Jörg Uphoff ist Vorsitzender des Kreisschiedsrichterausschusses Sozialkompetenz spielt eine große Rolle

Lübbecke (WB). „Sei fair zum 23. Mann“ war vor Jahrzehnten schon der Titel einer Image-Kampagne, um Fußball-Schiedsrichter vor Angriffen verbaler und nonverbaler Art zu schützen. Brutale Attacken gegen Schiedsrichter sind dennoch auch in jüngerer Vergangenheit bekannt geworden – auch im Fußballkreis Lübbecke gab es entsprechende Zwischenfälle, die mit Sperren von bis zu drei Jahren geahndet worden sind. Die Schiedsrichterzahlen sind rückläufig. Kreisschiedsrichterobmann Jörg Uphoff nimmt in der fünften Folge der WESTFALEN-BLATT-„Winterviews“ Stellung zur aktuellen Situation und erklärt, warum es sich trotzdem lohnt, bei dem am 15. Februar beginnenden – und noch nicht ausgebuchten – Schiedsrichterlehrgang teilzunehmen.

Von Ingo Notz
Jörg Uphoff wirbt um neue Schiedsrichter im Fußballkreis Lübbecke.
Jörg Uphoff wirbt um neue Schiedsrichter im Fußballkreis Lübbecke. Foto: Ingo Notz

Gewalt gegen Schiedsrichter, Sperren gegen die Täter, rückläufige Schiedsrichterzahlen: Wie würden Sie die Gesamtsituation der Schiedsrichter im Fußballkreis Lübbecke beschreiben?

Jörg Uphoff: Die Gesamtsituation ist noch annehmbar. Wir haben noch höherklassige Schiedsrichter, wir können als einer der wenigen Kreise im Verbandsgebiet noch alle Spiele ansetzen von der D-Jugend bis zu den Senioren in allen Spielklassen. Aber nur noch deshalb, weil einige Schiedsrichter über ihrem Soll Spiele leiten und weil es mittlerweile ja so ist, dass fast jeden Tag in der Woche Fußballspiele sind.

Wie viele Kreise können das aktuell noch?

Jörg Uphoff: Es gibt 32 Kreise. In unseren Nachbarkreisen haben sie schon deutlich mehr Schwierigkeiten, weil der Kreis Minden zum Beispiel die gleiche Anzahl Schiedsrichter hat, aber deutlich mehr Schiedsrichter bräuchte, weil sie dort mehr Mannschaften und auch mehr Spiele haben.

Ihnen kommt es also entgegen, dass der Kreis Lübbecke weniger Fußballer hat?

Jörg Uphoff: Nein, uns käme es entgegen, wenn wir mehr Schiedsrichtert hätten und die Anzahl der Spiele noch gesteigert werden könnte. Wir wollen ja, dass möglichst viele Menschen Fußball spielen, wir gewinnen auch mehr Schiedsrichter, je mehr sich mit dem Thema beschäftigen.

Wie viele Schiedsrichter gibt es aktuell im Fußballkreis Lübbecke?

Jörg Uphoff: Wir haben zurzeit 94 aktive Schiedsrichter, dazu noch eine ganze Menge passive Schiedsrichter.

Gibt es im Kreis eine Altersgrenze wie in der Bundesliga?

Jörg Uphoff: Man darf so lange pfeifen, wie man den Anforderungen entspricht. Das kann ganz schön lange sein. Auf Kreisebene gibt es keine Altersbegrenzungen, die gab es noch nie, die fangen erst mit der Bezirksliga an. Auf Kreisebene sollte auch in meiner Sicht die Leistung entscheiden und nicht das Alter.

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Wir haben für den nächsten Lehrgang, der am 15. Februar beginnt, drei Anmeldungen, der Kreis Minden hat vier Anmeldungen – wenn man überlegt, dass im Schnitt etwa zehn bis 15 Leute nach der Serie aufhören oder wegziehen, kann man sich ja ausrechnen, wie lange es dauert, bis nicht mehr genügend Schiedsrichter da sind.

Jörg Uphoff (Vorsitzender des Kreisschiedsrichterausschusses)

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In den vergangenen Jahren sind die Schiedsrichterzahlen rückläufig. Seit wann gibt es die Probleme, dass es im Kreis nicht genug Schiedsrichter gibt – und warum?

