Sportwissenschaftler warnen in Corona-Zeiten vor einer Talentlücke
Verlierer der Pandemie

Kreis Höxter (WB/üke) -

Keine Wettkämpfe, kaum Training und wenig Motivation: Weltweit bremst die Corona-Pandemie den Nachwuchssport und den Nachwuchs-Leistungssport aus. Prof. Dr. Jochen Baumeister, Leiter der Arbeitsgruppe Trainings- und Neurowissenschaften im Department Sport & Gesundheit der Universität Paderborn, warnt vor einer „gravierenden Talentlücke, die sich über nahezu alle Sportarten erstrecken wird“.

Sonntag, 28.02.2021, 19:13 Uhr aktualisiert: 28.02.2021, 19:16 Uhr
Prof. Dr. Jochen Baumeister ist Leiter der Arbeitsgruppe Trainings- und Neurowissenschaften. Foto: Besim Mazhiqi/Uni

Durch die Absage von Meisterschaften und das Aussetzen des Ligabetriebs fehle es vielen Nachwuchssportlerinnen und -sportlern an Wettkampfpraxis. Das wirke sich verheerend auf die Leistungsentwicklung aus. „Durch die Schließung von Sportanlagen können die jungen Sportler nicht sportartspezifisch trainieren. Dabei fehlen schlichtweg die Alternativen“, sagt Baumeister. Besonders betroffen seien die Hallen-Mannschaftssportarten wie Hand- und Basketball oder Hockey. Auch der Schwimmsport leide unter der Schließung der Hallenbäder.

Motivationsprobleme

Prof. Dr. Miriam Kehne, Leiterin des Arbeitsbereiches Kindheits- und Jugendforschung im Sport an der Universität Paderborn, befürchtet, dass dies mitunter auch zu Motivationsproblemen führt: „Wir gehen davon aus, dass sich die Pubertätsfalle im Leistungssport noch verschärft.“ Auch ohne Pandemie würden sich die Interessen von Jugendlichen in der Pubertät oftmals weg vom Sport bewegen. Das betreffe in erster Line Mädchen.

Die beiden Wissenschaftler raten daher, Öffnungskonzepte zu entwickeln, die so viel Sport wie vertretbar ermöglichen. „Einzelne Vereine sind hier schon auf einem guten Weg“, sagt Baumeister. „Trainerinnen und Trainer sind mitunter sehr kreativ, wenn es darum geht, Kinder und Jugendliche durch virtuelle Sportangebote in Bewegung zu halten. Das ersetzt aber nicht das Training in der Sportart. Alle Beteiligten des organisierten Sports müssen jetzt unkonventionell nach Lösungen suchen, die nach Wiedereröffnung der Sportanlagen direkt umgesetzt werden können.“

Zeit fehlt

Baumeister blickt dabei auf eine besondere Gruppe von Nachwuchssportlern: „Der reguläre Sportbetrieb findet seit nunmehr einem Jahr nicht statt. Vor allem die Altersgruppe der Zwölf- bis Vierzehnjährigen könnte zu den großen Verlierern gehören. Denn in diesem Alter wird die Grundlage für später notwendige situative Bewegungskoordination und damit Technik und Taktik gelegt. Unsere Untersuchungen in Nachwuchsleistungszentren im Handball und Fußball zeigen, dass technische und taktische Leistungen unter Zeit- und Entscheidungsdruck darüber entscheiden, ob Kinder und Jugendliche den Sprung in den Leistungssport schaffen. Diese Entwicklungszeit haben die Kinder und Jugendlichen schlichtweg nicht. Um es auf den Punkt zu bringen: Die coronabedingt fehlende Trainingsmöglichkeit führt zu einer Talentlücke mit einem Leistungsdefizit, das sich nur schwer wieder aufholen lässt. Kinder und Jugendliche müssen so schnell wie möglich wieder raus aus dem virtuellen Raum und gemeinsam spielen und trainieren.“ Der Wissenschaftler befürchtet, dass das Leistungsniveau ohne Gegensteuerung sportartenübergreifend sinkt.

„Es müssen innovative Ideen und neue Konzepte her, um die Lücke nicht zu groß werden zu lassen“, so auch ­Prof. Dr. Miriam Kehne.

Ein Kommentar von Jürgen Drüke

Kein Sport – und wenn überhaupt nur virtuell. Kinder und Jugendliche befinden sich in Zeiten von Corona in der Bewegungsfalle. Wenn im verschärften Lockdown zudem zum zweiten Mal innerhalb eines Jahres der Hin- und Rückweg zur Schule ebenfalls nicht auf dem Plan steht, nehmen die Corona-Pfunde bei den Jüngsten zu. Das Smartphone gewinnt in der Pandemie noch mehr an Bedeutung. Smartphone statt Sport – das birgt eine Menge Konfliktpotenzial und Gesundheitsgefahren in sich. Sport-Wissenschaftler fordern auch wegen der mangelnden Talentförderung Konzepte für Öffnungen. Das ist gut so. Die Jugend ist die Zukunft. Der Blick ist im Sport schließlich immer gezielt nach vorne gerichtet.

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