Ex-Profi hat sich bewusst gegen den Fußball und für den Lehrerjob entschieden Tobias Rau – Raus aus der Scheinwelt

Bielefeld (WB). Tobias Rau könnte mit seiner Sporttasche auf dem Weg zum Training sein. Wie früher, als er für die Nationalmannschaft oder den FC Bayern München in der Champions League spielte, jeden Tag auf dem Trainingsplatz stand. Doch Rau (34) will nicht zum Fußballplatz, in seiner Sporttasche sind Lehrmaterialien für seine Schüler an der Mamre-Patmos-Schule in Bielefeld-Bethel.

Von Jannis Johannmeier
Hier fühlt er sich wohl: Der ehemalige Fußballprofi Tobias Rau ist Lehrer an der Mamre-Patmos-Schule in Bethel. Der 34-Jährige unterrichtet dort in den Fächern Sport und Biologie. Seine Karriere als Profi beendete Rau im Sommer 2009.
Hier fühlt er sich wohl: Der ehemalige Fußballprofi Tobias Rau ist Lehrer an der Mamre-Patmos-Schule in Bethel. Der 34-Jährige unterrichtet dort in den Fächern Sport und Biologie. Seine Karriere als Profi beendete Rau im Sommer 2009. Foto: Jannis Johannmeier

Rau ist raus aus dem Profi-Fußball. Er hat eine kurze, aber erfolgreiche Karriere hinter sich: Nach insgesamt 93 Bundesliga-Spielen und acht Länderspielen beendete Rau, der von 2005 bis 2009 bei Arminia unter Vertrag stand, im Juli 2009 mit nur 27 Jahren seine aktive Karriere als Profi. Eine bewusste Entscheidung gegen das Millionen-Geschäft Fußball. Stattdessen begann Rau ein Lehramtsstudium an der Universität Bielefeld mit den Fächern Sport und Erziehungswissenschaften. Rau hat sich entschieden – für den Lehrerberuf, gegen das System Profifußball. Überlegen musste der ehemalige Deutsche Meister und DFB-Pokalsieger für seinen Entschluss nicht lange.

Herr Rau, Sie haben im Sommer 2009 entschieden, Ihre Fußball-Karriere im Alter von nur 27 Jahren bei Arminia Bielefeld zu beenden. Wieso?

Tobias Rau: »Für mich war es genau der richtige Zeitpunkt und keineswegs zu früh. Mein Vertrag lief zwar aus, aber ich hatte viele Anfragen von anderen Vereinen. Der Lehrerberuf war als kleiner Junge mein Traumjob, das war irgendwie immer im Hinterkopf. Und eines Morgens bin ich aufgewacht und wusste, was das Richtige für mich ist: Zu studieren, um Lehrer zu werden. Das war eine spontane und impulsive Entscheidung, doch ich war mir sofort sicher, dass es die Richtige ist. Eine Woche vorher habe ich darüber keine Sekunde nachgedacht, so eine Entscheidung zu treffen. Aber ich wollte kein Fußball-Profi mehr sein und bin zur Uni Bielefeld gegangen, habe alles organisiert.«

Haben Sie diese Entscheidung nicht mit der Familie oder Freunden diskutiert?

Rau: »Das war zu 100 Prozent mein Wille – ohne Einfluss von außen. Ich habe meinem Berater gesagt, dass er alle Verhandlungen abbrechen soll. Von einem Tag auf den anderen. Das viele Geld, das ich noch hätte verdienen können, war mir völlig egal! Ich wusste damals schon, dass ich diesen Ausstieg nie bereuen werde und tue es auch jetzt nicht. Ich wollte für den Rest meines Lebens das tun, was mir Spaß macht. Auch wenn Profi-Fußballer ein Traumberuf ist – das Leben in diesem Geschäft hat mir gereicht.«

Wie meinen Sie das?

Rau: »Der Druck in dieser Fußball-Welt ist enorm. Für mich war er aushaltbar, aber ich bin sehr froh, dass ich ihn nicht mehr spüre. Morgens aufzustehen und nicht auf pure Leistung gedrillt zu werden, das bedeutet mir viel. Das Fußball-Business wird sich nie ändern, selbst der Suizid von Robert Enke hat daran nichts geändert. Wenn es nicht läuft, stehst du öffentlich am Pranger. Es ist eine Scheinwelt, die keine Schwäche zulässt. Jeder denkt an sich. Mitgefühl und Menschlichkeit haben keinen Platz.«

Würden Sie Ihren Schülern trotzdem raten, Fußball-Profi zu werden?

Rau: »Prinzipiell ja. Aber nicht um jeden Preis. Ich habe in Braunschweig mein Abitur gemacht, nur deshalb konnte ich die Lehrerlaufbahn überhaupt einschlagen und hatte eine andere Perspektive. Mein Abi-Schnitt lag nur bei 3,7. Aber ich habe die Schule zu Ende gebracht. Viele alte Bekannte sind dagegen irgendwo hängengeblieben, ich habe wahre Tragödien miterlebt. Fußball darf nicht die einzige Karte im Leben sein. Gerade zu Beginn der Karriere war auch ich persönlich viel zu naiv. Das große, schnelle Geld ist sehr verlockend.«

Müssen Sie eigentlich arbeiten? Oder ist noch genug Geld aus der Profi-Karriere da?

Rau: »Ich habe ein riesiges Privileg, dass ich nicht aus finanziellem Druck arbeiten muss. Ich mache nur das, was mir Spaß macht. Das genieße ich. Dazu gehört ein Stück weit auch der Fußball, aber nur noch als Hobby: Mit meinem Verein TV Neuenkirchen sind wir im Sommer in die Kreisliga aufgestiegen. Der Fußball wird immer ein wichtiger Teil in meinem Leben bleiben, aber als Fan und Zuschauer. Ich denke gerne an meine Karriere zurück, aber ich verspüre keine Wehmut.«

Sie haben den Wechsel vom Fußballer zum Lehrer geschafft. Wie war der erste Moment vor einer Schulklasse?

Rau: »Diesen Moment kann man nicht planen, oder sich im Studium darauf vorbereiten. Es war ein tolles Gefühl! Ich wusste endgültig, dass ich alles richtig gemacht habe, mir ging es einfach gut. Für mich ist es eine Aufgabe mit Sinn: Mit Schülern zu arbeiten, zu erklären, Lerninhalte pädagogisch anzugehen – ein unfassbarer Unterscheid zum Profisportlerleben, wo viele wirklich nichts außer Fußball im Kopf haben. Wobei mir die Erfahrung als Fußball-Profi als Lehrer sehr hilft.«

Inwiefern?

Rau: »Ich habe kein klassisches Schüler-Lehrer-Verhältnis. Die Schüler wissen, dass ich Nationalspieler war und sind dadurch oft umso motivierter. Sie hören mir gut zu, weil sie einen sehr hohen Grundrespekt vor meinen sportlichen Leistungen haben und wollen natürlich viel über diese Zeit wissen.«

Welche Ihrer Ex-Trainer wären auch gute Lehrer?

Rau: »Zum Glück waren nicht alle wie Felix Magath (lacht). Im Ernst: Ich erinnere mich im Unterricht oft daran, wie meine Trainer mit mir umgegangen sind. Ottmar Hitzfeld war ein toller Pädagoge, konnte super eine Gruppe anführen. Als Lehrer wäre er sicherlich toll. Und zu Felix Magath: Er hat eiserne Disziplin verlangt und keine Ausreden geduldet. Diese Werte lasse ich natürlich auch in meinen Unterricht einfließen.«

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