TSVE-Ass ist Deutscher: Oberbürgermeister Pit Clausen überreicht Amanal Petros die Einbürgerungsurkunde »Wir sind mit Ihnen gemeinsam stolz«

Bielefeld (WB). Diese Urkunde besiegelt seinen größten Erfolg: Amanal Petros (20) ist seit gestern offiziell deutscher Staatsbürger. Oberbürgermeister Pit Clausen sagte nach der kurzen Zeremonie vor Gästen im Naharyia-Raum mit spürbarer Wertschätzung: »Wir sind alle mit Ihnen gemeinsam stolz.«

Von Jörg Manthey
Oberbürgermeister Pit Clausen überreicht Amanal Petros die Einbürgerungsurkunde. Darüber, dass das TSVE-Ass jetzt Deutscher ist, freuen sich ebenso (von links): Karsten Stolle, Thomas Heidbreder, Gerd Grundmann und Petros’ Freundin Dorina.
Oberbürgermeister Pit Clausen überreicht Amanal Petros die Einbürgerungsurkunde. Darüber, dass das TSVE-Ass jetzt Deutscher ist, freuen sich ebenso (von links): Karsten Stolle, Thomas Heidbreder, Gerd Grundmann und Petros’ Freundin Dorina. Foto: Hans-Werner Büscher

Clausen würdigte das läuferische Aushängeschild der Metropole und dessen Vita als »Paradebeispiel«, wie Einbürgerung funktionieren kann. »Das ist ein ganz besonderer Moment für Sie. Was Sie erreicht haben, ist aller Ehren wert. Sie bekennen sich mit diesem Schritt zu den deutschen Grundwerten; dazu, sich mit ihrem Heimatland zu identifizieren.« Der Oberbürgermeister nutzte die Gelegenheit, seinen Unmut über die Mühsal des »Einbürgerungsabiturs« zu äußern. »Wir benötigen ein anderes Einwanderungsrecht. Ich würde mir wünschen, dass die Hemmnisse und Schwellen niedriger wären.«

Seit Freitag wusste Amanal Petros Bescheid. Seither war der Bürger in spe aufgeregter als vor großen Läufen. »Ich freue mich riesig und bin unendlich dankbar im Herzen. Mir fehlen die Worte, diesen Moment in Worte zu fassen.« Petros durfte vier Leute mit in den Nahariya-Raum nehmen. Neben Freundin Dorina wählte er seinen Mentor Gerd Grundmann (TSVE 1890), Trainer Thomas Heidbreder (SV Brackwede) und Physiotherapeut Karsten Stolle. Reinhard und Lydia Steinhoff aus Gütersloh, die 2013 ehrenamtlich die Vormundschaft für ihn übernommen hatten, konnten urlaubsbedingt nicht dabei sein.

Auch Mutter Asmeret in Wukro/Äthiopien hätte eigentlich an den großen Tisch gehört, fand Karsten Stolle, der Petros ein Präsent überreichte. Stolle »knetet« Petros sowohl in Bielefeld als auch bei Wettkämpfen ehrenamtlich. Er erinnerte an die DM in Nürnberg und einen beflügelnden Anruf. »Amanal ist als Äthiopier auf meine Liege gegangen und als Deutscher wieder abgestiegen. Wir haben geweint.« Die Bronzemedaille über 5000 Meter sei der Erfolg eines »super Teamplays« gewesen. »Du hast einen tollen Job gemacht. Ich hatte eine super Gänsehaut«, bekannte Stolle in seiner herzlichen Ansprache. Und mit einem Augenzwinkern: »Nur eines musst du noch lernen: Pünktlichkeit.«

Gerd Grundmann stellte Stolles uneigennütziges Engagement heraus. »Einfach großartig. Am Erfolg teilhaben, ist die eine Sache. Jemanden mit zum Erfolg zu führen, die andere.«

