Thilo Günther startet beim »Pikes Peak Hillclimbing« in Colorado Der wilde Ritt auf den Berg

Bielefeld  (WB). Der krasse Spaß heißt offiziell »Pikes Peak International Hill Climb«. Ein Mythos. Für den Bielefelder Motorradrennfahrer Thilo Günther (37), längst mit seinem Team in Kalifornien gelandet, ist es die Kristallisation eines Lebenstraumes. Günther wird am 25. Juni im Kampf gegen die Uhr als einziger Deutscher den Pikes Peak in Colorado hochrasen, einen Berg der Rocky Mountains.

Von Jörg Manthey
Unikat: Der belgische Künstler Roland Groteclaes hat Thilo Günthers Pikes Peak-Helm lackiert. Hinten drauf sind auch die Schriftzüge von Freundin und Tochter verewigt; Kaja und Lina. Nach dem Rennen wird dieser Helm nicht mehr benutzt und erhält einen Ehrenplatz.
Unikat: Der belgische Künstler Roland Groteclaes hat Thilo Günthers Pikes Peak-Helm lackiert. Hinten drauf sind auch die Schriftzüge von Freundin und Tochter verewigt; Kaja und Lina. Nach dem Rennen wird dieser Helm nicht mehr benutzt und erhält einen Ehrenplatz. Foto: Jörg Manthey

Erst seit 2012 ist die über 1.440 Höhenmeter ansteigende Gipfelstraße durchgehend asphaltiert. Beim zweitältesten Rennen der USA (95. Auflage seit 1916) sind insgesamt 55 Autos und 31 Motorräder am Start. In der hubraumoffenen »Heavyweight Division«, der Königsklasse mit acht Teilnehmern, pilotiert Debütant Thilo Günther eine eigens für ihn aufgebaute BMW R 1200 R seines Partners Wunderlich. Neben dem sportlichen Heckumbau sind radikale Änderungen zur Leistungs- und Gewichtsoptimierung vorgenommen worden. Wunderlich hat das Boxer-Biest um 36 Kilogramm auf fahrfertig 195 Kilogramm abgespeckt, mit anderen Nockenwellen, Kolben, Pleuel und bearbeiteten Zylinderköpfen von 125 auf 143 PS getunt. Für den Fall der Fälle hat Wunderlich ein komplettes zweites Motorrad im Gepäck, das als Ersatzteillager dienen könnte.

Tipps von Walter Röhrl

1987, vor exakt 30 Jahren, hat Walter Röhrl auf seinem 600 PS starken Audi Sport quattro S1 das Bergrennen in Colorado gewonnen. Da passte es, dass die Rallye-Legende unlängst im Bielefelder Porsche-Zentrum weilte. Kurz vor seinem Abflug in die Staaten interviewte Thilo Günther den Altmeister und holte sich letzte Tipps ab. »Du musst immer wissen, wo du bist!«, mahnte Röhrl. Der Bayer wertete die Begegnung als »gutes Omen für dich.«

An der Belastungsgrenze: In der dünnen Luft oberhalb der Baumgrenze muss der Fahrer über ein gehöriges Maß an Kondition verfügen. Beim sauerstoffarmen Gipfelsturm werden die Reflexe langsamer, die Muskelkraft schwindet. Dazu verlieren die Saugmotoren ein Drittel ihrer Leistung. »Wir haben ein Höhenpaket eingebaut«, erläutert Günther. Der Industriemechaniker hat seit Monaten mithilfe einer Playstation versucht, sich die Besonderheiten der Piste einzuprägen. Das Spiel Dirt Rally gibt virtuell einen recht realitätsnahen Einblick in das, was ihn erwartet. »Super, um zu lernen. Besser als Video gucken. Du kannst sogar die Witterung simulieren. Aber natürlich gibt das Bild die Realität nicht eins zu eins wider. Du siehst weder die Beschaffenheit des Untergrunds noch die Ideallinie. Rumst es mal, fängst du auf der Konsole einfach wieder neu an. Das geht am 25. Juni nicht. Ich habe nur einen Versuch!« Thilo Günther hat im Schatten des Pikes Peak eine Woche, sich zu akklimatisieren. In dieser Zeit muss er sich einschärfen, wo er einlenken muss, wo die Bremspunkte sind.

156 Kurven

Zu der Bergbesteigung der besonderen Art werden etwa 35.000 Fans an der Serpentinenpiste erwartet. Start ist auf 2.866 Metern Höhe. Nach 19,988 teil furchteinflößenden Kilometern auf welligem Asphalt und insgesamt 156 Kurven erreichen die Fahrer den Gipfel auf 4.301 Meter Höhe, weit oberhalb der Baumgrenze. Daher hat Pikes Peak auch den Beinamen »Race to the clouds« (Rennen in die Wolken) oder auch »Spielplatz des Teufels«. Nicht überall sind Leitplanken. Für die BMW-Tuningschmiede Wunderlich mit Sitz in Sinzig ist Pikes Peak – angetrieben von einer Prise »Verrücktheit« – vor allem eine gigantische PR-Aktion. Schon der Verladetag des Motorrades auf dem Frankfurter Flughafen wurde regelrecht zelebriert. »Das war ein geiler Tag«, schwärmt Thilo Günther, der unter anderem im Cockpit Platz nehmen durfte.

Die Werksfahrer ärgern

Es wird ein wilder Ritt auf den Berg, und Günther will die Werksfahrer auch bestmöglich ärgern. Die bisherige Rekordzeit zu knacken – 9:52.819 Minuten, gehalten von Carlin Dunne (Ducati Multistrada) – ist aber nicht sein erstes Ansinnen. Traum hin oder her – Kopf und Kragen wird er nicht riskieren. »Safety first. Meine Rivalen sind da alle schon ein paarmal hochgefahren. Ich habe keinen Druck und bin einfach nur froh, dass ich da mitmachen darf, möchte heil durchkommen und möglichst nicht Letzter werden.« Und vielleicht kehrt er ja mit dem Pokal für den besten Rookie heim.

Seine schwangere Freundin Kaja (35) erwartet Mitte August ein Baby. Sie hat nach eigenen Angaben »kein gutes Gefühl«, weil sie auf Youtubefilmen gesehen hat, wie gefährlich dieses Rennen ist. »Ich halte nicht viel davon. Das ist echt risikoreich. Da brauchst du dich nur ein Mal zu verbremsen.« Ihrem Thilo hat sie ein Versprechen abgerungen. »Die Isle of Man wird er nie fahren. Das darf er nicht!«

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