wir davon ein oder zwei. Du machst einen Riesenaufwand, dann bleiben nur ein oder zwei hängen, dann kann man schon verstehen, dass die Motivation in den Vereinen ausstirbt. Es ist echt schwer.

Wie kann man Tischtennis im Kreis Minden-Lübbecke wieder attraktiver machen ?

Harald Wiese: Durch Öffentlichkeitsarbeit. Wir müssen immer permanent irgendwo zu sehen sein. Das ist die einzige Möglichkeit. Es gibt jetzt, ich kann da schon mal aus dem Nähkästchen plaudern, dank Gauselmann im Herbst mindestens zwei Veranstaltungen: die eine ist breitensportlich ausgerichtet, die andere spitzensportlich. Gauselmann ist neuerdings Arena-Sponsor von Borussia Düsseldorf und wir überlegen, was wir anbieten können: a: ein Bundesligaspiel, b: eine sozial-breitensportliche Veranstaltung – mit Singen und allem Pipapo...

Sing-Pong statt Ping-Pong?

Harald Wiese: Ja!

Bringt das irgendetwas?

Caroline Alt: Das ist die große Frage...Harald Wiese: Das kann man nicht sagen, aber es geht darum: Tischtennis ist da! Es gibt nicht nur Fußball! Das ist das Einzige, was Du machen kannst...“Caroline Alt: Hier schreien! Wir sind auch noch da!

Apropos auch da: Der beste deutsche Spieler aller Zeiten ist bald auch wieder da. Timo Boll schlägt im Mühlenkreis auf. In welcher Form?

Harald Wiese: Das kann man noch nicht sagen. Das hängt von dem Termin ab, den wir finden werden. Die Bundesliga-Termine stehen erst im Juni fest. Aber klar ist: Er hat mir in die Kamera gesagt, dass er kommen wird – und er wird kommen. Logischerweise will ich ihn erst mal nach Minden haben, aber es gibt keine Halle mehr...

Bei zwei Veranstaltungen: Findet eine in Minden und eine im Altkreis Lübbecke statt?

Harald Wiese: Das hatten wir so gedacht. ja.

Nun steht die Kampa-Halle I nicht mehr zur Verfügung: Finden daher beide Veranstaltungen tendenziell eher im Altkreis Lübbecke statt?

Harald Wiese: Es gibt keine Tendenzen. Er muss erst einmal einen Termin nennen. Er schottet sich im Moment etwas ab und das finde ich auch richtig. Es ist unfassbar, was er an Reisen und Terminen hat.

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Ich bin da gar nicht so pessimistisch. Wenn wir den Stand heute halten können auch leistungsmäßig, dann beklage ich mich nicht, alles gut.

Harald Wiese (Tischtennis-Kreisvorsitzender)

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Welche Wirkung könnte ein Auftritt von Timo Boll im Kreis für den Nachwuchs haben?

Harald Wiese: Ich verspreche mir viel davon. Ich stelle mir das so vor, dass er nicht nur einen Showkampf macht, sondern dass er mit dem besten Nachwuchs auch definitiv spielt und trainiert, macht, tut, in die Vereine geht. Als er das letzte Mal bei uns in Minden war, ist er nach dem Essen mit uns in die Halle gegangen. Die Gesichter hättest Du sehen müssen... Er hat dann ein Stündchen mit den Jugendlichen trainiert, zwar in zivil, aber das ist ja egal. Ich stelle mir vor, dass er nicht nur eine Showgeschichte macht, sondern wenigstens zusammengezogen ein Training macht mit den besten Jugendlichen.

Es geht ja darum, an der Basis eine neue Basis aufzubauen.

Caroline Alt: Stimmt.Harald Wiese: Deswegen versuchen wir ja diese Sache mit den Nachwuchsklassen, mit der Hobbyklasse, die haben total Spaß. Das ist gut. Wenn aus jeder dieser Mannschaften ein oder zwei sagen wir machen weiter – toll.

Es gibt kaum eine Sportart, die so viele Spielmöglichkeiten anbietet wie Tischtennis: Was macht der Kreis außer der Starterliga? Gibt es Aktionen mit Schulen?

