Weltklasse-Schrittmacher Christian Dippel (70) und sein Rücktritt vom Stehersport Körper hat Dippel signalisiert: Hör auf!

Bielefeld (WB). Am 26. Mai beginnt auf der denkmalgeschützten Bielefelder Radrennbahn die Steher-Saison. Für Christian Dippel hält der Leineweberpreis in seinem »Wohnzimmer« eine emotionale Revision parat. Es wird das erste Heimrennen nach seinem Rücktritt sein. Der Weltklasseschrittmacher, der seit 1970 über die Bahnen rotierte, hat seine erfolgreiche Karriere beendet.

Von Jörg Manthey
Aufgabe des Schrittmachers: Windschatten erzeugen. Christian Dippel gilt als einer der Erfolgreichsten seiner Zunft.
Aufgabe des Schrittmachers: Windschatten erzeugen. Christian Dippel gilt als einer der Erfolgreichsten seiner Zunft. Foto: Thomas F. Starke

Steherrennen sind eine ungewöhnliche Kombination aus muskel- und motorgetriebener Zweiradkunst, eine mit großer Vergangenheit. Windschattenspender Christian Dippel, inzwischen 70 Jahre alt, gehört zu den Urgesteinen dieser Spezies. Gehörte. Der Schnauzbart hat im März nicht ganz freiwillig abgedankt. Der Körper hat ihm signalisiert: Hör auf! Dippel wollte dieses Jahr eigentlich als Abschiedstournee zelebrieren. »Das ist voll in die Hose gegangen«, sagt er finster.

Vier Wochen lang im Krankenhaus

Schon im Januar hatte das Schicksal etwas dagegen. Sein schwerer Sturz beim Dernyrennen am ersten Abend der Berliner Sixdays mit Bruch des linken Oberarms, mehreren Rippenbrüchen, einer Verletzung an der Milz sowie an den Bändern an der Halswirbelsäule durchkreuzte sämtliche Pläne. Vier Wochen lag er im Unfallkrankenhaus Berlin. Nach mehreren Operationen erklärte seinen Rücktritt vom aktiven Radsport.

Nach zehn Wochen des Tragens ist die Halskrause erst seit neulich ab, und auch sonst spürt der Oldtimer manche Folgen des Unfalls, des ersten schlimmen überhaupt in seinem Dasein als Sportler, heute noch. »Ich hätte auch schon eher aufhören können. Aber es hat mir immer Spaß gemacht. Und du bleibst jung, wenn du mit jungen Leuten zusammen bist«, meint Dippel. Es gab einmal eine Altersbegrenzung für Schrittmacher, die lag bei 65 Jahren. Zwei Jahre fuhr er mit einer Sondergenehmigung, bis 67, ehe der Verband diese Regel ganz eliminierte.

Am Pfingstsonntag, 20. Mai, wird Christian Dippel auf der Forster Radrennbahn gebührend verabschiedet und in den Unruhestand geschickt. »Vielleicht kribbelt es nochmal, wenn die ersten Rennen kommen. Aber wenn Schluss ist, dann ist Schluss«, brummt der abgebrühte wie nervenstarke Senior, der auf einen WM-, zwei EM- sowie neun Deutsche Meistertitel zurückblickt.

Keine Lust mehr, sich »im Radsport zu quälen«

Ehe er in die Familie der Schrittmacher wechselte, war Dippel selber sechs Jahre auf Bezirks- und Landesverbandsebene als Rennfahrer auf Straße und Bahn sowie im Gelände als Querfeldeinfahrer aktiv. Für ganz oben sollte es aber nicht reichen. »Ich hatte irgendwann keine Lust mehr, mich für den Radsport zu quälen. Regenrennen haben mir gestunken. Und auf der Bahn, da bist du im Trockenen gefahren«, erläutert er seine Umorientierung.

1970 setzte er sich einfach auf eine Maschine und fing ohne Lizenz an zu trainieren. Der große Hennes Junkermann, der sich gerade auf die WM vorbereitete, erkannte mit Kennerblick das Talent des Neueinsteigers und heuerte ihn sofort an. 1976 wurde Christian Dippel mit Rainer Podlesch in Frankfurt/Main Deutscher Meister der Amateursteher. In den Achtzigern war er ganz oben auf dem Olymp. 1982 führte der Bielefelder Horst Schütz bei den Profi-Stehern zu EM-Gold. Zwei Jahre später feierte er in Barcelona mit dem Gewinn des Weltmeistertitels, ebenfalls mit Schütz, seinen größten Erfolg. »Da hatten wir Glück mit der Startposition. Ich brauchte nur aufzupassen, und Schütz ist gefahren. Der hat keinen Mucks gesagt.«

1997 folgte, mit dem Italiener Sabino Cannone an seiner Rolle, sein zweiter EM-Titel bei den Stehern. Danach kamen Carsten Podlesch, Stefan Klare und Jan Eric Schwarzer, die dank Dippels Können und Erfahrung Deutsche Meister wurden.

Genug Arbeit als Zugvogel-Vorsitzender

Langweilig wird es ihm nicht werden. Seit 2001 ist er 1. Vorsitzender des RC Zugvogel; ein Amt, das ihn fordert. Zusammen mit Matthias Acker bleibt er weiter Maschinenwart. »Ich habe immer an Mopeds rumgebastelt.« Zehn schwere Triumph-Schrittmachermaschinen (750 ccm, 49 PS) stehen an der Radrennbahn, Dippels zweitem Zuhause. Zwei Dernys sind sein persönliches Eigentum. Und die marode Bahn brauche immer wieder Zuwendung. »Da müssen Risse und Fugen neu vergossen werden. Das ist aus Gründen der Sicherheit unverzichtbar.«

Den lautlosen Männern auf den Donnerbüchsen wird er schon deshalb treu bleiben, weil Filius André (»Der hat sich alles abgeguckt«) die Familientradition fortsetzt. Christian Dippel hat seine Leidenschaft an den Junior weitergeben können, der auch schon zwei Europameistertitel eingesackt hat. »Ich guck mir das an, was die anderen falsch und gut machen. Ich erkenne das sofort.«

Beim Leineweberpreis am 26. Mai – ein freier Eintritt wie in den Vorjahren ist nicht mehr möglich, da Sponsoren abgesprungen sind – möchte er mehr als nur Zuschauer sein. »Vielleicht nehme ich unserem Sportlichen Leiter Stefan Klare die Fahne ab und winke die Jungs runter«, grinst er.

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