Till Heienbrok vom LC Solbad ist derzeit der beste Stabhochspringer seines Jahrgangs
Gut zuhören – und dann abheben

Werther (WB). 2,44 Meter bis zur Unterkante der Latte plus 10 bis 12 Zentimeter Durchmesser der Querstange – so hoch ist nach offiziellem Regelwerk ein Fußballtor. Till Heienbrok ist am 25. Juli als Elfjähriger deutlich darüber hinweg gesprungen: Fünf Tage, bevor er am vergangenen Donnerstag zwölf wurde, hat er sich in Dülmen mit 2,90 Metern den Westfalenrekord im Stabhochsprung geholt. „Das schönste Geburtstagsgeschenk“, ist sich der Youngster vom LC Solbad Ravensberg mit Trainer Friedrich Puhlmann einig.

Dienstag, 04.08.2020, 16:01 Uhr aktualisiert: 04.08.2020, 16:04 Uhr
Auch über die Hürden mit guter Technik: Höhenflieger Till Heienbrok und Trainer „Otto“ Puhlmann bilden ein ideales Team. Foto: Gunnar Feicht

Alte Bestmarke hatte 19 Jahre Bestand

Seit 19 Jahren stand die westfälische Bestmarke der Jugendklasse M12 bei 2,81 Metern, bisher nur übersprungen von je einem Jungen aus Münster und Hamm. Gleich beim ersten Freiluft-Wettkampf im Corona-Krisenjahr hat Till Heienbrok diese beiden in Dülmen jetzt deutlich in den Schatten gestellt. Ist der Schüler des Gymnasiums Werther ein Überflieger, ein absolutes Ausnahmetalent?

Solche Schlagwörter wollen zu dem ruhigen, in seinen Wettkämpfen ausgesprochen abgeklärt wirkenden Blondschopf nicht passen. Auch sein Trainer hebt ganz andere Qualitäten hervor: „Tills wichtigstes Talent ist, dass er sehr gut zuhören kann. Und dann die Anweisungen und Hinweise, die man ihm gibt, hervorragend umsetzt.“

Friedrich Puhlmann, den Generationen von Leichtathleten in OWL nur „Otto“ nennen, muss es wissen. Der 73-jährige Coach, 1977 selbst Westfalenmeister im Zehnkampf, hat in der technisch schwierigsten Disziplin der Leichtathletik viele seiner Schützlinge zu außergewöhnlichen Höhenflügen befähigt. Und freut sich deshalb besonders über den kontinuierlichen Aufschwung der Leistungskurve: „Tills kalendarisches Alter passt genau zum biologischen, er bringt seine Leistungen nicht aufgrund eines frühzeitigen Wachstumsschubs. Das sind die besten Voraussetzungen, um sich auch langfristig weiter zu steigern, wenn er seine gute technische Grundlage im Wachstum mit härteren und längeren Stäben umsetzen kann.“

Trainer „Otto“ Puhlmann hat schon Tills Bruder Aaron Thieß geformt

Puhlmann hat schon Tills älteren Bruder Aaron Thieß (Jahrgang 2001) zu einem hervorragenden Mehrkämpfer geformt. Der Bielefelder ist 61 Jahre älter als sein jetziger Schützling. Aber der pensionierte Sport- und Erdkunde-Lehrer spricht bis heute genau die richtige Sprache, um leistungsbereite Jugendliche besser zu machen. „Ohne Otto wäre ich nie so weit wie jetzt. Das Training ist manchmal anstrengend. Aber wenn man sieht, was man geschafft hat und wie man sich verbessert, ist das ein tolles Gefühl“, sagt der Zwölfjährige.

Über seinen sieben Jahre älteren Bruder kam er zur Leichtathletik beim LC Solbad, hat sich erst als talentierter 800-Meter-Läufer erwiesen, war aber als Beobachter von Aarons Trainingssprüngen vor allem von der Stabartistik fasziniert: „So über die Latte zu fliegen, das wollte ich auch können. Als Anfänger ist es erst sehr schwierig, die Bewegungen reinzubekommen. Aber wenn man es erst mal drin hat, dann geht vieles automatisch“, findet Till.

Corona und schwere Handverletzung können Heienbrok nicht stoppen

Schon mit zehn Jahren bestritt er im September 2018 seinen ersten Stabhochsprung-Wettkampf. In Oelde, wo Aaron mit 4,21 Meter seine persönliche Bestleistung sprang, überquerte er 2,01 Meter – genau die Höhe, die sein Trainer erwartet hatte. Ein Jahr später steigerte er sich bereits auf 2,63 Meter und ließ in der Hallensaison 2019/20 einen Satz über 2,70 m folgen. In diesem Frühjahr schien der Aufwind einzuschlafen: Kein einziger Wettkampf wegen der Corona-Krise – und dann erlitt er Ende April zuhause auch noch eine schwere Handverletzung mit Daumen- und Ringfinger-Bruch. Das bedeutete wochenlang Gips – ein Riesen-Trainingsrückstand, bis die Hand, die am Stab so hohen Belastungen ausgesetzt ist, wieder richtig zupacken konnte.

Nach nur fünf gezielten Stabhochsprung-Einheiten waren beim Wettkampf-Comeback die 2,70 Meter das Ziel. Und das übertraf der Youngster dann gleich um erstaunliche 20 Zentimeter. Von 2,50 bis 2,90 Meter nahm er alle Höhen im ersten Versuch.

Puhlmann: „Tills Mut-Faktor ist außergewöhnlich hoch“

„Otto“ Puhlmann: „Als er die 2,80 gepackt hatte, habe ich innerlich gehadert: Die Höhen wurden im Zehn-Zentimeter-Abstand gesteigert, der Rekord lag ja bei 2,81.“ Aber Till besitzt eine Qualität, die bei der Höhenjagd genauso wichtig ist wie Athletik und eine hervorragende Technik: „Sein Mut-Faktor ist außergewöhnlich hoch. Er musste für die nächste Höhe einen härteren Stab nehmen, den er noch nie gesprungen war. Und hat es super hingekriegt“, lobt Puhlmann.

Das Resultat: Till Heienbrok rangiert in der gesamtdeutschen Bestenliste mit seiner Bestmarke sogar bei den zwei Jahre älteren M14-Jungen auf Rang sieben und ist in diesem Jahr bundesweit bisher Bester seines Jahrgangs 2008. Um dieses Potenzial auszubauen, ist er mit seinem Coach immer auf der Suche nach neuen Trainingsmöglichkeiten. Unterstützung erhält er dabei von seinem Sportlehrer David Rietz, wenn er die Taue in der Turnhalle zum Üben des „Aufrollens“ am Stab nutzen kann. Oder wenn es darum geht, einen gebrauchten Barren zu beschaffen, um die turnerischen Fähigkeiten zu verbessern, die bei größeren Höhen immer wichtiger werden.

Das erfolgreiche Duo steckt sich Ziele in kleinen Schritten – von Deutschen Meisterschaften, die erst für die Altersklassen ab 14 ausgeschrieben werden, oder gar einem Fernziel Olympia ist noch nicht die Rede. Der nächste Anreiz: eine mögliche Teilnahme am Mehrkampftag in Erfurt, wo Anfang September auch für die M12er schon ein Zehnkampf angeboten werden soll. Vielseitigkeit hilft – zweifellos auch bei Till Heienbroks Königsdisziplin, damit die Flüge noch höher werden.

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