Jörg Uphoff: Das passiert nicht von heute auf morgen, das ist ein schleichender Prozess. Es sind weniger bereit, eine Ausbildung zu machen, die Schiedsrichtertätigkeit zu übernehmen. In den letzten sieben, acht, zehn Jahren ist es deutlich erkennbar, dass die, die einen Ausbildungslehrgang machen, deutlich weniger werden. Wir hatten früher, vor 20 Jahren, zu meiner Zeit, alleine im Kreis Lübbecke 20 bis 30 Anwärter pro Lehrgang, wir machen zwei Lehrgänge im Jahr, im Herbst und im Frühjahr – seit gefühlten 15 Jahren machen wir zusammen mit dem Kreisen Minden und Herford Anwärterlehrgänge. Das Problem, das wir haben, haben die natürlich auch: weniger Anwärter. Der Aufwand ist dann der gleiche, für drei, vier Leute lohnt sich das nicht, daher haben wir uns zusammengeschlossen. Heutzutage sind wir froh, wenn wir mal 15 aus den drei Kreisen haben... Wir haben für den nächsten Lehrgang, der am 15. Februar beginnt, drei Anmeldungen, der Kreis Minden hat vier Anmeldungen – wenn man überlegt, dass im Schnitt etwa zehn bis 15 Leute nach der Serie aufhören oder wegziehen, kann man sich ja ausrechnen, wie lange es dauert, bis nicht mehr genügend Schiedsrichter da sind.

Welche Möglichkeiten sehen Sie, mehr Interessenten zu den Lehrgängen zu bekommen? Oder bliebe bei der Tendenz nur die Lösung, Spiele in unteren Ligen nicht mehr zu besetzen?

Jörg Uphoff: Es ist ja keine Lösung, wenn Spiele zum Beispiel in der B-Liga nicht mehr besetzt werden, aber es könnte irgendwann mal passieren, dass in den unteren Leistungsklassen die Spiele nicht mehr besetzt werden können, ja.

Bis wo können Sie aktuell die Spiele besetzen?

Jörg Uphoff: Die werden durchgängig besetzt bis zur Kreisliga D und im Jugendbereich bis zur D-Jugend-Kreisliga A.

Das klingt nicht so alarmierend?

Jörg Uphoff: Alarmierend schon, weil es nur funktioniert, weil an allen Tagen gespielt wird und viele Schiedsrichter bereit sind, mehr als einmal pro Woche zu pfeifen und mehr als ihre 15 Pflichtspiele pro Jahr pfeifen. Wenn man 3000 Spiele hat und ungefähr 100 Schiedsrichter, dann kann man es sich ausrechnen. Es gibt zum Glück mehrere Schiedsrichter, die freiwillig 70 oder 80 Spiele pfeifen. Auch da ist es aber so, dass es vorwiegend ältere Schiedsrichter sind, die bereit sind, mehr zu leisten.

Wie ist die Altersstruktur der heimischen Schiedsrichter? Können Sie absehen, dass Sie in zwei, fünf oder zehn Jahren vor einem großen Problem stünden, wenn sich die Entwicklung nicht ändern sollte?

Jörg Uphoff: Das Durchschnittsalter ist ungefähr 33 Jahre, das heißt aber nicht, dass wir keine jungen Schiedsrichter haben, wir haben auch sehr junge, da ist es oft auch das Problem, geeignete Spiele für diese jungen Schiedsrichter zu finden.

Ist der Einstieg in das Schiedsrichterwesen schwieriger als früher?

Jörg Uphoff: Das wage ich zu bezweifeln.

Fehlt in der Gesellschaft die Bereitschaft, die Tätigkeit als Schiedsrichter zu übernehmen?

Jörg Uphoff: Es gibt viele junge Schiedsrichter, die das gerne machen möchten, die dann aber nicht den Biss haben, um es durchzuhalten oder es sich auch anders vorgestellt haben und dann schneller wieder aufhören als zu meiner Zeit.

Eignet sich jeder Mensch als Schiedsrichter?

Jörg Uphoff: Jeder, der Lust am, Fußballsport hat, jeder, der Lust hat, sich persönlich weiterzuentwickeln. Jeder, der sich zutraut, sich auch bei einem “Streit” regelkonform durchzusetzen. Man muss körperlich fit sein, ein bisschen, und geistig – das hilft auf jeden Fall.