Harald Wiese: Die gibt es überall! Caroline Alt: Viele Vereine haben gleichzeitig auch irgendwelche Schul-AG, wir haben im zweiten Jahr einen FSJler, der nicht nur Training in Vereinen macht, sondern auch in Schul-AG. Es gibt den Milchcup, ein Rundlaufturnier für Schulen, es gibt Schulmeisterschaften, wo nicht alle Schulen dran teinehmen, weil sie es nicht organisiert kriegen, aber es wird viel gemacht. Ich bin da gar nicht so pessimistisch. Wenn wir den Stand heute halten können auch leistungsmäßig, dann beklage ich mich nicht, alles gut. Fabian Bredemeyer: Es war schon mal viel schlechter. Harald Wiese: Viel schlechter! Caroline Alt: Man sollte sich freuen über das, was man hat. Harald Wiese: Genau! Caroline Alt: Aber es kann trotzdem, gerade im Norden, und hier im Altkreis Lübbecke, mehr passieren, mehr aufgebaut werden, das stimmt schon. Das geht nur, wenn Du Leute hast, die was tun, und auf der zweiten Ebene dass man sich im Kreis gegenseitig hilft. Dass Vereine ihre Kinder auch zu Kreismeisterschaften und Kreisranglisten melden, auf der anderen Seite müssen aber auch wir aus dem Kreisvorstand auf die Vereine zugehen, damit diese Kommunikation überhaupt stattfindet. Das ist überhaupt ein ganz schwieriges Thema: Kommunikation...

Die Kreis-Jugendwartin Caroline Alt sieht ein großes Problem an der Schnittstelle zwischen Vereinen und Spielern. Foto: Ingo Notz

Das heißt, es versandet viel an den Schnittstellen Kreis-Verein und Verein-Spieler?

Caroline Alt: Genau!

Das darf aber nicht Normalität sein?

Caroline Alt: Es gibt ganz viele Kinder, die gerne Ranglisten oder so mitgespielt hätten und dann im Nachhinein sagen: Ich wusste gar nicht, dass das stattfindet.

Fabian Bredemeyer: Es gibt auch nicht in jedem Verein ein schwarzes Brett, wo die Kinder sofort sehen: das ist dann und dann,

Harald Wiese: Es findet einfach nicht ausreichend Kommunikation statt! Caroline Alt: Wir haben Rundschreiben, Newsletter... Wir verschicken so viele Emails...

Harald Wiese: Es hängt in jedem Verein immer an den einzelnen, handelnden Personen. Du kannst als Kreis noch so viel tun, wenn es in den Vereinen nicht funktioniert, dann funktioniert es nicht. Es ist aber nicht alles negativ, es ist verbesserungswürdig. Die Leuchtturmvereine, darauf müssen wir uns konzentrieren, das ist nun mal so. Ich kann nicht zum SV 1860 Minden hingehen und sagen, das muss sich jetzt ändern. Da ist eben keiner, da kann ich reden, mit wem ich will. Das ist sinnlos. Also muss ich da, wo es funktioniert, erst mal dafür sorgen, dass es weiter funktioniert.

Es macht keinen Sinn, Entwicklungshelfer in die Vereine zu schicken?

Harald Wiese: ein! Null.

Caroline Alt: Wenig. Wenn wir die Leute und die Kapazität hätten, könnte man das machen, aber auch wir sind irgendwann ausgelastet. Wir machen das auch alle nur ehrenamtlich, nicht so wie beim WTTV, die das beruflich machen.

Harald Wiese: Bestimmte Dinge gehen nicht, sind einfach nicht leistbar, da haben wir nicht die Leute für. Zum Beispiel beim Thema FSJ: Da suchen wir für das nächste FSJ-Jahr noch dringend einen FSJler!

Hat sich das Modell bewährt?

Harald Wiese: Super, das hat sich so super bewährt.

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Da kriegst Du graue Haare, das geht gar nicht, die haben eben einfach keine Ahnung. Woher soll es auch kommen?

Harald Wiese (Tischtennis-Kreisvorsitzender)

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Was hat es bewirkt?

