Martin Derenthal zieht Bilanz seines ersten Jahres im Präsidium des FLVW
„Sportkreis betreibt beste Eigenwerbung“

Natzungen (WB). „Im Präsidium arbeiten wir vertrauensvoll, aber auch kontrovers miteinander. So wie es von uns erwartet wird“, sagt Martin Derenthal. Der 47-jährige Natzunger ist seit Juni 2019 Mitglied des Präsidiums des Fußball- und Leichtathletik-Verbandes (FLVW). Und das als erster Sportler aus dem Kreis Höxter. „Mein Aufgabenbereich ist das Schlagwort Digitalisierung. Die Arbeit ist hochinteressant und spannend“, sagt er und zieht im Gespräch mit Günter Sarrazin eine Bilanz seines ersten Jahres in der Chefetage des Fußballs in Westfalen. „So einfach ist es nicht“, betont er mit Blick auf das Thema „Absage der Saison“.

Montag, 04.05.2020, 03:30 Uhr aktualisiert: 04.05.2020, 13:52 Uhr
Vom Kreis Höxter nach Kaiserau: „Wo immer es für mich sachlich und moralisch vertretbar ist, nehme ich natürlich auch die Interessen unseres Kreises und unserer Vereine wahr“, sagt Martin Derenthal. Der 47-jährige Natzunger ist das erste FLVW-Präsidiumsmitglied aus dem heimischen Sportkreis.

Herr Derenthal, dürfen neben dem Kreisvorstand auch die Vereine Sie als unseren Mann in Kaiserau verstehen?

Martin Derenthal: Sicher, denn wo immer es für mich sachlich und moralisch vertretbar ist, nehme ich natürlich auch die Interessen unseres Kreises und unserer Vereine wahr. Wenn ich davon überzeugt bin, dass etwas sinnvoll und vorteilhaft ist, dann stehe ich auch dahinter. Aber die oft gut gemeinten Interessen Einzelner sind nicht immer auch für die Gesamtheit richtig oder durchsetzbar. Ich finde das auch nicht schlimm. Ein Vereinsvorstand darf und muss durchaus die Vereinsbrille aufsetzen. Im Kreis werden wir zurecht daran gemessen, wie wir die Interessen der Vereine in einem vorhandenen Umfeld möglichst ausgewogen miteinander in Einklang bringen. Das ist auf der nächst höheren Stufe noch einmal eine ganz andere Gemengelage. Man sollte jedoch nicht erwarten, dass ich da Wunder bewirken könnte.

Welche Aufgaben und Möglichkeiten hat man als Beisitzer des FLVW-Präsidiums?

Derenthal: Während des Verbandstages im Juni 2019 in Kamen wurden erstmals zwei Beisitzer neu gewählt. Richtiger ist aber die Bezeichnung „Präsidiumsmitglied mit besonderer Aufgabenstellung“. Alle Präsidiumsmitglieder haben eine gewisse Ressortzuständigkeit. Bei den Vizepräsidenten ergibt sich das schon aus ihrer Positionsbezeichnung, zum Beispiel Amateurfußball, Jugend, Leichtathletik, Finanzen und Vereins- und Verbandsentwicklung. Konkretisiert wird es dann über einen Geschäftsverteilungsplan, den das Präsidium eigenverantwortlich abstimmt. Mein Aufgabenbereich ist das Schlagwort Digitalisierung. Darunter versteht sicher jeder etwas, doch von allen anderen Ressorts ist es nicht richtig klar abgegrenzt. In erster Linie möchte ich, dass Prozesse innerhalb der Organisation sowie von und mit Vereinen und Kreisen hinterfragt werden, ob sie nicht schlanker, effizienter und einfacher laufen könnten. Die Arbeit ist hochinteressant und spannend

Wie schnell haben Sie in das neue Amt gefunden? Wie sind die Arbeitsabläufe?