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Wenn man es in den Medien sieht, was in Baden-Württemberg oder Berlin passiert ist, ist schlimm, das ist natürlich für die Schiedsrichtergewinnung kontraproduktiv. Das darf man nicht verheimlichen, das darf man nicht verherrlichen, es ist gut, dass eine breite Bevölkerung darauf jetzt aufmerksam gemacht wird und dagegen vorgegangen wird.

Jörg Uphoff (Vorsitzender des Kreisschiedsrichterausschusses)

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Es gibt immer wieder auch Gewalt gegen Schiedsrichter, auch hier im Fußballkreis: Wie nehmen Sie die Schlagzeilen in letzter Zeit, teilweise im wahrsten Wortsinn Schlag-Zeilen, auf?

Jörg Uphoff: Wenn man es in den Medien sieht, was in Baden-Württemberg oder Berlin passiert ist, ist schlimm, das ist natürlich für die Schiedsrichtergewinnung kontraproduktiv. Das darf man nicht verheimlichen, das darf man nicht verherrlichen, es ist gut, dass eine breite Bevölkerung darauf jetzt aufmerksam gemacht wird und dagegen vorgegangen wird. Auch in der Bundesliga. Die Thematik der vergangenen Tage mit Unsportlichkeiten, dass medial an dem Thema gearbeitet wird, ist sehr gut. Wenn es in der Bundesliga richtig gemacht wird, dann haben wir auf den Sportplätzen deutlich weniger Probleme, als wenn die alles durchgehen lassen würden.

Nicht nur wegen der Vorfälle in Hüllhorst: Wie fühlt man sich als Schiedsrichter, wenn man in einer Zeit als Schiedsrichter auf den Platz geht, in der einem offensichtlich Gewalt droht?

Jörg Uphoff: Ich war bei den Sportgerichtsverhandlungen dabei und habe unsere Schiedsrichter unterstützt. Da merkt man schon, dass ein gewisser Druck auf den Leuten lastet, dass sie es als unangenehm empfinden, keine Frage, dass sich auch gestandene Bezirks- oder Landesligaschiedsrichter überlegen: Weshalb muss ich mir so was antun? Da ist klar die Erwartungshaltung, dass bei groben Unsportlichkeiten die Spieler auch dementsprechend durch das Sportgericht bestraft werden.

Es gab in der Vergangenheit auch Spieler, die als Strafe beziehungsweise für eine Reduzierung ihrer Strafe eine Schiedsrichterausbildung machen mussten. Ist das das richtige Zeichen?

Jörg Uphoff: Da wurde dann nur pflichtgemäß das abgeleistet, was man leisten musste – und danach war das wieder vorbei... Aus meiner Sicht ist das nicht zielführend. Aber auch Anwärter, die hingeschickt werden aus Druck, die machen auch nur das, was unbedingt sein muss, die leben aber nicht den Fußball oder das Schiedsrichterwesen. Sei es nach einem Urteil des Sportgerichts oder auch bei jungen Anwärtern, die von Vereinen geschickt werden mussten, um Repressalien wegen einer Nichterfüllung des Schiedsrichtersolls zu vermeiden. Den sogenannten Dreistufenplan hat man ja auch abgeändert. Früher war es so, dass es Geldstrafen und Turniersperren oder den Zwangsabstieg einer Mannschaft gab, das gibt es mittlerweile nicht mehr. Das ist in Westfalen auch nie so eingetreten, da wurden vorher immer irgendwelche hingeschickt und haben die Prüfungen gemacht. Das Einzige, was zielführend ist, sind die Untersollbestimmungen, dass Vereine aus finanziellen Gründen gedrängt werden, sich mehr zu engagieren. Das Ordnungsgeld für nicht vorhandene Schiedsrichter wurde drastisch angehoben. Im Gegenzug werden Vereine, die ein Übersoll haben, belohnt. Zwar nicht im gleichen Verhältnis – wenn ich eine Strafe von 250 Euro ausspreche und dann, wenn ich einen zuviel habe, nur 50 Euro wieder auszahle, dann passt das auch nicht ganz. Die Strafen sollen noch höher werden. Viele Vereine fragen sich ja auch: Was kostet mich ein Schiedsrichter? Und was kostet mich das Ordnungsgeld? Das ist dann eine Wirtschaftlichkeitsberechnung: Wenn der Schiedsrichter mich mehr kostet als das Ordnungsgeld, dann zahle ich einfach, habe weniger Stress und das Thema ist durch...

