EM-Fahrer auf Spurensuche: 18 Jahre nach dem Angriff auf Nivel Ein vergessener Ort

Lens (WB/lvs). Sechs Freunde aus Herford, Enger und Bad Salzuflen sind bei der Fußball-EM in Frankreich dabei. Lars Sundermann widmet sich in Lens einem der dunkelsten Kapitel der deutschen Fußball-Geschichte:

In dieser Straße in Lens wurde der Gendarm Daniel Nivel von deutschen Hooligans während der Fußball-Weltmeisterschaft 1998 angegriffen.
In dieser Straße in Lens wurde der Gendarm Daniel Nivel von deutschen Hooligans während der Fußball-Weltmeisterschaft 1998 angegriffen. Foto: Sundermann

»Da stehe ich nun. In der Straße, in der vor 18 Jahren einen schrecklicher Vorfall gab. ›Eine nationale Schande‹, bezeichnete sogar Bundeskanzler Helmut Kohl den 21. Juni 1998. Während des Spiels Deutschland gegen Jugoslawien bei der Weltmeisterschaft prügelten deutsche Hooligans in der Rue Romuald Pruvost den Gendarm (Polizeigruppe) Daniel Nivel aufs Brutalste nieder. Tritte gegen Kopf und Körper – der damals 43-Jährige lag vier Wochen im Koma, von den Schäden am Gehirn hat er sich nie erholt. Bis heute ist Daniel Nivel auf einem Auge blind, das Sprechen fällt ihm schwer.

Jetzt, 18 Jahre später, ist Deutschland zum ersten Mal wieder bei einem Turnier in Frankreich, dem Spielort Lens blieb und bleibt die Mannschaft von Joachim Löw jedoch fern. Vermutlich ist dies auch besser so. Zu immens wäre die mediale und polizeiliche Begleitmaßnahme wohl gewesen. Denn an diese Tat möchten die Franzosen nicht erinnert werden – so scheint es zumindest.

Die Stelle, an der Nivel niedergeschlagen wurde, existiert nicht mehr. Dort wurden neue Bäume gepflanzt. Die Häuser, die noch stehen, sehen jedoch noch so aus wie vor 18 Jahren. Ob es irgendwo eine Gedenkstätte gibt, möchte ich wissen. Fragende Blicke bekomme ich als Antwort vom Kioskbesitzer in der Rue Romuald Pruvost, der gerade Würstchen für die portugiesischen und kroatischen Fußballfans brät. Vom Namen Nivel hat er angeblich auch noch nie etwas gehört.

Die Stadt Lens hat kaum mehr als 30.000 Einwohner. Eine solche Bluttat müsste doch in aller Munde sein. Missachtung gleich Vergessen? Während ich auf der Suche nach Relikten dieses Dramas bin, feiern Fußballfans ausgelassen auf den Straßen. Vielleicht ist es für alle Beteiligten das Beste, dass nichts an 1998 erinnert. Für das Turnier und die Stimmung von Vorteil, für die Familie Nivel eine Schande. Der Gendarm selbst hat laut eigener Aussage keine Erinnerungen mehr. Die Täter kamen nach langen Haftstrafen frei, ›doch Daniel haben sie die Freiheit für immer genommen‹, sagte einst Ehefrau Lorette Nivel.

Leider sind bei diesem Turnier weitere Orte jener Härte dazugekommen. Ob russische, englische, deutsche oder polnische Hooligans, sie trieben ihr Unwesen in vielen Städten. Es bleibt zu hoffen, dass nichts mehr passiert und man sich auf das Wesentliche konzentrieren kann: den Fußball.«

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