Diese Einbürgerungszeremonie beendete, was am 26. Januar 2012 seinen Anfang genommen hatte, als Amanal Petros im winterlichen Frankfurt/Main gelandet war, allein und mittellos. »Wie Sie sich in unsere Stadt integriert haben, ist großartig«, lobte Pit Clausen. Gerd Grundmann, Petros’ längster Wegbegleiter, bescheinigte dem »eine sensationelle Wandlung« und klopfte ihm auf die Schulter: »Du bist jetzt ein deutscher Junge.« Diesen Tag müsse Petros als »kleinen Schritt begreifen. Er darf sich darauf nicht ausruhen.« Auch für Gerd Grundmann, der die Integration des Vorzeigemigranten in den zurückliegenden dreieinhalb Jahren maßgeblich begleitet hatte, war die gestrige Feierstunde eine große Bestätigung. Grundmann hatte stets im Blick, den begnadeten Ausdauerläufer nicht nur sportlich voranzubringen, sondern auch auf die Anforderungen des Lebens in diesem Land vorzubereiten. »Diese persönliche Starthilfe war schon außergewöhnlich. Da steckt viel Herzblut drin. Amanal ist so etwas wie ein Sohn für mich geworden.«

Grundmann blickte gleichfalls auf dreieinhalb Jahre zurück, die mit einem Haufen Bürokratie verbunden waren. Die Nerven und Kraft gekostet haben. Als Asylant konnte Amanal Petros ja nicht einfach so in Rostock oder in Sindelfingen laufen. Da er NRW nicht verlassen durfte, musste sich Gerd Grundmann bei den Behörden jedes Mal Genehmigungen einholen. Und zwar rechtzeitig.

Der TSVE-Laufwart vermag nicht einzuschätzen, mit welchen Lockungen große Leichtathletikvereine wie Bayer Leverkusen oder TV Wattenscheid nun womöglich um Petros’ Gunst werben werden. »Wir haben hier nicht gerade ideale Sportstätten. Was wir haben, ist soziale Kompetenz. Damit können wir pfunden.« Vielleicht auch deshalb gab Pit Clausen neben besten Glückwünschen dem Ass eine Bitte mit auf den Weg. »Halten Sie dem TSVE noch lange die Treue.«

Thomas Heidbreder stellte vergnügt fest: »Dieser Tag eröffnet einige Möglichkeiten.«, Seit inzwischen drei Jahren feilt der A-Lizenztrainer der SV Brackwede am Laufvermögen des stärksten Athleten, den er jemals unter seinen Fittichen hatte. »Gerade die DM in Nürnberg hat gezeigt, dass sich in Sachen Grundschnelligkeit richtig was getan hat. Die Auswertung hat ergeben, dass Amanal die finalen 4500 bis 4900 Meter in 54 Sekunden gelaufen ist. Das hätte er noch vor einem Jahr nie geschafft.« Mit ihm ureigener Zurückhaltung fügt Heidbreder hinzu: »Amanal hat Potenzial, um Größeres zu erreichen.« Diesbezüglich befindet er sich im Austausch mit DLV-Bundestrainer Pierre Ayadi. Konkrete Planungen seien noch nicht formuliert. Mit der neuen Option, fortan an internationalen Meisterschaften teilnehmen zu dürfen, könnte Amanal Petros Ende des Jahres bei den Cross-Europameisterschaften in Frankreich die schwarz-rot-goldenen Farben erstmals vertreten.

Lächelnd doziert Amanal Petros: »Wenn man ein Ziel hat, kann man das auch erreichen. Du musst immer positive Gedanken nach vorne schicken. Immer denken: Du schaffst das!« Der Neubürger mit äthiopischen Wurzeln hat nach eigenen Angaben schon so manche deutsche Tugend inhaliert. Bloß ein Gefühl ist ihm gänzlich fremd: »Ich weiß gar nicht, wie sich das anfühlt, schlecht drauf zu sein.«
Den Hauptschulabschluss hat die Frohnatur in der Tasche. Als nächstes peilt Petros in der Abendschule den Erwerb der mittleren Reife an. Auch beruflich hat er feste Vorstellungen. »Physiotherapeut zu werden, ist mein Traum.«

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