Bei Spielern sind Vereinswechsel normal. Gibt es Abwerbungen auch bei Schiedsrichtern, um das Soll des eigenen Vereins auf diese Art zu erfüllen?

Jörg Uphoff: Bei uns im Kreis ist das sehr, sehr gering. Mal einer, mal zwei – da haben unsere Nachbarkreise schon deutlich mehr Probleme, was das angeht. Natürlich weiß ich auch, dass es bei uns Vereine gibt, die deutlich oder gut bezahlen, manche bezahlen gar nichts. Das muss jeder für sich selbst entscheiden.

Das heißt: Schiedsrichter werden bezahlt? Das ist kein Ehrenamt mehr?

Jörg Uphoff: Natürlich ist das ein Ehrenamt. Die kriegen eine Aufwandsentschädigung, das ist offiziell – und dann muss der Verein halt gucken, was macht er? Die Vereine sind angehalten, die Ausrüstung zu stellen, das machen sie für die Spieler ja auch, Hemd, Hose, Stutzen, manche geben noch Schuhe, manche noch eine Tasche, manche noch ein Handtuch, noch eine Pfeife, eine Uhr, da unterscheidet sich das schon...

Zwischen Rolex oder Nicht-Rolex?

Jörg Uphoff: Eine Uhr zum Pfeifen! Keine, die man sonntags trägt...

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Das Image der Lübbecker Schiedsrichter, zumindest ist das die Erfahrung, die ich gemacht habe, ist durchaus positiv. Das kann nicht immer 90 oder 100 Prozent positiv sein, es gibt immer welche, die Entscheidungen treffen, die ich heute anders treffen würde, das passiert mir auch.

Jörg Uphoff (Vorsitzender des Kreisschiedsrichterausschusses)

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Wie sehen Sie das Image der Schiedsrichter im Fußballkreis Lübbecke?

Jörg Uphoff: Ist schwierig. Schwierig zu beantworten. Wenn ich Kritik höre, dann frage ich Leute, wo ich weiß, dass die objektiver sind. Das Image der Lübbecker Schiedsrichter, zumindest ist das die Erfahrung, die ich gemacht habe, ist durchaus positiv. Das kann nicht immer 90 oder 100 Prozent positiv sein, es gibt immer welche, die Entscheidungen treffen, die ich heute anders treffen würde, das passiert mir auch. Da macht man sich nach dem Spiel auch Gedanken, während des Spiels steht man unter einem ganz anderen Druck. Da muss man entscheiden. Wenn man sich das hinterher noch mal überlegt, kann es durchaus auch sein, dass man dann anderer Meinung ist.

Wie ist das Verständnis für Schiedsrichter auf Seiten der Mannschaften und Vereine? Ein Beispiel: Es muss doch jedem klar sein, dass in Situationen, wo keine Gespanne pfeifen, zum Beispiel jede Abseitsentscheidung, hart formuliert, geraten ist?

Jörg Uphoff: Geraten vielleicht nicht. Die ganz deutlichen Dinge sollte man schon sehen können.

Ich kann aber nicht gleichzeitig den abgebenden Spieler und den Stürmer im Blick haben und Videobeweis und kalibrierte Linien gibt es im Kreis nicht...

Jörg Uphoff: Natürlich nicht. Da muss man dann sehen, wo man steht. Wenn man nach hinten schaut, es wird gespielt, man dreht sich um, dann sind anderthalb Sekunden weg, das sind fünf Meter, das kann man natürlich nicht sehen. Wenn ich weit weg bin und Entscheidungen aus 40 Metern treffe...

Der berüchtigte Mittelkreisschiedsrichter...

Jörg Uphoff: ...dann habe ich ein Problem. Aber entscheiden muss ich.

Einzelschiedsrichter haben bei dem Tempo spätestens in der Bezirksliga ein Problem...

Jörg Uphoff: In anderen Landesverbänden pfeifen in der Bezirksliga drei. Bei uns nicht, dadurch bedingt, dass wir nicht ausreichend Schiedsrichter haben. Wenn wir ausreichend hätten, dann könnten wir auch diese Spiele mit Assistenten ansetzen. So kann man feststellen, dass die Bezirksliga die schwierigste Liga überhaupt ist, weil da ohne Assistenten gespielt wird und schon auf einem relativ schnellen Niveau. Das ist aber festgelegt vom Verband, dass in der Bezirksliga nicht mit Assistenten gepfiffen wird. Es gibt die Möglichkeit, zu bestimmten Spielen Gespanne anzufordern, dann muss der anfordernde Verein die zusätzlich bezahlen.