Derentahl: Natürlich musste auch ich erst einmal in die Strukturen und Abläufe hineinfinden. Auch wenn ich als stellvertretender Sportkreisvorsitzender durchaus schon viel mitbekommen habe und nicht ganz neu bin, ist die Arbeitsebene doch noch einmal eine andere. Beschlussvorlagen werden vorbereitet und in der Regel in den monatlich stattfindenden Sitzungen besprochen und beschlossen. Darüber hinaus gibt es zwei Sitzungen gemeinsam mit den Kreisvorsitzenden. Das ist die sogenannte Ständige Konferenz.      Mit meiner Kommission Digitalisierung habe ich mich bisher in einem Präsenztermin getroffen. Wir haben uns dann darauf verständigt, möglichst per Videokonferenz zu tagen. Das spart Zeit und Geld. Darüber hinaus gibt es viele weitere Termine, zum Beispiel Veranstaltungen, Auszeichnungen, den Verbandstag des Westdeutschen Fußball-Verbandes, den Bundestag des Deutschen Fußball-Bundes und vieles mehr.

Wie lautet Ihr Fazit nach dem ersten Jahr im Amt?

Derenthal: Ich versuche noch immer, mir einen möglichst guten Überblick zu verschaffen. Dabei helfen mir die Kolleginnen und Kollegen im Präsidium und im Hauptamt in Kaiserau sehr. Das ist schon eine gute Mannschaft. Es ist aber manchmal noch immer ein seltsames Gefühl, wenn man zum Beispiel in der Ständigen Konferenz plötzlich als Präsidiumsmitglied auf der anderen Seite sitzt. Bisher kannte ich das nur als stellvertretender Kreisvorsitzender Höxter und zuvor Warburg. Und ich kenne die meisten der Kolleginnen und Kollegen ja zum Teil bereits seit vielen Jahren.     Ich bin davon überzeugt, dass wir alle immer den Nutzen für unsere Vereine im Blick haben. Dass es manchmal unterschiedliche Auffassungen darüber gibt, wie das erreicht werden kann, liegt in der Natur der Sache. Es wäre schlimm, wenn es anders wäre. Nur wenn man auch mal kon­trovers diskutiert, kann man sich und seine Organisation weiterentwickeln. Ich habe aber bislang immer einen respektvollen Umgang miteinander erlebt, auch wenn man in der Sache manchmal unterschiedlicher Meinung ist.

Hatten Sie sich etwas anders vorgestellt? Hat Sie etwas überrascht?

Derenthal: Tatsächlich hat mich die professionelle Organisationsstruktur des Verbandes, also der Sportschule, des Sporthotels und der Verwaltung überrascht. Der FLVW ist durchaus ein mittelständisches Unternehmen mit fast 200 Mitarbeitern. Dementsprechend müssen Organisation und Führung auch anders laufen, als man es in unseren normalen Vereinen gewohnt ist. Das macht es erforderlich, sich mit diesen Strukturen intensiv zu befassen und die Abhängigkeiten und Zuständigkeiten zu verstehen und zu beachten.

Welchen Stellenwert hat der Sportkreis Höxter in Kaiserau?

Derenthal: Ich möchte keinen Wettbewerb unter den Kreisen schüren, das wäre unkollegial. Ich nehme aber schon wahr, dass der Kreis Höxter nicht – oder nicht mehr – als Provinz angesehen wird. Der gesamte Sportkreis hat in den vergangenen Jahren beste Eigenwerbung betrieben. Die Kreisfusion im Jahr 2013 war ein Meilenstein. Dieser hat im gesamten Verbandsgebiet Anerkennung gefunden. Das Wort unseres Kreisvorsitzenden Hermann Josef Koch hat Gewicht. Mit Doris Tappe haben wir erstmals eine hauptamtliche Kraft in der Geschäftsstelle installiert – ein echter Glücksgriff darf ich sagen. Die Frauen des SV Bökendorf und die Jugendmannschaften der Spielvereinigung Brakel sind sportliche Aushängeschilder des Kreises. Mit Jessica Hildebrandt haben wir die erste Schiedsrichter-Chefin im FLVW. Die Meinung unserer Ausschussvorsitzenden, sei es Fußball, Jugend oder Leichtathletik werden geschätzt und wahrgenommen. All das – und noch viel mehr – macht unseren Kreis Höxter aus.

Was sagen Sie zum langen Weg bis zum vorzeitigen Ende der aktuellen Fußball-Saison?

