Sebastian Dietz hat die Verlegung der Paralympics nach dem ersten Frust akzeptiert Das Gold-Triple muss warten

Hüllhorst (WB). Jeder Mensch hat seine eigene Geschichte. Jeder Mensch wird während seines Lebens mit Schicksalsschlägen konfrontiert, das ist fast unausweichlich. Eine entscheidende Frage für den Weg des Lebens ist wohl, wie man mit solchen Rückschlägen umgeht. „Ganz oder gar nicht...“ sind die Worte von Sebastian Dietz in einem Kurzporträt auf „Youtube“. Dieses Motto hat er auf seinem Weg zu zwei paralympischen Goldmedaillen verinnerlicht und spricht von „Schutzengeln und einem starken Willen“, die ihn begleitet haben.

Von Linus Brüggemann
Frust statt Jubel: Der Hüllhorster Sebastian Dietz muss ein Jahr länger als geplant für die Paralympics in Tokio trainieren. Dort peilt er die dritte Goldmedaille an.
Frust statt Jubel: Der Hüllhorster Sebastian Dietz muss ein Jahr länger als geplant für die Paralympics in Tokio trainieren. Dort peilt er die dritte Goldmedaille an. Foto: WB

2004 ist Sebastian Dietz 19 ­Jahre alt und in einen schweren Autounfall verwickelt. Er erleidet selbst schwerste Verletzungen, ist halbseitig gelähmt. Zunächst kann er nicht laufen. Doch er kämpft sich zurück ins Leben: Bereits elf ­Wochen nach dem Unfall kann Dietz durch ein intensives Rehaprogramm schon wieder selbstständig gehen. „Vor allem meine Eltern haben mich in der Zeit ­immer wieder animiert, Sport zu machen. Ich hatte in der Zeit nach dem Unfall viele Probleme mit mir selbst, aber letztendlich setzten meine Eltern sich durch“, blickt Dietz in einem anderen Youtube-Beitrag zurück.

Talentierter Fußballer, bärenstarker Leichtathlet

Ein Leben ohne Sport kennt er auch nicht. Schon in seiner Jugend verbringt der gebürtiger Pfälzer, der vor Jahren in Bröderhausen sesshaft geworden ist, jeden Tag auf dem Sportplatz. Der talentierte Fußballer spielt in mehreren Auswahlmannschaften und ist auf dem Weg in den bezahlten Sport. Der Unfall verhindert einen ­solchen Werdegang und führt Dietz mit Hilfe seines Trainers Wojtek Czyz stattdessen zur Leichtathletik. Diskuswurf und Kugel­stoßen kristallisieren sich als Parade-Disziplinen des jungen Sportlers heraus. Es folgen viele nationale Rekorde und 2012 der vorläufige Höhepunkt: Als Mitglied der BSG Bad Oeynhausen holt Dietz bei den Sommer-Paralympics in London die Goldmedaille im Diskuswurf (38,54 Meter). Vier Jahre später bei den Spielen in Rio gewinnt er erneut Gold – dieses Mal im ­Kugelstoßen mit einer ­Weite von 14,84 Metern.

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Aus sportlicher Sicht ist die Absage enttäuschend. Ich stehe aber absolut hinter der Entscheidung, da die Gesundheit der Menschen im Vordergrund steht.

Sebastian Dietz über die Verschiebung der Paralympics auf 2021

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Um das Triple perfekt zu ­machen, hat sich Dietz intensiv auf die Paralympics in Tokio vorbereitet – die nun erst 2021 stattfinden sollen. „Aus sportlicher Sicht ist die Entscheidung enttäuschend, da viele Athleten Zeit, Kosten und Mühen in die Vorbereitung gesteckt haben. Ich stehe aber absolut hinter der Entscheidung, da die Gesundheit der Menschen im Vordergrund steht. Vor allem die ­Wochen der Ungewissheit ohne eine klare Entscheidung sind für keinen Sportler schön, da er der Situation ausgeliefert ist und keinen Einfluss nehmen kann“, schildert Dietz seine Sicht der Dinge auf die Tokio-Verlegung aufgrund des Corona-Virus.

Gassi gehen ist für Sebastian Dietz eine willkommene Ablenkung. Foto: WB

Dietz befand sich zuletzt mit anderen Athleten in der Türkei in einem Trainingslager, steckte mitten in der Hochphase der Vorbereitung. „Es war eine ungewöhn­liche Situation, da die Ungewissheit einen begleitet hat. Für mich geht es nun darum, die Situation zu akzeptieren. Durch die Verlegung wird einem bewusst, dass es noch wichtigere Dinge gibt.“

Im Sommer übernimmt Dietz Trainer-Job in Hüllhorst

Neben dem Leistungssport verdingt sich der Paralympics-Held seit Jahren als Fußball-Trainer. Im Sommer erfolgt der Wechsel von den Landesliga-Frauen des SC Enger vor die eigene Haustür: Dietz übernimmt dann den SV Hüllhorst-Oberbauerschaft. Beim B-Ligisten will der „Local Hero“ die Dinge einbringen, für die er steht.

Zumal sich Leichtathletik und Fußball ergänzen können. „Ich versuche, die guten Inhalte aus der Trainingslehre zu übertragen und sie mit den Anforderungen des Fußballs zu verknüpfen. Vor allem im konditionellen und koordinativen Bereich kann der Fußball noch viel von der Leichtathletik lernen“, findet Dietz. Hier habe ein Wandel stattgefunden. „Für mich ist es ein unheimlich tolles Gefühl, mit der Mannschaft ein Ziel zu verfolgen und möglichst viele Potenziale zur Entfaltung zu bringen. Als Trainer bekomme ich zudem sehr viel zurück von meiner Mannschaft und es macht mir Freude zu sehen, wie sich ein Team-Spirit entwickeln kann.“

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Ich habe jetzt ein Jahr länger, um mich auf Tokio vorzubereiten. Dann gibt es also noch Zeit für Verbesserungen.

Sebastian Dietz sieht wie immer das Positive

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In Zeiten des Kontaktverbots durch Corona ist das Aufkommen eines solchen Spirits vorerst nicht möglich. Auch Dietz muss sich umstellen: In einer normalen ­Woche trainiert der gebürtige Pfälzer an sechs Tagen mindestens vier Stunden, dazu kommen Reha-Maßnahmen und eine äußerst ausgewogene Ernährung. „Natürlich gibt es harte Momente im Training und Tage, an denen es schwer fällt, sich zu motivieren. Die gibt es aber auch im Leben außerhalb des Sports und sind ein normaler Teil der Entwicklung. Wichtig ist, auch mal auf andere Gedanken zu kommen.“

Dietz will mit positiver Einstellung, Willen und Disziplin Vorbild für andere Sportler und junge Menschen sein. Sein großes Ziel verliert er nicht aus den Augen: „Ich habe mich vier Jahre auf Tokio vorbereitet, nun werden es fünf Jahre. Dann gibt es also noch Zeit für Verbesserungen“, blickt der 35-Jährige längst nach vorn.

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