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Man muss mit Stress umgehen können, das ist auch etwas, das man lernt als Schiedsrichter. Man kriegt sehr viel Menschenerfahrung, man lernt eine ganze Menge dazu, auch fürs Berufsleben. Wenn ich als junger Schiedsrichter anfange, behaupte ich, dass man im Berufsleben gestandener ist, wenn man Entscheider ist, dass man auch viel aus seinem Hobby mitnehmen kann.

Jörg Uphoff (Vorsitzender des Kreisschiedsrichterausschusses)

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Wenn ich sehe, wie Schiedsrichter in der Bundesliga, aber auch zuletzt häufiger hier vor Ort, zumindest verbal, teilweise aber auch tätlich angegriffen werden: Warum sollte ich Schiedsrichter werden und mir freiwillig den Stress antun?

Jörg Uphoff: Man muss mit Stress umgehen können, das ist auch etwas, das man lernt als Schiedsrichter. Man kriegt sehr viel Menschenerfahrung, man lernt eine ganze Menge dazu, auch fürs Berufsleben. Wenn ich als junger Schiedsrichter anfange, behaupte ich, dass man im Berufsleben gestandener ist, wenn man Entscheider ist, dass man auch viel aus seinem Hobby mitnehmen kann. Ich kenne auch viele Personaler, die gucken, was die Leute ehrenamtlich machen, da legen viele schon Wert drauf, das wird heutzutage aber leider immer weniger.

Muss man angesichts der derzeitigen Schlagzeilen eher Sadist sein oder eher Masochist sein, um Schiedsrichter zu werden?

Jörg Uphoff: Nein, nein, auf keinen Fall. Beides nicht.

Es ist eine Position mit Macht...

Jörg Uphoff: Natürlich hat man Macht in dem Moment über die Spiele, aber wenn man nur auf dieser Basis ein Spiel leiten will, dann geht das Spiel mit Sicherheit in die Hose.

Das bekannteste Beispiel, in dem ein Schiedsrichter seine Machtposition missbraucht hat, ist Robert Hoyzer. Hat das Ihnen im Kreis geschadet?

Jörg Uphoff: Ich glaube nicht. Ich hätte mir zu der Zeit nie vorstellen können, dass es so etwas unter Schiedsrichtern gibt. Ich selbst bin nie in der Situation gewesen, diesbezüglich angesprochen worden zu sein.

Versuche von Einflussnahmen gibt es im Kreis nicht?

Jörg Uphoff: Nein. Ich pfeife seit 35 Jahren, bei mir hat das noch keiner versucht. Das wird hier nicht an Schiedsrichter herangetragen – vielleicht an andere Mannschaften, die dann eine Kiste oder ein Fass Bier kriegen, aber an die Schiedsrichter eher nicht.

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Die Regeln kenne ich. Das denkt natürlich jeder Fußballer, dem ist aber natürlich nicht so.

Jörg Uphoff (Vorsitzender des Kreisschiedsrichterausschusses)

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Welcher Schiedsrichter eignet sich als Vorbild, um andere dazu zu bewegen, Schiedsrichter werden zu wollen? Legendäre Schiedsrichter wie Eschweiler, Merk oder Ahlenfelder sind auch Jahrzehnte nach ihrem Karriereende noch ein Begriff. Wenn auch, im Fall von Ahlenfelder, eher dadurch, dass er im angetrunkenen Zustand eine Halbzeit zu früh abgepfiffen hat und man seitdem in Bremen einen Ahlenfelder bestellen kann und dann Schnaps und Bier bekommt. Was bekommt man in der Gaststätte in Tonnenheide, wenn man einen Uphoff bestellt?