Harald Wiese: Das hat bewirkt, dass wir in die Vereine gehen und unterstützen beim Training, dass wir denen einen Mann dahin stellen, der einen C-Trainerschein macht oder schon hat. Und das Training zum Beispiel in Holzhausen oder Stemwede macht und versucht, da Struktur ins Training zu bringen. Beispiel: Er ist in Holzhausen und macht da Training, und an einem Tisch macht ein Trainer vom TuS Holzhausen Training und bringt einen völlig falschen Schlag bei. Da kriegst Du graue Haare, das geht gar nicht, die haben eben einfach keine Ahnung. Woher soll es auch kommen?Fabian Bredemeyer: Selbst wenn sie es gut meinen und da etwas aufbauen wollen, wenn die Kenntnis fehlt, dann kannst Du auch nichts erreichen.

Sind schlechte Trainer besser als keine Trainer?

Caroline Alt: Ja! Das auf jeden Fall. Wir sind froh über jede helfende Hand. Nur weil jemand gut ist, ist er noch lange kein guter Trainer, weil da ja auch noch so etwas wie Menschlichkeit dazu gehört.

Warum soll man in Trainerausbildungen investieren, wenn es doch individuell auch über Menschlichkeit und Sozialkompetenz geht?

Caroline Alt: Beides ist wichtig, das geht Hand in Hand. Bis zu einem gewissen Grad geht es ohne Trainerausbildung, ab einem gewissen Leistungsstand ist es aber wichtig, dass die Person, die da steht, auch ein bisschen Ahnung hat...

Was plant der Kreis über Timo Boll hinaus?

Caroline Alt: Wir haben geplant, eine Jugendfahrt zu machen. Wenn die Gemeinschaft unter den Kindern stärker ist, dann hören vielleicht weniger Kinder auf, weil sie keine Lust mehr haben.

Welche Zukunftsperspektive hat Tischtennis im Kreis, wenn sich nichts ändern würde seitens der Vereine?

Harald Wiese: Gar nichts ändern darf sich nicht. Wir müssen zwei, drei, vier Vereine weiter motivieren, das ist völlig klar. Ich nehme mal das Beispiel Michael Walke, der sich jetzt vernünftig darum kümmert, wenn wir noch zwei, drei Vereine haben und das etwas breiter aufstellen könnten, dann wäre das schon gut.

Caroline Alt: Gerade bei Rahden, Blasheim oder Stemwede, Dielingen, da kann es mal ein bisschen was angekurbelt werden. Harald Wiese: Das sehe ich auch so!

Caroline Alt: Die haben Kinder! Ich hatte ein Spiel in Blasheim, da liefen zehn Kinder herum, so dass ich nur dachte: Wer seid ihr alle und warum seid ihr nie woanders?

Harald Wiese: So furchtbar negativ sehe ich es nicht mehr. Zu Anfang habe ich gedacht, Du kannst überhaupt nichts bewirken, Du kannst drehen, wenden, machen wie Du willst, das war aber auch dem geschuldet dass davor gar nichts gemacht wurde in diese Richtung. Du kannst nicht verlangen, dass Du innerhalb von drei, vier Jahren plötzlich alles auf links ziehst. So schnell geht das nicht.

Das heißt: Im Kreis wurde über Jahre geschlafen?

Caroline Alt: Ja!Harald Wiese: Das ist Fakt!

Fabian Bredemeyer: Ich kenne keinen Kreisvorsitzenden, der so aktiv ist wie Harald!

Wie viele Kreisvorsitzenden kennen Sie?

Fabian Bredemeyer: Äh... Carsten Böhmert. Das ist aber ein Verwalter, kein Gestalter. Das, was er macht, macht er gut, aber nicht mehr. Harald Wiese: Das ist auch alles nicht schlimm. Ich mache es jetzt noch...

Der Kreisvorsitzende Harald Wiese wünscht sich in Zukunft mehr Engagement seitens der Vereine im Tischtennis-Kreis Minden-Lübbecke. Foto: Ingo Notz

Noch?

Harald Wiese: Ich werde es nicht ewig machen. Es läuft eine Wette, die Aktion nennt sich KM400. Ich möchte 400 Meldungen für die nächste Kreismeisterschaft haben und wenn ich die nicht kriege, wenn wir wieder bei 200 bleiben und dümpeln, dann ist absehbar, dass ich irgendwann aufhöre. Caroline Alt: Wir müssen uns trotzdem längerfristig überlegen, wer das machen soll...Harald Wiese: Ich habe aber durchaus noch Spaß an dem Job!

