Stephan Rehling von den Baskets 96 Rahden wünscht sich mehr Akzeptanz der Rollstuhlbasketballer
„Für mich ist das gedankliche Diskriminierung“

Rahden (WB). Hochleistungsbasketball im Rollstuhl. Für viele Sportfans ist das noch immer ungewöhnlich oder unvorstellbar. Bei den Baskets 96 Rahden ist dies dagegen Programm. Seit ihrer Erstligarückkehr im Sommer mischen die Rollis die höchste deutsche Spielklasse mächtig auf. Vor dem Start am Samstag in den entscheidenden zweiten Saisonteil erklärt der Baskets-Vorsitzende Stephan Rehling unseren Redakteuren Ingo Notz und Hans Peter Tipp, warum die Erfolgsstory der Rahdener weitergehen dürfte. Zugleich wünscht er sich einen vorurteilsfreieren Umgang mit den sportlichen Leistungen.

Mittwoch, 08.01.2020, 12:00 Uhr aktualisiert: 10.01.2020, 06:46 Uhr
Große Ziele für die Zukunft: In dieser Saison möchte Stephan Rehling die Baskets 96 Rahden als dritte Kraft im deutschen Basketball etablieren. Zum 25. Geburtstag des Klubs soll 2021 der nächste Schritt folgen Foto: Ingo Notz

Herr Rehling, nach dem ersten Aufstieg in die 1. Bundesliga stand zwölf Monate später der direkte Wiederabstieg. Jetzt ist es zur Saisonhalbzeit Platz fünf – punktgleich mit dem Tabellendritten. Was ist bei den Baskets aus Rahden anders als vor zwei Jahren?

Stephan Rehling: Dieses Mal stand unser Aufstieg so frühzeitig fest, dass wir uns wesentlich gezielter vorbereiten und verstärken konnten als beim ersten Mal. 2017 mussten wir sehr hektisch Spieler verpflichten, die sich im Nachhinein zwar als gute Individualisten, aber für uns als nicht so ideale Teamplayer herausgestellt haben. Das ist dieses Mal völlig anders.

Serie „Winterviews“

Der Jahreswechsel ist traditionell eine willkommene Gelegenheit, um auf Vergangenes zurückzublicken und Ziele für das neue Jahr zu formulieren. Damit ist er auch eine ideale Zeit für unsere Sport-Serie mit Winter-Interviews, unseren „Winterviews“. In der ersten Folge sprach unser Redakteur Hans Peter Tipp mit Trainer Emir Kurtagic vom Handball-Zweitligisten TuS N-Lübbecke.

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Sind Sie mit der aktuellen Zwischenbilanz zufrieden?

Rehling: Besser geht es fast gar nicht. Ich gebe aber zu, dass wir insgeheim darauf gehofft hatten, denn wir wussten, wie stark unsere Mannschaft ist. Trotzdem ist es überraschend, dass wir jetzt da stehen, wo wir stehen.

 

Ist nach diesem ersten Saisonteil noch eine Steigerung möglich?

Rehling: Ich bin davon überzeugt, dass wir in die Playoffs der besten sechs der zehn Erstligateams in Deutschland einziehen werden. In den noch ausstehenden sechs Spielen wollen wir den dritten Platz erobern und damit auch der Konkurrenz das Signal geben, dass wir die dritte Kraft im deutschen Basketball sind. Außerdem hätten wir als Ligadritter in der ersten Playoff-Runde den Heimvorteil auf unserer Seite. Dort ginge es dann darum, das Halbfinale um die deutsche Meisterschaft zu erreichen – aus meiner Sicht ist das ein realistisches Ziel.

 

Wie wichtig ist die Auftaktpartie im neuen Jahr am kommenden Samstag, wenn um 18 Uhr der punktgleiche Tabellendritte aus Hannover in der Sporthalle Rahden erscheint?

Rehling: Es wird sehr wichtig für uns sein, gegen den direkten Konkurrenten sofort einen Akzent zu setzen. Natürlich ist da in den vergangenen Jahren eine gesunde Rivalität zu unserem geografisch nächsten Bundesliganachbarn entstanden. Auch deshalb ist es angesagt, endlich mal wieder gegen Hannover einen Sieg einzufahren.

 

Sie stehen nicht nur für maximalen Erfolg in der Bundesliga, Ihr Blick geht auch nach Europa. Mitte März richtet Rahden eine Vorrunde im Europapokal aus. Welchen Chancen rechnen Sie sich dort aus?

Rehling: Im Euro Cup 3 werden wir zwei italienische Teams, eine türkische Mannschaft von der Insel Zypern und ein russisches Team zu Gast haben. Ich gehe davon aus, dass wir in dieser Vorrunde gute Chancen haben, zu bestehen und uns für die Endrunde in diesem europäischen Wettbewerb zu qualifizieren.

 

Wie abhängig sind die Baskets vom niederländischen Weltklasse-Spielmacher Mustafa Korkmaz, der nicht nur geschickt Regie führt, sondern mit 224 Punkten bester Werfer des Teams ist?

Rehling: Glücklicherweise nicht so sehr, wie wir zu Beginn dieser Saison noch erwartet hatten. Gerade die beiden Spiele, in denen Mustafa wegen eines Autounfalls verletzt gefehlt hat, haben gezeigt, dass die Mannschaft schon jetzt gewisse Dinge kompensieren kann. Aber Mustafa ist individuell einfach sehr stark, unglaublich wendig und in jeglicher Hinsicht die Galionsfigur in der Truppe. Vor allem aber hilft er den anderen, in ihrer Entwicklung voranzukommen.