Jörg Uphoff: Das weiß ich nicht, aber ein Uphoff ist noch nicht als Gedeck zu bekommen, denke ich mal... Zu meiner Zeit war Markus Merk das Vorbild. Ich bin 35 Jahre Schiedsrichter, aber ich hatte keinen Bundesliga-Schiedsrichter als Vorbild. Bei mir ist es eher so gekommen, dass ich in der Schule, wenn wir Fußball gespielt haben, oder im Verein, wenn es darum ging, im Training mal das Spiel zu leiten, dass ich das dann gemacht habe. Irgendwann hat man dann Spaß daran. Man hat ja selbst gespielt und war mit den Leistungen der Schiedsrichter nicht einverstanden, wo ich dann gesagt habe: Die Regeln kenne ich. Das denkt natürlich jeder Fußballer, dem ist aber natürlich nicht so. Die Feinheiten kriegt man dann erst beigebracht in den Schulungen, aber so bin ich dazu gekommen, dass ich gesagt habe: Das kann ich besser. Ich will nicht sagen, dass es dann wirklich auch jedes Mal besser war, aber ich habe es schließlich bin in die Verbandsliga, die heutige Westfalenliga, geschafft, war einige Jahre mit Thorsten Joerend in der Oberliga. Das war auch eine schöne Geschichte, wenn man einen jungen Schiedsrichter ausbildet und fördert, der als Kreisliga-A-Mann bei mir in der Landesliga an der Linie war und fünf Jahre später war er in der Oberliga und ich bei ihm an der Linie.

Sorgt zwischen Mannschaften und Schiedsrichtern ein unterschiedlicher Wissensstand über Fußballregeln für Konflikte? Wissen viele Fußballer überhaupt nicht, wie die Regeln in ihrem Sport sind?

Jörg Uphoff: Das ist Fakt. Das habe ich auch in der Verbands- oder Landesliga noch erlebt.

Aktuell gibt es zur Rückrunde auch wieder neue Regeln?

Jörg Uphoff: Nicht zur Rückrunde, Regeländerungen gibt es immer zum Spieljahr. Es gibt höchstens Anweisungen zur Auslegung von Regeln. Es gibt immer gewisse Schwerpunkte. Wie den Ellenbogencheck. Zur Rückserie jetzt ist das keine Regeländerung, dass unsportliches Verhalten mit einer persönlichen Strafe bestraft wird. Das ist jetzt nicht mehr eine Ermahnung, sondern eine gelbe Karte. Diesen Bereich der Unsportlichkeiten möchte man raushaben, das kann man natürlich nur damit machen, dass man das reglementiert. Die Regel gab es vorher schon, man muss es jetzt auch durchsetzen.

Läuft heutzutage mehr über Strafen, was früher eher in einem persönlichen Gespräch zwischen Schiedsrichter und Spieler geklärt worden ist?

Jörg Uphoff: Zu meiner Zeit in den 90er Jahren, als ich beobachtet wurde, wurde konsequent nach den Regeln geschaut. Macht der alles richtig? Heutzutage ist es schon eher so, dass der Schiedsrichter mehr noch das Spiel lesen können muss und auch versuchen muss, das Spiel vernünftig über die Bühne zu kriegen.

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Heute sollst Du quasi zwischen den einzelnen Spielern viel erklären, das war vor zehn, 15 Jahren noch nicht der Fall. Da hat man noch gesagt: Das ist die Regel – wenn der Spieler es nicht weiß, Pech gehabt, schmeiß den raus.

Jörg Uphoff (Vorsitzender des Kreisschiedsrichterausschusses)

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Welche Rolle spielt dabei die Sozialkompetenz eines Schiedsrichters?

Jörg Uphoff: Die spielt eine sehr große Rolle. Heute sollst Du quasi zwischen den einzelnen Spielern viel erklären, das war vor zehn, 15 Jahren noch nicht der Fall. Da hat man noch gesagt: Das ist die Regel – wenn der Spieler es nicht weiß, Pech gehabt, schmeiß den raus.

Vor der Anweisung war es also eine Frage der individuellen Stärke des Schiedsrichters und heute es ist allgemein gewünscht?

Jörg Uphoff: Genau. Vor 15, 20, 25 Jahren hat der Beobachter geguckt, pfeift der regelkonform und nicht, ob der das Spiel vernünftig über die Bühne kriegt. Wenn Du heute sagst, dafür kann man Gelb geben, hat man früher gesagt: Da musst Du Gelb geben. Wenn Du es nicht gemacht hast, war es eine Schwäche vom Schiedsrichter und dann wird Deine Leistung bewertet, da gibt es ein Punktsystem. Früher war es so, dass Punkte abgezogen wurden, heute ist es so, da wird nicht mehr geguckt, ob du der Schnellste bist und am Weitesten laufen kannst, sondern auch, ob Du das Spiel vernünftig über die Bühne kriegst. Das ist aus meiner Sicht natürlich richtig.