Derenthal: Ich war lange Zeit selbst aktiv, sei es als Spieler oder Vereinsvorstand. Daher kann ich sehr gut verstehen, dass jeder eine schnelle Lösung wünscht. Aber so einfach ist es nicht. Es ist wie in der Politik: Lautsprecher und Populisten bieten mit starken Worten einfache Antworten auf schwierige Themen. Aber das ist kein Niveau, auf dem wir uns bewegen sollten. Aktuell gibt es ein Szenario wie noch nie. Oder wie es unsere Bundeskanzlerin ausdrückte „nicht seit dem Zweiten Weltkrieg“. Und etwas in dieser Dimension in Satzungen und Ordnungen vorauszuplanen, macht meines Erachtens weder Sinn, noch wäre es im Regelbetrieb hilfreich. Jetzt klug zu sagen, „das hätte man doch planen müssen“, ist wenig hilfreich. Wir müssen Entscheidungen sachlich und mit Vernunft gegeneinander abwägen. Das gilt in einer solch außergewöhnlichen Situation umso mehr. Und das braucht Zeit.

Wer trägt jetzt besondere Verantwortung bei der Entscheidungsfindung?

Derenthal: Ausdrücklich möchte ich einmal eine Lanze brechen für die Kolleginnen und Kollegen im Präsidium und in allen Gremien und Positionen, die in der ersten Reihe stehen. Zum Beispiel ist Manfred Schnieders, Vizepräsidenten Amateurfußball und Vorsitzender des DFB-Spielausschusses, aktuell praktisch den ganzen Tag über in Video- oder Telefonkonferenzen. Auch Holger Bellinghoff (Vizepräsident Jugend), Peter Westermann (Vizepräsident Leichtathletik) unser Präsident Gundolf Walaschewski, die Mitglieder des Verbands-Fußball- und des Verbands-Jugend-Ausschusses und die Stabsstelle Kommunikation des FLVW machen einen hervorragenden Job. Die Verantwortlichen in den Kreisen, in anderen Landesverbänden und beim DFB – sie alle müssen unter ständig wechselnden Bedingungen agieren, planen und entscheiden. Der Druck ist enorm, und ich hoffe auf Verständnis, dass wir nicht mit „Trump´scher Hau-Drauf-Rhetorik“ einfach nach vorn preschen wollen und können.

Wie erleben Sie persönlich diese Zeit der Corona-Pandemie?

Derenthal: Ich bin beruflich seit dem 13. März im Home-Office. Das macht es tatsächlich schwieriger, sich mit Kolleginnen und Kollegen abzustimmen. Was sonst im Tagesgeschäft zugerufen wurde, muss jetzt per Telefonkonferenzen, Mail, Sametime oder auf anderen medialen Wegen besprochen und weitergegeben werden. Aber es klappt alles recht gut. Persönlich fand ich eines der ersten Interviews mit Jogi Löw sehr treffend. Er sagte da unter anderem, dass die Welt einen kollektiven Burnout erlebt habe. Ich denke, dass die Spirale des „immer höher, schneller, weiter“ nicht mehr haltbar war. Zudem wurden Gewalt, Hass und Hetze in der Gesellschaft immer salonfähiger. Wenn man dem Virus etwas Gutes abgewinnen möchte, so scheint es, als ob es das ein wenig eingefangen hätte. Ich befürchte nur, dass wir alles sehr schnell wieder vergessen haben werden. Das zeigt im Fußball bereits manche Emotionalität beim Thema Saisonabbruch beziehungsweise Fortsetzung.

Was glauben Sie, wann es mit dem Fußball weitergeht?

Derenthal: Nicht vor der Verfügbarkeit eines Impfstoffs oder wenigstens akut wirkender Medikamente und Behandlungsmöglichkeiten. Die Politik hat bisher einen wirklich guten Job gemacht. Ich hoffe und bin davon überzeugt, dass sie diesen Weg auch weiterhin einhält. Natürlich hänge ich am Fußball. Er erfüllt auch eine wichtige gesellschaftliche Funktion. Daher hoffe ich natürlich auf einen baldigen Neustart. Aber es gibt Wichtigeres. Und ich möchte nicht, dass unser Sport dazu führt, dass Ärzte, Pflegerinnen und Pfleger und alle, die in irgendeiner Weise in medizinischen Berufen tätig sind, das auszubaden haben, was wir möglicherweise leichtfertig verbocken. Es gilt, Augenmaß und Vernunft zu wahren. Ich wäre schon zufrieden, wenn wir in diesem Jahr noch einmal starten könnten.

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