Frustriert das Verhalten der Vereine einen nicht als Kreisvorstand beziehungsweise als Kreisvorsitzenden?

Harald Wiese: Ja. Bisschen ja.Caroline Alt: Ja, sehr!Harald Wiese: Nicht nur ein bisschen, du wirst irgendwann pragmatisch. Caroline Alt: Man gewöhnt sich dran. Fabian Bredemeyer: Man ist von einigen Leuten schon manchmal ein bissschen enttäuscht. Harald Wiese: Richtig, das gibt es durchaus. Da gehören durchaus auch mal Mitarbeiter aus dem Kreisvorstand dazu.Caroline Alt: Einige sind es nicht gewohnt, dass sie jetzt mehr tun sollen als vorher...

Sie geben den Kampf um Kinder und die Zukunft des Tischtennis demnach nicht verloren?

Harald Wiese: Unter keinen Umständen. Wir werden definitiv weiter Aktionen machen, und versuchen, auch die Vereine dahin zu bringen, dass sie mehr machen. Aber wenn ein Verein niemanden hat, dann kannst Du von außen eben auch nichts machen. Da kannst Du wie auf einen lahmen Gaul einreden, bringt nichts.

Du kannst kein Pferd satteln, das nicht existiert?

Caroline Alt: Richtig!Harald Wiese: Richtig, schönes wort.Caroline Alt: Da hilft dann höchstens ein neues Pferd.

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Manchmal hört es sich dramatisch an, ist es aber gar nicht, insgesamt kann man ganz früh sein, wie viele Kinder in Vereine rumlaufen.

Harald Wiese (Tischtennis-Kreisvorsitzender)

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Harald Wiese: Manchmal hört es sich dramatisch an, ist es aber gar nicht, insgesamt kann man ganz früh sein, wie viele Kinder in Vereine rumlaufen.

Wie viele Spieler gibt es insgesamt?

Harald Wiese: Vor einem Jahr hatten wir 1221 aktive Spieler. Davon stehen aber rund 400 immer noch in den Mannschaften, sind aber Karteileichen, realistisch kann man von 800 ausgehen.

Gibt es Pläne im Bereich Breitensport und alternative Spielformen? TTX, Headis, Vierertisch – all das findet hier überhaupt nicht statt, obwohl es ein Weg wäre, neue Zielgruppen zu erschließen und Jugendliche zu begeistern?

Harald Wiese: Am 9.5., glaube ich, findet eine öffentliche Veranstaltung statt, bei der auf dem Marktplatz in Minden Tische aufgebaut werden. Das wird vom Stadtsportbüro initiiert, da habe ich zugesagt. Das ist eine allgemeine Breitensportveranstaltung.Caroline Alt: Das machen wir hier auch in Lübbecke bei einem Tag der Offenen Tür der Sportvereine, dann kommen da auch Leute hin, aber die kommen danach nicht zum Training. Harald Wiese: Zu den alternativen Spielformen hab ich bisher keinen Draht, das muss man einfach so klar sagen. Das ist nicht mein Ding. Wenn einer im Vorstand sagt, ich würde mich darum kümmern, ist alles in Ordnung, aber ich habe definitiv mit dem normalen Sport genug zu tun.

Im Kreis Höxter haben sich fünf Vereine zusammengeschlossen, haben einen Förderverein gegründet und über den einen Profitrainer eingestellt. Mittlerweile stellt kein Kreis mehr Teilnehmer bei Westdeutschen Schüler-Meisterschaften als der Kreis Höxter/Warburg. Gibt es diese Überlegung auch im Kreis Minden-Lübbecke? Ich bezweifle, dass jemand regelmäßig aus Stemwede nach Minden zum Stützpunktraining fahren würde, das Problem könnte man mit dezentralen Stützpunkten umgehen...?

Harald Wiese: Das ist eine gute Idee! Da muss ich mir mal einen Kopf zu machen. Die Frage ist nur: Wo kriegt man so einen Trainer her? Das kann eigentlich nur jemand sein, der irgendwann einen B-Trainerschein macht und hier wohnt oder hierhin zieht. Ich würde mich total freuen, wenn wir im Kreis oder in der Umgebung jemanden hätten. Wenn mir jemand einen nennen könnte, gerne, ich wäre sofort bereit, noch ein bisschen mehr zu machen als wir im Moment eh schon machen...

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