In Hannover gibt es bei Risikospielen besonders geschulte Schiedsrichter, gibt es diese Überlegung hier auch?

Jörg Uphoff: Nein. Aber es ist sicherlich förderlicher, wenn man groß und kräftig ist als Schiedsrichter als wenn man etwas kleiner ist. Wenn man kein Selbstwertgefühl hat, dann wird das auch nicht funktionieren, dann wird man mittelfristig auch nicht aufsteigen können.

Warum sollte man Schiedsrichter werden – außer wegen des Anreizes, einmal im Jahr zum leckeren Grünkohlessen eingeladen zu werden?

Jörg Uphoff: Grillen gibt es auch noch einmal im Jahr... Aber im Ernst: Man wird unterstützt in seinem Werdegang, man lernt für sein Leben, das ist ganz wichtig, man baut Selbstbewusstsein auf. Akzeptanz auf dem Platz muss man sich natürlich erst erarbeiten, ganz klar.

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Die Bestrafung ist beim Handball sofort da, da gibt es nicht nur persönliche Strafen, sondern auch Mannschaftsstrafen, wodurch die Mannschaft gleich im Nachteil ist und das fehlt beim Fußball einfach. Da müsste es konsequentere Strafen geben.

Jörg Uphoff (Vorsitzender des Kreisschiedsrichterausschusses)

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Wir sind im Kreis Minden-Lübbecke in einer Handballregion. Im Handball ist der Umgang mit Schiedsrichtern ein ganz anderer. Wieso unterscheidet sich das so und wieso kann man das auf dem Fußballplatz nicht hinkriegen, dass Entscheidungen, ob falsch oder richtig, akzeptiert werden – wie beim Handball? Weil dort die Strafen rigoroser sind?

Jörg Uphoff: Genau. Die Bestrafung ist beim Handball sofort da, da gibt es nicht nur persönliche Strafen, sondern auch Mannschaftsstrafen, wodurch die Mannschaft gleich im Nachteil ist und das fehlt beim Fußball einfach. Da müsste es konsequentere Strafen geben. Früher hat es auch mal zehn Minuten Zeitstrafen gegeben, im Jugendbereich gibt es noch die fünf Minuten, das ist ein probates Mittel, Spieler erst mal an die frische Luft zu setzen, da können sie sich abkühlen.

Wäre das nicht auch bei den Erwachsenen eine Hilfe für Schiedsrichter?

Jörg Uphoff: Ja, klar. Ich hab es immer als sehr angenehm empfunden, wenn etwas mehr als Gelb, aber noch keine rote Karte war. Zehn Minuten Zeitstrafe, dann wurde demjenigen vom Trainer der Kopf gewaschen, das hilft sicher.

Wie realistisch ist es, dass die Zeitstrafen über die Jugend hinaus zurückkommen?

Jörg Uphoff: Wir vor Ort können regeltechnisch ja nichts selbst entscheiden, das ist klar, das kommt dann über den Verband. Es hat ja Gründe gegeben, dass das abgeschafft worden ist, die kenne ich leider nicht, ich würde mir wünschen, dass es wieder eingeführt wird und man mehr Möglichkeiten hätte als Ermahnung, Gelbe Karte, Rote Karte, also auch eine zeitliche Begrenzung, wie es im Jugendfußball ist oder im Handball.

Was kann der Fußball noch vom Handball lernen?

Jörg Uphoff: Dass man respektvoller miteinander umgeht. Das finde ich im Handball deutlich besser als im Fußball. Im Fußball geht man weniger respektvoll miteinander um als in anderen Sportarten.

Warum ist das so? Weil Fußball – zumindest auch – andere soziale Schichten anspricht?

Jörg Uphoff: Ja. Genau.

Hier geht es zu den bisher erschienenen Folgen der WINTERVIEWS:

Folge 1: Emir Kurtagic (Trainer TuS N-Lübbecke)

Folge 2: Stephan Rehling (Vorsitzender Baskets 96 Rahden)

Folge 3: Christian Pawlak (Box-Weltmeister)

Folge 4: Ingo Seidel (Turnierchef Girls Snow Cup)

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