Fußball: Weite Wege und teure Getränke sorgen bei Fans für Frust EM-Lust kaum zu spüren

Herford (WB). »Die Welt zu Gast bei Freunden« – mit jenem Motto bewarb Deutschland 2006 die Fußball-Weltmeisterschaft. Weltoffen und freundlich präsentierte sich das Land. Jetzt, zehn Jahre später, ist der halbe Kontinent wieder beisammen. Doch gilt das zehn Jahre alte Motto für Frankreich ebenfalls?

Einen langen Fußmarsch müssen die Fans bei der Fußball-Europameisterschaft in Kauf nehmen, um zum Stadion in Nizza zu gelangen.
Einen langen Fußmarsch müssen die Fans bei der Fußball-Europameisterschaft in Kauf nehmen, um zum Stadion in Nizza zu gelangen. Foto: Sundermann

Wirklich bejahen kann ich das nicht. Gerade in Paris, der Stadt der Liebe, erfährt man in diesen Tagen wenig bis gar keine Amour seitens der Einheimischen. Hektik auf den Straßen, überforderte Bedienungen und maßlos übertriebene Preise. Für diese sind zugegebenermaßen auch die randalierenden Fans verantwortlich, die sich nicht wie Freunde benommen haben. In Folge der Hooligan-Ausschreitungen sprach die französische Regierung für die meisten Spiele ein generelles Alkoholverbot aus. Supermärkte und Kioske durften beispielsweise wenige Stunden vor dem Spiel der Deutschen gegen die Nordiren kein Bier mehr verkaufen.

Offiziell war dies für die Kneipen auch verboten. Doch jene trieben den Preis einfach in die Höhe und machten wohl das Geschäft ihres Lebens. Ein Bier unweit des Prinzenparks in Paris kostete dann schnell elf Euro. Ähnlich verhielten sich die Wirte in Nizza vor dem Spiel Schweden gegen Belgien. Hier kostete ein Bier zwar »nur« acht Euro in den Bars, doch ihre Monopolstellung hatten sie sicher. »Ich habe das Bier im Regal stehen, darf es aber nicht verkaufen. Und die Kneipen da drüben missachten die Regeln. Mir ist das zu gefährlich«, klagte mir ein Kiosk-Besitzer in Nizza sein Leid und zeigte mir einen sechsseitigen Brief der Regierung mit den drohenden Konsequenzen bei Missachtung.

Doch nicht nur beim Verkauf des Alkohols scheinen die Verantwortlichen nicht über den Tellerrand geguckt zu haben. Das Stadion in Nizza befindet sich sehr weit außerhalb und ist für alle Fans aus der Stadt nur mit einem Shuttle-Bus zu erreichen. Normale Erfrischungsgetränke waren in den Bussen verboten und nach 20 Minuten Fahrt mussten noch einmal knappe 25 Minuten zu Fuß zum Stadion zurückgelegt werden.

Bei sengender Hitze (weit über 30 Grad) an der Cote d’Azur blieb einem nach dem Fußmarsch auf heißem Asphalt und ohne Schattenplätze nur der Gang an die Verkaufsstände im Stadion, von denen einige doch tatsächlich vor dem Spiel kein Wasser mehr vorrätig ­hatten.

Es ist überall zu spüren, dass die Franzosen nicht die große Lust auf dieses Turnier haben. Einzig der Erfolg der heimischen Équipe Tricolore hält aktuell die Stimmung im Land aufrecht. Ein Ausscheiden könnte den Stimmungsfaktor in die falsche Richtung lenken. Wie gut, dass ein Treffen mit der deutschen Elf erst im Halb­finale möglich ist.

Kommentare

Diese Diskussion ist geschlossen. Kommentieren ist nicht mehr möglich.