Zur Person

Name: Stephan Rehling

Geburtsdatum: 14. Oktober 1963

Geburtsort: Rahden

Familienstand: verheiratet, drei Kinder (17, 29 und 33 Jahre)

Beruf: Reha-Berater

Im Rollstuhl seit: 1981 – querschnittsgelähmt nach einem Motorradunfall

Funktion im Verein: Vorsitzender, Spieler, Vereinsgründer

Größte Erfolge mit den Baskets: Aufstieg in die erste Bundesliga (2017 und 2019), Aufstiege in die zweite Bundesliga mit der ersten Mannschaft (2013) und der zweiten Mannschaft (2019)

Größte Erfolge als Spieler: zweimal deutscher Vizemeister, einmal DM-Dritter, zweifacher Pokalfinalist (alles mit dem USC Münster)

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Mit der Niederländerin Bo Kramer spielt eine aktuelle Welt- und Europameisterin in ihren Reihen, die auch für die Paralympics in Tokio in diesem Jahr gesetzt ist. Was zeichnet sie aus?

Rehling: Bo Kramer ist mit gerade einmal 21 Jahren schon sehr erfahren. Man sieht, dass sie schon viele Spiele in der Nationalmannschaft absolviert hat. Inzwischen lässt sie sich auch von erfahreneren Spielern nicht mehr so schnell beeindrucken. Wie sie in der Hinrunde gespielt und getroffen hat (im Schnitt 10,1 Punkte pro Spiel, Anmerkung der Redaktion), davor muss man den Hut ziehen.

 

Haben Sie Sorgen, dass die Ligakonkurrenten Rahden um Spieler dieser Qualität nicht nur beneiden, sondern sie abwerben?

Rehling: Diese Sorge besteht immer, aber das ist doch überall im Spitzensport so: Wer mehr bieten kann, wird am Ende der Gewinner sein. Gerade deshalb gilt es für uns, die Augen ständig offenzuhalten, um eventuelle Abgänge mit jungen Spielern wieder kompensieren zu können.

 

Was können die Rahdener bieten und die Konkurrenz nicht?

Rehling: Das ist eine ganze Menge: Wir sind bekannt dafür, dass wir für eine gute Stimmung in der Mannschaft sorgen und für beste Rahmenbedingungen, um leistungsorientiert Basketball spielen zu können. Außerdem wird bei uns die Gemeinschaft großgeschrieben: Wir sind ein sehr familiärer Haufen. Und das ist wirklich etwas Außergewöhnliches. Das haben die meisten Spieler woanders so noch nicht kennengelernt.

 

Bei all den großen Zielen für diese Saison: Gibt es zum jetzigen Zeitpunkt schon Pläne, wie die Baskets 2021 im Jahr ihres 25-jährigen Bestehens dastehen wollen?

Rehling: Ich schätze mal, dass unser Trainer zum Jubiläum die deutsche Meisterschaft anpeilt. Aber ganz ehrlich: Den Titel halte ich für utopisch. Aber mit den Baskets 96 Rahden in das Endspiel um die Deutsche Meisterschaft einzuziehen, das wäre sicherlich eine Riesensache.

 

Nur in der Spitze besuchen 150 Zuschauer die Heimspiele in Rahden. Worauf führen Sie die Zurückhaltung zurück?

Rehling: Das liegt sicherlich daran, dass der Basketballsport in Rahden noch nicht so populär ist wie andernorts. Aber es hat auch damit zu tun, dass es um Rollstuhlbasketball geht. Viele können sich noch immer nicht vorstellen, dass im Rollstuhl Spitzensport möglich ist.

 

Die Baskets leisten sportlich Vorzügliches und machen für Rahden beste Werbung. Wünschen Sie sich mehr Anerkennung für die Arbeit des Vereins?

Rehling: Auf jeden Fall. Während unser Bürgermeister sehr wohl die positiven Effekte sieht, ist es bei vielen Rahdenern wohl immer noch ein „no go“, zu unserem Sport zu kommen.

 

Woran könnte das liegen – ist es eine Art der Diskriminierung von Behinderten oder einfach nur mangelnde Akzeptanz?

Rehling: Für mich ist das eine gedankliche Diskriminierung.

 

Und wie bekommt man die aus den Köpfen heraus?

Rehling: Indem man die Menschen peu à peu davon überzeugt, mal den Gang in die Halle zu wagen. Da kann sich jeder davon überzeugen, dass es sich beim Rollstuhlbasketball auf diesem Niveau um Spitzensport und nicht um Rehasport handelt.

 

Was macht aus Ihrer Sicht den Reiz des Basketballs im Rollstuhl aus?

Rehling: Die Dynamik, die in diesem Sport steckt, dessen Regelwerk nahezu Eins-zu-Eins dem Fußgängerbasketball entspricht, ist einfach faszinierend. Tempo und Athletik haben sich in den vergangenen Jahren einerseits durch die technische Entwicklung der Rollstühle und andererseits durch die Teilnahme von Minimal- beziehungsweise Nichtbehinderten rasant entwickelt. Da ist ein ganz anderes Tempo reingekommen.

 

Zudem ist Rollstuhlbasketball eine der integrativsten Sportarten überhaupt – ein besonders großes Plus?

Rehling: Mit Sicherheit. Unser Sport ist total integrativ, integrativer geht nicht. Es spielen Männer und Frauen zusammen, Jung und Alt, Menschen mit und Menschen ohne Behinderung zusammen. Das hat die gesamte Sportart belebt und auch die Sportler mit Behinderung weitergebracht.

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